Badenfahrt
«Ich trete das Festerbe mit Freude an»

Eliane Zgraggen (33) ist der kreative Kopf des Badener Stadtfestes 2012. Sie erzählt im Interview mit der AZ von ihren Plänen, der Frivolität des Badener Volkes und dem Unterschied zu Lenzburg.

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Eliane Zgraggen

Eliane Zgraggen

Aargauer Zeitung

Deborah Balmer und Corinne Rufli

2012 ist es wieder so weit: Baden bekommt ein Stadtfest. Die Lenzburgerin Eliane Zgraggen ist die neue Festgestalterin. Sie hat Visionen und Visuelles im Kopf - und viel Freude, das alles umzusetzen.

Sind Sie eine Partylöwin?

Eliane Zgraggen: Nein! Aber ich gehe schon manchmal gerne raus, und dann kann es auch zwei Tage dauern, bis ich wieder heimkehre. Was ich nicht mag, ist das Hippe, das oft zu wenig Inhalt hat.

Das ist etwas ungewöhnlich: Eine Lenzburgerin gestaltet das Badener Stadtfest.

Zgraggen: Lenzburgerin muss man relativieren. Nach sieben Jahren im Ausland bin ich hierhergezogen, auch weil ich in der Nähe aufgewachsen bin. Lenzburg ist einfach eine Station in meinem Leben, mein momentaner Wohnort.

Und wie kamen Sie zum Stadtfest?

Zgraggen: Ich habe über Umwege von der Suche nach einer Festgestalterin für Baden erfahren. Für meine Ideen war ich in Baden unterwegs und habe fotografiert und skizziert. Ich trat dann mit meinem Vorschlag vor das Komitee und sagte: «Ich würde es so machen.» Die Art meiner Arbeit hat ihnen gefallen.

Auch das Motto des Stadtfestes, «Geschichten schichten», ist von Ihnen. Was bedeutet es?

Zgraggen: Ich wollte etwas Baden-Typisches. Und die Schichten in Baden sind frappant. Da ist der Himmel, dann kommt das Schloss Stein, die Türme, das Zentrum, die Altstadt, und dann geht es vielleicht sogar in den Untergrund - man darf gespannt sein. Es geht von der Höhe in die Tiefe, und diese Schichten möchte ich am Stadtfest betonen.

Was ist mit den Geschichten?

Zgraggen: Am Stadtfest in zwei Jahren sollen Geschichten erzählt werden. So vieles ist denk-und realisierbar. Es wird unter anderem Projektionen geben, oder es werden auf verschiedenen Bühnen Geschichten erzählt. Die Vereine werden bestimmt viel Eigenes bringen, und ich bin gespannt darauf.

Das Schloss Stein scheint es Ihnen angetan zu haben - denn es steht im Mittelpunkt des Stadtfestes.

Zgraggen: Ja, das ist ein eindrücklicher Ort - es ist ein Zeitdokument. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie es ganz früher einmal ausgesehen hat. Es macht auch auf die Gewalt aufmerksam, die dort einmal herrschte. Es interessiert mich, und ich habe mich auch in die Geschichte eingelesen - das Schloss war einst im Besitz des Grafen von Lenzburg (lacht), dann im Besitz der Habsburger. Die zweite Schleifung fand 1712 durch die Berner und die Zürcher statt. Genau 300 Jahre wird es her sein am Stadtfest.

Vergleicht man das Schloss in Baden mit dem in Lenzburg, ist das in Baden eher eine Ruine. Wie sehen Sie das?

Zgraggen: Muss ich das beantworten? (lacht). Tatsächlich nannte ich es zu Beginn immer wieder «Ruine Stein» - ich wurde dann von den Badenern ein paar Mal darauf hingewiesen, dass es «Schloss Stein» heisst. Für mich ist eine Ruine mindestens genauso interessant.

Zurück zu Ihrem Job als Festgestalterin des Stadtfestes in Baden - was ist konkret Ihre Aufgabe?

Zgraggen: Ich kann vom Kleinen bis ins Grosse wirken. Also vom Pin bis zur Festkulisse. Ich möchte aber niemandem Fesseln anlegen. Ich präsentiere eine Vision, sie ist vielschichtig interpretierbar und ausbaubar. Ich erzähle meine Vision, und andere können versuchen, das umzusetzen. So gestalten die Verantwortlichen nicht alle Plätze selber. Einen Teil machen wie gesagt die Vereine. Es wäre schön, wenn inhaltlich ein einheitliches Bild geschaffen würde. Das Fest soll aber keine Kunstausstellung sein, sondern eben ein Stadtfest.

Welchen Hintergrund bringen Sie für Ihre Aufgabe mit?

Zgraggen: Ich bin selbstständige Illustratorin. In den letzten Jahren habe ich in Berlin, London und Lyon gearbeitet - in diesen Städten zählt weniger ein Diplom, sondern das, was du kannst. So konnte ich viele Erfahrungen sammeln. Das nützt mir jetzt für das Stadtfest: Ich verbinde Ideen und schaffe Konzepte und gerne auch konkret etwas selbst. Was ich nicht will, ist, mich auf einen Stil oder ein Thema zu beschränken.

Welche Erinnerung haben Sie selber an die letzte Badenfahrt?

Zgraggen: Ich sehe den Strom von Leuten, es war ein Verlieren und Wiederfinden von Freunden. Ich habe Schnappschüsse gemacht. Beeindruckt war ich von der Menge der Leute, die kamen.

Vor Ihnen war der vor einem halben Jahr verstorbene Marco Squarise über 30 Jahre lang für die Gestaltung der Badenfahrt zuständig. Sie treten in grosse Fussstapfen - keine Bedenken?

Zgraggen: Tatsächlich trete ich ein schweres Erbe an. Allerdings mit Freude und auch nicht allein. Squarise war schlicht ein Riesengestalter. Leider ist es für mich nicht mehr möglich, ihn als Mentor zu haben. Ich konnte ihn nie kennen lernen. Ich habe aber nicht seine Arbeit als Vorbild, sondern mache etwas Eigenes.

Soll das Stadtfest etwas komplett Neues sein?

Zgraggen: Nein, das wäre gar nicht möglich. Aber das Stadtfest ist keine Badenfahrt, auch keine kleine Badenfahrt. Es soll kleiner als die Badenfahrt sein und rhythmusunabhängig. Auch das Festgebiet ist weniger gross.

Kultur oder Beizen? Was hat einen höheren Stellenwert am Stadtfest?

Zgraggen: Die Kultur ist breit, es soll für jeden etwas haben.

Sie kennen das Gauklerfestival in Lenzburg - lassen Sie etwas davon auch in Baden einfliessen?

Zgraggen: Das Gauklerfestival ist ein geniales Fest. Das sind Idealisten, die zeigen, dass es sich lohnt, etwas auf die Beine zu stellen. Zudem ist es sehr international und findet auf kleinem Raum statt. Ja, es wird auch am kommenden Stadtfest in Baden Gaukler geben.

Baden gilt als lebensfrohe Stadt - wie sieht das in Lenzburg aus?

Zgraggen: Ich habe in Lenzburg mitgeholfen, das Kulturhaus Tommasini zu eröffnen. Denn hierhin kam ich als Jugendliche selber in den Ausgang. Es tat mir leid, als es geschlossen wurde. Und es ist schon so, für die Jugend gibt es sehr wenig in Lenzburg. Es ist einfach ein sehr schönes, ruhiges Städtchen, für mich ideal zum Arbeiten.

Warum haben die Badenerinnen und Badener ein solches Flair für Feste?

Zgraggen: Bereits zu Zwinglis Zeiten kamen die Zürcher nach Baden, da es hier frivoler zu- und herging. Auch die Bäder sind da zum Geniessen.

Man kennt Sie in Baden nicht, wie schaffen Sie sich die wichtigen Kontakte?

Zgraggen: Das Komitee ist intern super organisiert. Ich werde mitgetragen. Die Leute des Organisationskomitees wussten, dass Baden für mich neu ist. Auch ins Komitee selber muss ich noch reinwachsen.

Sie scheinen kontaktfreudig zu sein . . .

Zgraggen: Ja, das stimmt. Damit habe ich keine Mühe. Durch meine Auslandaufenthalte bin ich es gewohnt, einen neuen Umkreis zu schaffen. Auch in Baden bin ich nun oft unterwegs und gehe irgendwo rein, wo es mir gefällt, und rede mit den Leuten.

Kann man Sie als Lebenskünstlerin bezeichnen?

Zgraggen: Ja, das trifft es gut.