«Ich schlage nicht grundlos»

Innerhalb eines Jahres verletzt der junge Mann zwei ihm fremde Personen mit starken Faustschlägen und Fusstritten. Die Opfer hätten ihn provoziert. Das sieht das Bezirksgericht Aarau allerdings anders und verurteilt den Täter zu 24 Monaten Haft.

Deborah Balmer

Vor dem Bezirksgericht Aarau steht ein 23-jähriger Mann. In seinem kurzen Leben hat er schon einigen Schaden angerichtet. Eines seiner Opfer: Carmen Schirmer, Mutter von drei Kindern. Vor zwei Jahren war die damals 38-jährige Servicefachangestellte um halb drei Uhr nachts nach einem Barbesuch mit einer Kollegin in der Aarauer Altstadt Richtung Bahnhof unterwegs. Auf Höhe Igelweid wurden die beiden Frauen von Patrick Hofer (Name geändert), dem Angeklagten, angesprochen. Er kam ebenfalls mit Kollegen aus dem Ausgang.

Wer ist hier das Opfer?

Zuerst hätte der Angetrunkene die Frauen belanglose Dinge gefragt: «Wohin geht ihr und was macht ihr?», habe er wissen wollen. Dann sei er zudringlich geworden: Von «einer ekelhaften Anmache» ist die Rede vor Gericht, von sehr anzüglichen Bemerkungen und dass der Täter den zwei Frauen unangenehm nahe gekommen sei.

Der Angeklagte sieht das anders: «Ich wollte mit diesen hübschen jungen Frauen reden - es war eine normale Diskussion», erzählt er den Richtern. Vielmehr sei es Carmen Schirmer gewesen, die energisch wurde und versucht habe, ihm «zwischen die Beine zu kicken». Seine Stimme wird bestimmter. Glaubt er tatsächlich, dass er sich hat verteidigen müssen gegen die Frau? Sie gab ihm deutlich zu verstehen, dass er den Weg endlich frei machen soll, und stiess ihn zur Seite. Daraufhin ist er ausgerastet und hat die Frau mit Faustschlägen und Fusstritten traktiert. Er hat ihr zwei Rippen gebrochen, eine hat den linken Lungenflügel durchbrochen. Wie sich der Täter gefühlt habe, als das Opfer am Boden lag, will das Gericht wissen. «Die Frau hat geweint, ja klar» - aber dass es so schlimm sei, dass hätte er nicht gedacht, behauptet er. Als ihn die Polizei zwei Wochen später verhaftete, dachte er, es ginge um eine nicht bezahlte Busse.

Auch in einem zweiten Fall wird der Bauarbeiter der einfachen Körperverletzung beschuldigt. Noch heute hat der Geschädigte aufgrund eines Schlages eine Metallplatte im Gesicht implantiert. Das Muster war auch hier dasselbe: Der Täter war alkoholisiert, fühlte sich wegen einer Kleinigkeit provoziert und hat das Faustrecht walten lassen. Herauszureden versucht er sich auch da mit dem Argument der Notwehr: «Ich gehe nicht grundlos auf Menschen los - es macht mir keinen Spass, jemanden zu schlagen», behauptet er. Die Gerichtspräsidentin wird resolut: «Dann waren Sie also das Opfer - oder wie?»

«Trinken Sie keinen Alkohol mehr»

Bei der Verhandlung anwesend ist auch die Mutter des Täters. Mit jedem weiteren Auftritt eines Zeugen - fünf sind es insgesamt - sinkt sie mehr in sich zusammen. Angeklagt ist ihr Sohn unter anderem noch wegen Hehlerei, Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung, das Führen eines Fahrzeugs in nicht fahrfähigem Zustand. Wie sich wohl seine Mutter fühle, will das Gericht vom Täter wissen. «Sie fühlt sich sicher nicht gut, wenn sie das hört», antwortet Patrick Hofer. Und zeigt Bedauern: «Ich bereue, was ich gemacht habe.»

Das Bezirksgericht Aarau verurteilt ihn zu 24 Monaten Gefängnis unbedingt - wovon er einen Teil im vorzeitigen Strafvollzug bereits abgesessen hat. Zum Schluss erhält der Verurteilte einen Rat von Gerichtspräsidentin Karin von der Weid-Gygax für die Zeit nach der Freiheitsstrafe: «Holen Sie sich Hilfe, wechseln Sie ihr Umfeld und trinken Sie vor allem keinen Alkohol mehr.»

Meistgesehen

Artboard 1