«Ich nehme stärker Einfluss auf die Post»

Michel Kunz arbeitet seit 15 Jahren bei der Post, seit 4 Wochen ist er Konzernchef. Seine Maxime sei nicht die Kontinuität, sondern Entscheide zu fällen, die er später nicht korrigieren müsse.

Merken
Drucken
Teilen
Michel Kunz

Michel Kunz

Montagsinterview von Christian Dorer und Hans-Peter Wäfler

Die Wände in seinem Büro am Post-Hauptsitz in Bern sind leer. Michel Kunz fand noch keine Zeit, Bilder auszusuchen. Seit 1. April ist er Post-Chef, als Nachfolger von Ulrich Gygi. Von ihm übernommen hat Kunz drei knallgelbe Gegenstände, die ins Auge stechen: ein gelbes Telefon. Ein Postauto- Modell. Und einen Briefkasten. Der ist halb voll mit Briefen - alles Gratulationsschreiben, die Kunz noch beantworten muss.

Herr Kunz, es ist acht Uhr morgens. Seit wann sind Sie auf?
Michel Kunz: Seit etwa halb fünf.

Sie machen es wie Ihre Pöstler.
Kunz: Stimmt, wir sind Frühaufsteher. Aber das ist nicht meine einzige Motivation. Ich möchte regelmässig mein Fitnessprogramm absolvieren. Und planbar ist das nur früh am Morgen.

Sie arbeiten seit 15 Jahren bei der Post. War für Sie der Wechsel auf den Chefposten einfach ein Bürowechsel?
Kunz: Ich habe sicher gewusst, was auf mich zukommt. Trotzdem war es mehr als ein Bürowechsel. Ich habe nun andere Themen auf der Agenda und freue mich über die neuen Herausforderungen.

Werden Sie bereits erkannt, wenn Sie in Bern unterwegs sind?
Kunz: In der Stadt nicht. Aber hier an unserem Hauptsitz in der Schönburg schon - und zwar durchgehend (lacht). Alle sind sehr nett und grüssen freundlich.

Und wie ist es, wenn Sie eine Poststelle besuchen?
Kunz: Unterschiedlich. Kürzlich war ich an einem Personalanlass in Burgdorf, mit 250 Pöstlern und Dienstchefs. Vor meinem Referat mischte ich mich am Apéro unter die Leute - da wurde ich geduzt, bekam von ihren Anliegen zu hören und wurde gefragt, was ich denn bei der Post so mache. . .Die Antwort hat sie dann etwas erstaunt.

Seit dem 1. April ist auch Claude Béglé als Post-Verwaltungsratspräsident im Amt. Wie kommen Sie mit ihm zurecht?
Kunz: Gut. Wir sind beide froh, dass wir nun in neuer Verantwortung miteinander geschäften können.

Herr Béglé hat im Verwaltungsrat gegen Sie gestimmt. Sind die Wunden verheilt?
Kunz: Wissen Sie, ich bin sehr sportlich, das zeigt sich nicht nur an meinem morgendlichen Fitnessprogramm. So eine Wahl ist ein Wettbewerb. Den Mitgliedern des Verwaltungsrates steht es frei, für den einen oder anderen Kandidaten zu stimmen. Herr Béglé und ich haben das geklärt: Er steht voll hinter mir.

Es stört Sie auch nicht, dass Herr Béglé selber sehr aktiv auftreten und die Post repräsentieren will?
Kunz: Nein. Wir werden uns aber gut absprechen müssen, damit wir die gleichen Botschaften verbreiten. Und ich habe Herrn Béglé auch gesagt, dass ich den Anspruch habe, bei Fragen über die operative Führung für die Post zu sprechen.

Wie unterscheiden Sie sich von Ihrem Vorgänger Ulrich Gygi?
Kunz: Ableiten lässt sich das vielleicht vom Werdegang. Herr Gygi kam 2000 als Direktor der Finanzverwaltung zur Post. Er kannte die Post nicht von innen heraus. Den Schwerpunkt legte er dann auch stärker darauf, seine Beziehungen zu Politik und Wirtschaft für die Post zu nutzen. Ging es aber um das operative Geschäft, stützte er sich auf seine Bereichsleiter. Die Konzernleitungsmitglieder waren relativ frei, ihre jeweiligen Geschäftsbereiche weiterzuentwickeln.

Damit ist es unter Ihnen vorbei?
Kunz: Einige Leute sind bereits etwas erstaunt, dass jetzt nicht mehr alles gleich läuft wie bisher. Ich kenne aufgrund meiner Laufbahn in der Post viele Geschäftsbereiche sehr genau und erkenne, wo was drinliegt. Das wird auch meinen Führungsstil prägen: Ich werde stärker direkten Einfluss nehmen auf die operativen Geschäfte der Post als Herr Gygi.

Dann ist es falsch, wenn es heisst, Michel Kunz stehe für Kontinuität, es gehe einfach alles so weiter, weil er Gygis Favorit gewesen sei?
Kunz: Mein Barometer dafür sind meine beiden Töchter. Sie sagen mir jeweils, wenn Sie etwas, das über mich geschrieben wird, nicht nachvollziehen können. (lacht)

Und was finden Sie?
Kunz: Ich habe als Chef der Paket- und der Briefpost gelernt, was es heisst, neue Geschäfte aufzubauen und notwendige Restrukturierungen durchzuziehen. Wenn deshalb jemand sagt, der Kunz setzt im Sinne des Bewahrens auf Kontinuität, dann kennt er mich wohl nicht. Ich will etwas bewegen, die Post zusammen mit meinen Kollegen vorwärts bringen. Ich bin aber nicht einer, der willkürlich entscheidet. Ich will es vermeiden, Entscheidungen später korrigieren zu müssen. Das ist es, was die Mitarbeitenden frustriert.

Was ist Ihr Führungsgrundsatz?
Kunz: Gouverner, c'est prévoir. Ich versuche Entscheidungen dann zu treffen, wenn sie zeitgerecht sind. Auch dann, wenn sie vom Umfeld noch nicht erwartet werden. Oft haben mir Mitarbeiter schon gesagt, sie könnten verstehen, wenn ich in zwei Jahren so entscheiden würde, aber doch nicht bereits heute.

Als Postchef müssen Sie aber immer auch noch die Politik berücksichtigen, die mitreden will.
Kunz: Damit muss ich umgehen können. Sonst wäre ich bei der Post am falschen Platz. Ich werde stets die Unternehmensziele vor Augen haben, aber nicht mit dem Kopf durch die Wand gehen.

Erst wenige Politiker kennen Sie. Wie machen Sie das wett?
Kunz: Ich bin daran, das Beziehungsnetz auszubauen, das ich schon in meiner früheren Funktion hatte, und suche auch das Gespräch mit den Parteien. Erste Feedbacks waren positiv. Sie bestätigen mir, dass ich relativ rasch eine hohe Akzeptanz gewinnen kann.

Sie lassen 420 Poststellen überprüfen. Warum packen Sie gleich als Erstes ein so heisses Eisen an?
Kunz: Meine Grundhaltung war immer, rechtzeitig auch heisse Eisen anzufassen. Wobei diese Überprüfung von Poststellen nicht unter meiner Führung aufgegleist wurde, sondern schon im vergangenen Herbst. Ich unterstütze das Projekt jetzt in meiner neuen Verantwortung.

Michel Kunz

Der 50-jährige Kunz (hier in seinem Büro am Post-Hauptsitz in Bern) ist ausgebildeter ETH-Elektroingenieur (ETH Zürich) mit einem Master of Business Administration. Nach Stationen bei BBC Baden, Schweizer Electronics und der Ascom Hasler AG stiess er 1994 zur Post. Zunächst arbeitete er bei Postfinance, später leitete er die Informatik, die Paket- und die Briefpost. Seit dem 1. April 2009 ist er CEO. Kunz wuchs in Schüpfen BE auf, wo er auch heute noch mit seiner Frau Eliane lebt. Die beiden haben zwei Töchter im Alter von 19 und 22 Jahren.

Rund 1000 Poststellen wurden bereits geschlossen. Reicht das noch nicht?
Kunz: Wir haben nicht die Absicht, das Poststellennetz zu straffen und Poststellen ersatzlos zu schliessen. Wir prüfen lediglich, ob sich kundenfreundlichere alternative Lösungen anbieten wie Agenturen und Hausservice. Wir machen dies im Dialog mit den Gemeinden.

Um die Kosten zu tragen, fordern Sie auch eine Banklizenz. Die nationalrätliche Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen hat das abgelehnt. Was nun?
Kunz: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir kämpfen weiter, denn die Erweiterung der Geschäftstätigkeit von Postfinance hat für die Kunden, die Wirtschaft und die Post grosse Vorteile. Die Botschaft des Bundesrates zum neuen Postgesetz sollte im Mai oder Juni vorliegen, dann geht sie in die parlamentarischen Kommissionen. Da werden wir auch die Möglichkeit haben, unsere Argumente vorzubringen.

FDP-Präsident Fulvio Pelli findet, es gehe nicht an, «für die Expansionsgelüste der Post die Sparstrümpfe von Herrn und Frau Schweizer aufs Spiel zu setzen».
Kunz: Gewisse Bürgerliche überraschen mich. Sie sind dafür, uns der Liberalisierung und damit dem vollständigen Wettbewerb auszusetzen. Wenn sie aber gleichzeitig bestehende Institutionen wie die Kantonalbanken oder die Raiffeisenbanken vor zusätzlichem Wettbewerb schützen wollen, so habe ich damit Mühe.

Warum soll denn die Postfinance zur «Postbank light» werden - und im Schweizer Hypothekar- und Kreditgeschäft aktiv sein?
Kunz: Was am meisten für uns spricht, sind unsere Kunden. Wenn ich sehe, wie viele Private sowie kleine und mittlere Firmen Kunden der Postfinance geworden sind, dann muss ich sagen, wir sind auf dem richtigen Weg.

Die Postfinance auszulagern, kommt für Sie aber nicht infrage?
Kunz: Wir haben kein Problem mit einer Postfinance in Form einer Aktiengesellschaft. Mittelfristig könnten wir uns auch Minderheitsbeteiligungen vorstellen. Die Mehrheit an einer solchen Aktiengesellschaft muss aber bei der Post bleiben. Wir brauchen die Postfinance als Ertragsquelle und bieten ihr als Gegenwert das dichte Netz.

Spürt die Post die Wirtschaftskrise?
Kunz: Wir bekommen demnächst die Zahlen für das erste Quartal. Wir gehen davon aus, dass die Briefsendungen zurückgegangen sind, vor allem die adressierte Werbepost. Auch bei den Paketsendungen, die in den letzten Monaten des vergangenen Jahres noch stabil geblieben sind, rechnen wir jetzt mit einer Abnahme.

Und bei den Einzahlungen?
Kunz: Vor ein paar Tagen wurde mir gemeldet, dass die Anzahl Einzahlungen zurückging. Über die eingezahlten Beträge geben wir keine Auskunft.

2008 machte die Post 825 Millionen Franken Gewinn. Um wie viel schlechter wird 2009?

Kunz: Derzeit erwarte ich, im Jahr 2009 noch einen Gewinn von rund 600 Millionen Franken zu erzielen. Dass es weniger wird, hängt auch mit den Preisnachlässen bei der adressierten Briefpost zusammen, die ab dem 1. Juli zu Buche schlagen. Das allein bedeutet dieses Jahr gegen 100 Millionen Franken weniger für uns als geplant.