«Ich lese keine Krimis mehr»

In seinem beruflichen Alltag ist der oberste forensische Psychiater des Kantons vorwiegend mit Verbrechen und Delikten konfrontiert. In der Psychiatrischen Klinik Königsfelden befindet er über das Verhalten und die Schuldfähigkeit von Kriminellen. Vor Gericht erläutert er seine Gutachten.

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Schweiz am Sonntag

Von Barbara Rüfenacht

Zur Person

Josef Sachs wurde 1949 in Beinwil geboren und interessierte sich als Jugendlicher für Astronomie. An der ETH studierte er zuerst Physik, entschloss sich aber nach dem ersten Vordiplom zu einem Medizinstudium an der Universität Zürich. Seine erste Stelle führte ihn ins Spital Ilanz, später war er Assistenzarzt in den psychiatrischen Kliniken Königsfelden, St. Urban und Zürich. Als Oberarzt holte er sich vertieftes Know-how in der ambulanten Psychiatrie, bevor er 1990 zu den Psychiatrischen Diensten des Kantons Aargau (PDAG) zurückkehrte. Heute ist er leitender Arzt des Departements Forensik der PDAG und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Forensische Psychiatrie. Josef Sachs lebt mit seiner Familie in Wohlen.

«Früher habe ich gerne Kriminalgeschichten mit Kommissar Maigret gelesen», erinnert sich Josef Sachs, demnächst 60 und seit 1990 leitender Arzt des Departements Forensik der Psychiatrischen Dienste des Kantons Aargau. Seit er regelmässig Straftäter einschätzt, gönnt er sich in der Freizeit lieber literarische Leckerbissen frei von Mord und Totschlag. Natürlich stehen bei seiner Arbeit nicht immer Tötungsdelikte im Zentrum, doch gehen in Königsfelden jährlich rund 400 Gutachten über den Tisch, die komplexesten davon umfassen bis zu hundert Seiten.

Hat man in dieser Position im Glashaus nicht manchmal Angst vor üblen Beschimpfungen oder Drohungen, vor allem bei national medienwirksamen Fällen wie etwa der Gewalttat an der 16-jährigen Lucie? «Ernsthaft bedroht wurde ich noch nie - doch mit Kritik muss man schon leben können», erklärt der erfahrene Arzt aus Wohlen, den man, im Gegensatz zu prominenten Berufskollegen, im Telefonbuch findet.

«Wenn sich aber die Öffentlichkeit bei einem erschütternden Verbrechen fragt, warum der Täter nicht schon früher verwahrt worden sei, vergisst sie, dass wir über ein Rechtssystem verfügen, das für jede Strafmassnahme ein entsprechendes Anlassdelikt fordert.» So konnte etwa Lucies Mörder, Daniel H., vor fünf Jahren aufgrund seiner ersten Tat nicht für ein späteres, potenzielles Verbrechen mit einer vorsorglichen Verwahrung bestraft werden. Um härtere Massnahmen zu erwirken, betont der Gerichtspsychiater, seien politische Entscheide notwendig, nicht anders formulierte Gutachten.

Er erzählt von Versuchen in England, wo Straftäter allein aufgrund bestimmter Eigenschaften inhaftiert wurden. Das habe sich aber nicht bewährt, weil es unmöglich sei, die künftige Gewaltbereitschaft einzelner Personen exakt zu prognostizieren. «Man müsste sechs Kriminelle einsperren, um allenfalls ein künftiges Gewaltverbrechen zu verhindern.»

Den Beurteilungen von Straftäterinnen und Straftätern schenkt der Gutachter viel Zeit. Jeder so genannte «Explorand» wird in Königsfelden ausführlich bezüglich seines Denkens, Fühlens und Handelns vor, während und nach der Tat untersucht. «Vielfach zeichnet sich ein Verbrechen, wie beispielsweise ein Amoklauf, im Vorfeld ab; deshalb wird meistens auch das Umfeld des Täters befragt.» Weitere Abklärungen betreffen Rauschmittel: «Viele Verbrechen kommen zustande, weil Alkohol oder Drogen im Spiel sind.»

Josef Sachs – in Kürze

Bei der Arbeit könnte ich am ehesten verzichten auf . . . die tägliche Mail-Flut.
Bei meiner Arbeit freut es mich besonders, wenn . . . ich mit aufgestellten Mitarbeitern am selben Strick ziehen kann.
Meine Motivation hole ich mir . . . aus meiner Tätigkeit, die mich täglich aufs Neue motiviert.
Erholen kann ich mich am besten . . . beim Wandern und Joggen oder an einem Konzert.
Ferien mache ich am liebsten . . . ungeplant und spontan wie etwa Velofahren entlang der Donau.
Am liebsten esse ich . . . Spaghetti als Hauptgang und Cremeschnitte zum Dessert.
Am liebsten trinke ich . . . ein gutes Glas Barolo.
Zurzeit lese ich . . . «Was wusste der Westen?» von Friedrich-Wilhelm Schlomann.
Als Bürger ärgere ich mich über . . . Politiker, die Probleme lösen wollen, die gar niemand hat.

Abseits der Klinik liebt es der Ehemann und Vater dreier erwachsener Kinder friedlich. «Ich bin froh, in einem gesunden Umfeld zu leben.» Er schätzt es, in der Freizeit Kollegen mit ganz anderen beruflichen Schwerpunkten zu treffen. Oder dass ihn seine Frau, eine engagierte Musiklehrerin, zu Konzerten überredet, wo sich der Dresscode von dem der Psychiater und Therapeuten unterscheidet. Hätte er mehr Zeit, würde er gerne wieder einmal in hiesigen Seegewässern tauchen. «Ich liebe das Gefühl der absoluten Schwerelosigkeit.»

Als Kantischüler wollte der junge Josef Physiker werden und hielt an der ETH bis zum ersten Vordiplom durch. Weil er sich aber mit diesem Abschluss keinen attraktiven Beruf vorstellen konnte, schrieb er sich für Veterinärmedizin ein. Er wollte eigentlich in die Fussstapfen seines Onkels treten, der als Grosstierarzt von Kuh zu Kuh pilgerte. Letztlich schien ihm das Metier des Landtierarztes dann aber doch ein Auslaufmodell zu sein und er entschloss sich für allgemeine Medizin mit Vertiefung Psychiatrie. Im Spital Illanz sammelte er erste berufliche Erfahrungen. Der Traum einer eigenen Praxis in Sedrun fiel nur wegen des horrenden Preises ins Wasser. Kurz darauf trat er eine Stelle als Assistenzarzt in der Klinik Königsfelden an. «Ich merkte, dass mich das Gebiet rund um die Psyche des Menschen faszinierte.»

Müde ist Josef Sachs auch mit 60 Jahren und nach Hunderten von Verbrechen nicht und baut mit einem Spezialistenteam gerade eine Abteilung für die stationäre Betreuung psychisch kranker Straftäter auf. Auch regelmässige Fortbildungsreferate oder Fernsehauftritte scheut er nicht. «Ich habe noch hundert Ideen - und weiss gar nicht, wo anfangen!»