Homosexualität
«Ich war ja auch nicht der schwule Dorfschullehrer»

Der Meisterschwander Raymund Fuchs, Vizepräsident von Aargay, spricht über sein Coming-out und Schwule in Lehrbüchern. Am 6. Juni nimmt er an der Parade des Festivals Europride teil.

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Aargay-Vizepräsident Raymund Fuchs

Aargay-Vizepräsident Raymund Fuchs

Aargauer Zeitung

Irena Jurinak

Noch bis zum 7. Juni ist Zürich «The Gay Capital of Switzerland» - die Haupstadt der Homosexuellen. Die Limmatstadt richtet dieses Jahr das grösste lesbisch-schwule Festival Europas Europride aus. An der Schluss-Parade, die am 6. Juni stattfindet, nimmt auch Aargay, der Aargauische Schwulenverein, teil. Raymund Fuchs, Vizepräsident von Aargay, hat sich vor 20 Jahren geoutet und erlebte Meisterschwanden toleranter als die Stadt Zürich.

Kennt man Sie in Meisterschwanden?
Raymund Fuchs: Für mich war es bei meinem Coming-out sehr selbstverständlich, auf dem Land zu wohnen. Ich habe hier bei der Schifffahrtsgesellschaft als Schiffsführer gearbeitet und war relativ integriert im Dorf. Als ich dann von einer Frauen- in eine Männerbeziehung gewechselt habe, haben das alle mitbekommen.

Zur Person

Raymund Fuchs war zu Beginn der 90er-Jahre eines der Gründungsmitglieder des Aargauischen Schwulenvereins Aargay (früher Barbarosa). Während seines Coming-outs vor 20 Jahren lebte er in Meisterschwanden und arbeitete als Schiffsführer auf dem Hallwilersee. Er lebte einige Jahre in der Stadt Zürich und ist seit seiner Rückkehr nach Meisterschwanden wieder im Vorstand von Aargay als Vizepräsident tätig. Der 50-jährige Sozialpädagoge lebt mit seinem Partner zusammen und arbeitet in seiner Freizeit noch immer ab und zu als Schiffsführer auf dem Hallwilersee. (ju)

Wie haben die Meisterschwander vor 20 Jahren auf ihr Coming-out reagiert?
Fuchs: Auf dem Land ist es teilweise schwierig, diesen Schritt zu tun, weil er sehr konkret ist. Es gibt keine Gay-Community in Meisterschwanden, ich kann nicht nur noch unter Schwulen verkehren, sondern bin direkt mit den Menschen konfrontiert. Diese Konfrontation war für mich in Meisterschwanden aber immer nur positiv, ich habe nie etwas Negatives erlebt.

Ist es in einem Dorf nicht schwieriger, offen schwul zu leben als in der Stadt?
Fuchs: Im Gegenteil, in Zürich musste ich sogar vorsichtiger sein, wo ich mit meinem Partner Arm in Arm herumlaufe oder wo ich ihm einen Kuss gebe. Ich wurde schon zweimal angegriffen. Auf dem Land schützt einen die soziale Kontrolle, die Stadt ist viel anonymer. In Fahrwangen gab es in den 20er-Jahren einen Transvestiten. Er kam in Frauenkleidern zum Dorffest und jeder wusste, er ist ein Mann und er steht auf junge Männer, aber er wurde von der Dorfgemeinschaft geschützt.

Gehen Sie mit Ihrem Partner händchenhaltend durchs Dorf?
Fuchs: Ja, natürlich. Schon früher, wenn mein Mann zu mir aufs Schiff kam, umarmte ich ihn und gab ihm einen Kuss. Ich habe nie darauf geachtet, was die anderen denken. Das hat eine psychologische Wirkung. Wenn man immer darauf achtet, was die anderen denken, zeigt man eine Unsicherheit und in diesem Moment kann es sein, dass die Situation kippt.

Hat sie nie jemand auf die öffentlichen Zärtlichkeiten angesprochen?
Fuchs: Nein. Und das ist schon 20 Jahre her. Männer, die auf dem Land ein schwules Leben führen, machen das teilweise offener als in der Stadt. Wenn ich hier ein Coming-out habe, dann wissen es alle. Hingegen gibt es in der Stadt viele Männer, die zwar sagen, sie leben ihre Neigung offen aus, dabei wissen es weder die Eltern noch die
Arbeitskollegen.

Sind die Einwohner von Meisterschwanden also sogar toleranter als Städter?
Fuchs: Alle haben sehr herzlich reagiert. Schön war, dass einige Leute ganz direkte Fragen gestellt haben. Aber ich war ja auch nicht der schwule Dorfschullehrer. Ich denke, das ist der einzige heikle Punkt: die Erziehung von Kindern und das Thema Adoption. Sobald es um Erziehung geht, kommt bei Menschen, die sonst uns Schwulen gegenüber sehr offen sind, die Frage, wollen wir wirklich, dass die unsere Kinder schwul machen? Die fundamentalistisch-religiösen und rechten Kreise werfen uns gar vor, wir würden die Gesellschaft unterwandern und seien der Untergang der Familie.

Verstehen Sie es, wenn ein Lehrer seine Neigung lieber für sich behält, um seinen Job nicht zu verlieren?
Fuchs: Nein. Hat ein Mann seine Neigung für sich geklärt, dann kann er auch Lehrer sein. Wenn man als schwuler Lehrer in eine Gemeinde kommt, in welcher man deswegen gemobbt wird, und die Gemeinde das nicht unterbindet, muss man sich ehrlich fragen, ob man am richtigen Ort ist. Denn auch wenn ich mich nicht oute, bin ich dann wohl nicht am richtigen Ort.

Muss Homosexualität in der Schule stärker thematisiert werden?
Fuchs: Klar. Ich lese manche Bücher nur, weil sie eine schwule Geschichte erzählen und eine Identifikation mit den Figuren stattfinden kann. Es wäre wünschenswert, dass in Schulbüchern für alle Altersstufen Geschichten vorkämen, in welchen zwei Männer oder zwei Frauen zusammenleben oder zwei Männer ein Kind erziehen. Mein Partner und ich haben allen unseren Neffen und Nichten das Kinderbuch König und König geschenkt. Das Buch handelt von einem König, der viele Prinzessinnen vorgestellt bekommt und mit keiner richtig warm wird, schliesslich verliebt er sich in einen Prinzen, der aufs Schloss kommt.

Was erhoffen Sie sich von homosexuellen Geschichten in Schulbüchern?
Fuchs: Eine Beziehung zwischen Mann und Frau wird immer das Normale sein und somit das, was tradiert wird. Wenn auch wir in den Schul- oder sogar in den Geschichtsbüchern vorkommen, bekommen wir eine Verankerung in unserer Kultur. Das gäbe uns eine Legitimität, die sich nicht einfach abschaffen lässt. Darum ist es auch wahnsinnig wichtig, dass wir Kinder adoptieren können.

Warum?
Fuchs: Das würde unserer Art zu leben und zu lieben mehr Normalität geben, weil das bedeutet, wir können genauso ein Kind in die Normalität erziehen wie eine Frau und ein Mann. So viele Kinder haben keinen Vater, geschweige denn eine männliche Bezugsperson, weil sie bei der Mutter aufwachsen und nur Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen haben. Niemand, der heterosexuell empfindet, wird schwul, weil er mit schwulen Vätern aufwächst. Das ist Mumpitz.

Verbessern homosexuelle Menschen, die im öffentlichen Leben stehen, das Image?
Fuchs: Ich denke schon, öffentliche Personen wie Kurt Aeschbacher oder Zürichs lesbische Stadtpräsidentin Corinne Mauch haben einen Multiplikationsfaktor, der uns extrem hilft. Im Aargau kenne ich bisher zwar noch keinen homosexuellen Gemeinderat, das ist ein Punkt, der mich interessieren würde. Ich denke, es ist möglich, auch als Politiker in einem Aargauer Dorf offen schwul zu leben. Es hängt in Dorfgemeinschaften von einem selber ab und wie offen man mit seiner Neigung umgeht.

Wäre es einfacher, wenn mehr homosexuelle Menschen offen dazu stehen würden?
Fuchs: Ja. Und das muss nicht plump sein, ich bin noch nie wohin gegangen und habe gesagt: «Hallo, ich bin schwul.» Es gibt im Alltag so viele Gelegenheiten, bei welchen man gefragt wird, ob man eine Familie hat, wie man lebt und mit wem man in die Ferien geht. Im Film über den homosexuellen US-Politiker Harvey Milk sagt dieser, die grösste Waffe gegen Intoleranz ist, wenn jeder und jede einen schwulen oder lesbischen Menschen kennt. Das erhöht die Barierre, auf uns loszugehen. Deshalb möchte ich alle schwulen Männer ermuntern, sich zu zeigen und in den Lebensgemeinschaften, in denen sie leben, präsent zu sein.

Kurt Aeschbacher, Patrick Rohr oder Sven Epiney. Stört sie das Klischee vom kreativen Schwulen nicht?
Fuchs: Wir haben das Glück, dass wir positiv klischiert werden. Ich wehre mich nicht dagegen, die Frage ist doch, wie geht man mit dem Klischee um. Ohne Kategorisierung kann der Mensch nicht leben, Klischees helfen einzuordnen. Wenn man sagt, Schwule sind genau wie Heteros, es gibt keine Unterschiede, werden wir irgendwie hilflos. Und wenn ich mich in meinem schwulen Freundeskreis umschaue, entsprechen viele homosexuelle Männer diesen Klischees. Sie interessieren sich häufiger als Hetero-Männer für Oper und Ballett, schauen den Eurovision Song Contest oder «Desperate Housewives».

Welches war die lustigste Frage, die im Zusammenhang mit Ihrem Schwulsein gestellt wurde?
Fuchs: Etwas vom Lustigsten ist die Frage, ob man in der Beziehung eher der Mann oder die Frau sei. Das ist eine sehr häufige Frage, die voll und ganz das Mann-Frau-Schema übernimmt. Die Chance am schwulen Lebensentwurf ist, dass man über Jahrtausende alte Rollenklischees herauskommt und jeder für sich entscheidet, wie viel Mann und wie viel Frau er ist.

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