Vor einem Jahr wurde Ihre Tochter Lucie ermordet. Wie gehen Sie heute damit um?

Nicole Trezzini: Ich dachte zuerst, dass ich nicht weiter leben könnte, aber ich lebe. Lucie ist nicht mehr da, sie ist in meinem Leben aber präsenter als je zuvor. Ich habe ein Kind verloren. Es ist wie einen Arm zu verlieren. Es tut weh, man spürt einen grossen Schmerz. Später hat man keine Schmerzen mehr, aber der Arm ist nicht mehr da. Das sehe ich jeden Tag. Der Arm ist nicht mehr da. Das Leben geht weiter. Ich habe das Leben gern.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Nicole Trezzini: Ich habe noch zwei Kinder, die sind da, die brauchen mich. Ich habe auch wieder gearbeitet, zur Zeit mache ich gerade eine Pause, ich werde aber wieder arbeiten, ich habe meine Arbeit sehr gerne, das hilft mir

auch, es gibt mir Kraft. Ich rede gerne über Lucie, ich will nicht, dass sie vergessen geht, auch wenn es mir manchmal weh tut.
Roland Trezzini: Ich bin noch immer traurig. Lucie ist in unseren Herzen immer da. Ich weine jeden Tag. Es fällt mir schwer zu arbeiten, der Alltag hat sich sehr verändert. Es ist schwierig sich zu konzentrieren, gerade jetzt, wo sich der Vorfall jährt.

Was machen Sie morgen?

Roland Trezzini: Ich habe noch nichts geplant. Ich werde den Tag sicher Lucie widmen, ich werde das aus dem Moment heraus entscheiden.

Wenn Sie heute zurückblicken auf jene Tage, als Sie ihre vermisste Tochter suchten, was bleibt haften?

Roland Trezzini: Die Tage des Wartens waren sehr schmerzhaft, vor allem, weil wir von den Behörden nicht unterstützt wurden. Nur unsere Freunde haben uns geholfen. Wir fühlten uns sehr alleine gelassen.

Das war dann auch ein Grund, der sie anschliessend für Verbesserungen kämpfen liess.

Nicole Trezzini: Es ist wichtig, etwas zu tun. Lucie ist nicht einfach tot und damit hat es sich. Wir verstanden, dass sich etwas ändern musste. Dafür kämpfen wir.

Das heisst?

Nicole Trezzini: Wir hatten kein nationales Alarmsystem für Entführungsfälle. Was zuerst wegen Schweizer Föderalismus unmöglich schien, wurde rasch umgesetzt. Das ist schon mal was.
Roland Trezzini:
Wir haben zwei Ziele verfolgt. Das erste, das nationale Alarmsystem, ist erreicht. Das zweite betrifft der Umgang mit gefährlichen Straftätern. Unsere Klage soll helfen, dass die Strafbehörden die Gesetze in solchen Fällen strenger anwenden, gerade dann, wenn es darum geht, ob ein Verbrecher wieder in die Freiheit entlassen wird oder nicht.
Nicole Trezzini:
Wir sind überzeugt, dass damals Fehler gemacht wurden. Der Untersuchungsbericht kommt zum Schluss, dass es am System liegt. Wenn wir nun kämpfen, dann auch deshalb, um Verbesserungen zu erreichen.

Wie stehen Sie zum Täter? Hatten Sie Kontakt?

Nicole Trezzini: Ich denke nie an den Täter, nein. Ich habe ihn nie gesehen. Ich werde ihn am Prozess sehen. Er ist nicht in meinem Leben. Warum sollte ich mit ihm sprechen? Was kann er mir sagen? Ich denke, dass er krank ist. Er braucht Hilfe.
Roland Trezzini:
Ich denke nicht an ihn. Ich ignoriere ihn, auch ich denke, dass er krank ist. Ich denke an Lucie. Ich denke daran, was man in einer solchen Situation besser machen kann.

Haben Sie keinen Hass auf ihn?
Nicole Trezzini: Hass tut weh, Hass hilft nicht.

Sie hatten zuletzt auch Kontakt mit den Aargauer Behörden, auch mit Regierungsrat Urs Hoffmann. Wie war das?

Roland Trezzini: Alle Kontakte mit den Aargauer Behörden sind heute sehr angenehm, sehr menschlich. Sie geben uns zu verstehen, dass sie wirklich Verbesserungen wollen. Das gilt auch für die Schwyzer Behörden. Die Aargauer wollen die Fehler wirklich ans Tageslicht bringen. Das zeigt auch die Untersuchung, die sie gemacht haben.

(Aufgezeichnet: rsn/pir/mac)