Marc Palino Brunner

«Ich weiss nicht, wer ich bin»

Marc Palino Brunner steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Foto: zvg

Marc Palino Brunner

Marc Palino Brunner steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Foto: zvg

Seit 30 Jahren steht Marc Palino Brunner auf der Bühne. Mal als Therapeut, Banker oder Chanson-Diva, mal als Hochseilartist hoch über Baden. Im Interview sagt Palino, warum ihn mit Baden eine Hassliebe verbindet.

Melanie Bär

Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne. Sind Ihre Kinder auch künstlerisch tätig?
Mein Sohn besucht noch die Schule und möchte auf keinen Fall in diese Sparte einsteigen (lacht). Meine 20-jährige Tochter hat eine Lehre als Coiffeuse gemacht und absolviert zurzeit in Zürich eine Schauspielausbildung. Sie ist auf dem Weg ins Theater, was mich unheimlich freut.

Ihre Tochter steht am Anfang und Sie mittendrin. Was waren für Sie als Künstler bisher die wichtigsten Stationen?
Ich bin ein Mensch, der nicht in Stationen lebt. Ich versuche, im Moment zu leben. Obwohl mir das überhaupt nicht immer gelingt, weil ich mich oft mit Ideen und Projekten beschäftige.

Sie sagen «sich treu bleiben heisst, sich stets zu verwandeln». Wer waren Sie früher und wer sind Sie heute?
Ich weiss nicht, wer ich bin. Es ist dummes Zeug, wenn jemand behauptet, er wisse, wer er ist. Ich würde lediglich sagen, es gibt Zustände, in denen ich mich wohlfühle.

Welche Zustände sind das?
An Orten und bei Situationen, wo sich andere genieren. Beispielsweise in archaischen Gesellschaften. Bei Menschen, die niemandem etwas vormachen. Das können Kinder oder Behinderte sein, aber auch fremde Gesellschaften wie Clochards oder Prostituierte.

Als Künstler machen Sie ja aber genau das Gegenteil: Sie zeigen nicht Ihr wahres Ich, sondern spielen eine Rolle . .
Ja, das mag vielleicht widersprüchlich klingen. Als Künstler verwandle ich mich zwar, und trotzdem gebe ich mich so, wie ich mich gerade fühle.

Wie fühlen Sie sich gerade?
Ich merke, dass ich momentan zu viel arbeite und keine Geduld mehr habe. Es kommt gerade viel zusammen; das Theaterfestival in Gerona, die Buchpublikation und die Regiearbeit.

Ihre Kindheit haben Sie in Wettingen verbracht, die Künstlerkarriere in Paris gestartet. Danach waren Sie in Mailand und Zürich tätig. Warum sind Sie 1982 nach Baden zurückgekehrt?
Baden ist meine Heimat. Trotz Auslandaufenthalten hatte ich als 25-Jähriger viele Freunde in Baden. Mit ihnen zog ich in eine Wohngemeinschaft an die Rathausgasse. Der Hausbesitzer hatte einen freien Keller, den er uns zur Verfügung stellte. Wir haben ihn zum eigenen Theater umgebaut und eine Bühne daraus gemacht. Obwohl ich auch viel unterwegs war, spielte ich immer wieder im eigenen Theater, in dem ich eigene Projekte realisieren konnte. Dadurch blieb ich in Baden verwurzelt.

Was bedeutet Ihnen Baden?
Es ist eine Art Hassliebe. Ich möchte ständig gehen und kehre doch immer wieder zurück. Wenn ich in Baden bin, spüre ich eine grössere Unruhe in mir, als wenn ich mich in einer Weltstadt aufhalte. In Baden bebt der Boden mehr als in einer Weltstadt. Das hat damit zu tun, dass man in einer Kleinstadt wie Baden ständig beobachtet wird. Man exponiert sich stärker als in einer Grossstadt.

Wie der Prophet, der nirgends weniger gilt als im eigenen Vaterland?
Ich sehe mich nicht als Prophet. Aber es kommt vor, dass man als Kunstschaffender nicht geschätzt wird. Die einen mögen mich und die anderen nicht.

Wie gehen Sie damit um?
Es gehört zur Aufgabe eines Künstlers, zu spalten. Wenn die Hälfte des Publikums mein Theater eine Katastrophe findet und es der anderen Hälfte gefällt, dann reden alle darüber. Genau das möchte ich: Reaktionen und Anteilnahme auslösen. Egal, ob sie positiv oder negativ ausfallen.

Tut es nicht weh, wenn über Ihre Kunst, oder sogar über Sie als Person, schlecht geredet wird?
Doch. Vor allem, wenn die Kritik vernichtend ist.

Haben Sie in solchen Situationen nie ans Aufgeben gedacht?
Ganz aufgeben ist für mich undenkbar. Ich könnte mir aber vorstellen, die Theaterarbeit abzugeben und mich einmal ganz dem Schreiben oder dem Chansonssingen zu widmen.

In Ihrer Karriere mussten Sie auch Tiefschläge einstecken. Beispielsweise, als das Wetter Ihnen während der Freilichtaufführung King-Lear im Sommer 2001 einen Strich durch die Rechnung machte. Das hat Sie damals fast in den Konkurs getrieben. Welche Auswirkungen hatte diese Freilicht-Pleite auf Ihr späteres Schaffen?
Im Nachhinein sehe ich es als grossen Fehler, dass ich nicht auf die Ratschläge vieler Leute gehört habe, die mich vor dieser wetterabhängigen Freilichtaufführung gewarnt haben. Wir mussten uns rund fünf Jahre damit beschäftigen, die Schulden wieder zu begleichen. Das hatte zwar keine Auswirkung auf ein Wesen, meine Träume und Visionen. Doch mein Umgang mit Ratschlägen hat sich verändert. Dankbar bin ich auch der Stadt Baden und den Politikern, die das Defizit schlussendlich übernommen haben und von denen ich viel Goodwill zu spüren bekam.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Planen ist nicht mein Ding. Ich schaue höchstens drei, vier Monate voraus. Aber Visionen und Träume habe ich natürlich.

Und die wären?
Ich hätte Lust, wieder mal als Clown aufzutreten. Und ich möchte Leute anregen: zum Denken, zum Empfinden und zum Glücklichsein.

Was ist für Sie Glück?
Etwas, das immer hinter einem steht. Man muss sich nur danach umdrehen. Glück ist eine Empfindung, an der man sich orientieren muss. Ich vertraue der Sehnsucht und meinen Wünschen.

Pünktlich zum 30-Jahr-Bühnenjubiläum erscheint ein Kunstbuch über Sie. Geht damit ein Wunsch von Ihnen in Erfüllung?
Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, selber ein Buch über mich zu machen. Es ist auf Anregung vom Badener Historiker Bruno Meier entstanden. Er ist ein Nachbar und Freund von mir. Aber die Bucherscheinung freut mich natürlich. Darin sind viele Fotos abgedruckt. Es kommen auch kritische Stimmen zu Wort. Mir war wichtig, dass es keine Lobhudelei wird. Es ist schliesslich kein typisches Firmenjubiläum.

Und was erwartet den Zuschauer am Weihnachtsvarieté vom 18. bis 21. Dezember?
Ich will nicht Ausschnitte aus meinen 50 Produktionen zeigen, sondern die verschiedenen Handwerke des Theaters. Ein dramatisches Theater, in dem die Bereiche Artistik, Lyrik, Poesie, Schauspiel, Musik und Seiltanz zu sehen sein werden. Artisten aus dem In- und Ausland sind eingeladen. Jeder Artist sorgt für einen künstlerischen Höhepunkt. Ich selber werde singen und von 30 Musikern der hochkarätigen Bigband der Fachhochschule Nordwest Schweiz begleitet.

Weihnachtsvarieté zum Jubiläum 30 Jahre Bühne Palino am 18. und 19.12., Kurtheater Baden, am 20.12., Stadtsaal Zofingen und am 21.12., KUK Aarau. Infos unter www.palino.ch

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