Familieninterview
«Ich wollte nie den Oberlehrer spielen»

Vierzig Jahre im Journalismus sind genug, fand mein Vater. Nach einer Ausbildung zum Gerontologen leitet Beat Bühlmann nun ein Altersprojekt der Stadt Luzern.

Manuel Bühlmann
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Am Vierwaldstättersee in Luzern: Manuel Bühlmann mit seinem Vater Beat Bühlmann

Am Vierwaldstättersee in Luzern: Manuel Bühlmann mit seinem Vater Beat Bühlmann

Chris Iseli

Sein letzter Tag als Journalist, der 1. März 2012, war gleichzeitig der erste meiner Stage bei der «Nordwestschweiz». So wollte es der Zufall. Wir treffen uns zum Gespräch in seinem Büro im Luzerner Stadthaus.

Hast du ein schlechtes Gewissen, dass ich wegen dir in einem Job mit ungewissen Zukunftsperspektiven gelandet bin?

Der Gesprächspartner

Beat Bühlmann (61) wuchs in Rothenburg auf und begann noch während der Schriftsetzerlehre für die Luzerner Neusten Nachrichten (LNN) zu schreiben. Während 24 Jahren arbeitete er beim Tages-Anzeiger, zuerst als Zentralschweizer Korrespondent, dann als Inlandredaktor in Zürich. Seit Frühjahr 2012 leitet er das Projekt «Altern in Luzern». Er ist zudem Lehrbeauftragter an der Hochschule Luzern. Manuel Bühlmann (26) ist mit seiner älteren Schwester in Sursee aufgewachsen. Er hat in Bern Geschichte und Politikwissenschaft studiert. Seit März absolviert er bei der «Nordwestschweiz» eine zweijährige Stage und die Diplomausbildung Journalismus am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern. (NCH)

Beat Bühlmann: Ein schlechtes Gewissen? Überhaupt nicht. Ich habe dich ja bewusst nicht dazu gedrängt, Journalist zu werden, und mich eher zurückgehalten. Ich finde, du hast dir einen spannenden und vielseitigen Beruf ausgesucht.

Du hast mich bei der Berufswahl nicht beeinflusst?

Ich hatte nie das Gefühl, meine Kinder müssten Journalisten werden. Einen Einfluss hatte wohl eher, dass zu Hause immer Zeitungen herumgelegen sind, dass wir über Medien gesprochen oder auch mal politisiert haben. Ein Förderprogramm war es aber sicher nicht.

Stimmt, ich habe es nie so wahrgenommen, dass du mich dazu ermutigt hättest. Die Faszination für den Journalismus hast du mir wohl eher unbewusst weitergegeben. Indem ich gesehen habe, wie spannend der Beruf sein kann. Was ist das für ein Gefühl, dass ich in deine Fussstapfen trete?

Ein wenig stolz bin ich schon, dass du jetzt auch als Journalist arbeitest. Es ist interessant, von dir zu hören, wie du den Beruf erlebst. Aber umgekehrt gefragt: Ist es dir nicht unangenehm, dass dein Vater vor dir jahrzehntelang in der gleichen Branche tätig war und sich einen Namen gemacht hat?

Das stört mich nicht. Vermutlich besteht eine gewisse Erwartungshaltung, aber damit kann ich umgehen. Diese Konstellation hat aber auch den Vorteil, dass ich dich ab und zu um Rat fragen kann. Den Eindruck, dass du dich aufgedrängt hättest, hatte ich allerdings nie.

Das wäre mir auch unangenehm. Ich wollte nie den Oberlehrer spielen, der dir ständig Ratschläge erteilt. Das wäre völlig daneben. Ich hoffe nicht, dass ich das mache.

Selten (lacht). Warum bist du eigentlich nach deiner Schriftsetzerlehre Journalist geworden?

Vielleicht aus einem politischen Antrieb und einem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Und um neugierig sein zu dürfen - beruflich legitimiert.

Ist denn deine Generation mit dem Anspruch in den Journalismus eingestiegen, die Welt zu verbessern?

Weltverbessern ist ein zu grosses Wort. Du kannst in diesem Beruf gut auf Entwicklungen hinweisen, die in eine falsche Richtung laufen, neue Diskussionen anstossen: Sei dies bei der ökologischen Landwirtschaft, der Zersiedelung oder der Gleichstellung von Behinderten, um ein paar meiner eigenen Themen zu nennen.

Von altgedienten Journalisten hört man oft - direkt oder unterschwellig -, dass früher vieles besser war. Siehst du das auch so?

Ob wirklich alles besser war, kann ich nicht sagen. Worum ich dich beneide, ist deine Ausbildung. Das MAZ gab es zu meiner Zeit nicht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass über die Jahre alles schnelllebiger und oberflächlicher geworden ist. Es bleibt weniger Zeit, um für Reportagen das Büro zu verlassen. Für mich bedeutet Journalismus, Leute zu treffen und sich vor Ort ein Bild zu machen. Viele Geschichten entstehen erst draussen. Heute ist das fast schon zum Luxus geworden. In dieser Hinsicht hat der Job an Attraktivität verloren. Andererseits vereinfacht etwa das Internet das Recherchieren enorm.

Die technischen Fortschritte haben die Arbeit insgesamt sicher erleichtert. Den Brand der Kapellbrücke etwa hättest du wohl kaum verpasst, wenn du 1993 bereits ein Handy gehabt hättest.

Ich habe geahnt, dass du diese Geschichte wieder aufwärmen würdest.

Wie konnte es passieren, dass du als damaliger Zentralschweiz-Korrespondent des Tages-Anzeigers erst mit grosser Verspätung davon erfahren hast?

Ausnahmsweise verpasste ich an diesem Morgen die DRS-Frühnachrichten. Erst in Zürich erfuhr ich von der Chefsekretärin, dass die Kapellbrücke in der Nacht gebrannt hatte. Das war für mich ein Trauma als Journalist - etwas Wichtiges passiert und du bist nicht dabei.

Aber du konntest trotzdem noch über den Brand berichten?

Die Pressekonferenz war bereits vorbei, als ich in Luzern war. Ich musste mir etwas einfallen lassen, um anschaulich darüber schreiben zu können. So bin ich mit dem damaligen Stadtpräsidenten auf die rauchende Brücke gegangen. Dies hat mir dann immerhin zu einem stimmigen Einstieg in den Artikel verholfen. Journalismus heisst vielfach improvisieren. Das ist das Faszinierende daran. Allerdings kann es stressig sein, auf unerwartete Ereignisse schnell reagieren zu müssen - wie beim Attentat in Zug. Das fordert einen immer wieder heraus.

Wie hält man diesem Druck während so vieler Jahre stand?

Mit Stress konnte ich immer relativ gut umgehen. Geholfen hat mir auch, dass ich immer Teilzeit gearbeitet habe. Das Jobsharing als Korrespondent mit einem 50-Prozent-Pensum war ein grosser Glücksfall für mich. In den 80er-Jahren waren solche Arbeitsmodelle ungewöhnlich.

War es schwierig, das Hausmann-Dasein mit der Karriere als Journalist zu vereinbaren?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin ambitioniert, aber nicht der Karrieremensch. Für mich war es sowohl beruflich als auch privat eine optimale Lösung. Rückblickend war das einer meiner besten Entscheide. Neben dem spannenden Beruf hatte ich so genügend Zeit für deine Schwester und dich. Wie war das eigentlich für dich, dass deine Eltern abwechslungsweise zu Hause waren?

Als Kind fand ich das sehr gut. Die Abwechslung habe ich immer geschätzt. Zum Beispiel war die Mutter grosszügiger beim Einkaufen und kreativer beim Basteln; dafür konnte ich mit dir Velo fahren und Fussball spielen.

War es dir nie peinlich, dass dein Vater Teilzeit-Hausmann war?

Nein, ausser einmal, als du über deinen Alltag als Hausmann geschrieben hast. Ich war zehn und musste für die Schule stricken. Im Artikel stand dann, dass ich vor dem TV gestrickt habe. Das war mir peinlich. Zum Glück haben meine Kollegen damals nicht den Tagi gelesen.

Deine Mutter hat sich genervt, dass der Fotograf und ich für das Bild, das mich wäschebügelnd zeigte, im ganzen Wohnzimmer Spielsachen verteilten. Die Unordnung auf dem Foto hält sie mir heute noch vor. Später habe ich erfahren, dass der Tagesleiter gesagt habe, jetzt wisse man endlich, was Bühlmann den ganzen Tag mache, wenn er nicht auf der Redaktion sei.

Serie: Redaktoren im Gespräch mit Verwandten

Weihnachten und die ersten Tage im neuen Jahr sind die Zeit der Familie. Wie jedes Jahr geht man bei der Grossmutter auf Besuch oder lädt die lieben Verwandten ein. Auch Redaktoren und Redaktorinnen der «Nordwestschweiz» haben ein spannendes Familienmitglied getroffen - und mit ihm ein persönliches Gespräch geführt. Entstanden ist eine achtteilige Serie.

Nein, das war kein Problem. Vielleicht hab ich das auch nicht mitbekommen. Es wäre mir aber auch egal gewesen. Eher musste ich mich daran gewöhnen, in der Spielgruppe oder auf dem Spielplatz oft der einzige Vater unter all den Müttern zu sein.

Zurück zum Journalismus: Die Medienbranche ist im Umbruch; wie es weitergeht, steht in den Sternen. Kannst du dir vorstellen, eines Tages die Zeitung digital und nicht mehr auf Papier zu lesen?

Zeitungen gehören für mich aufs Papier. In dieser Hinsicht bin ich als ehemaliger Setzer ein wenig altmodisch. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, künftig Bücher auf dem iPad in die Ferien mitzunehmen, um weniger schleppen zu müssen.

Was wünschst du dir vom Journalismus der Zukunft?

Dass man die Medien nicht nur als Geschäft versteht, sondern auch als unverzichtbarer Teil einer demokratischen Gesellschaft. Aufklärender Journalismus soll die Bürgerinnen und Bürger befähigen, politische Entscheide zu treffen. Und als Leser wünsche ich mir, dass sich Journalisten nicht an den Schreibtisch fesseln lassen, sondern rausgehen und neue Themen setzen.

Auf mich wirkt es so, als würde dir der Journalismus bisher gar nicht fehlen. Täuscht das?

Nein, ich habe den Entscheid noch keine Sekunde bereut. Die neue Aufgabe ist ebenso spannend.

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