«Ich kann den Abschuss nachvollziehen»

Andreas Moser: «Der Wolf ist ein Symbol»

«Ich kann den Abschuss nachvollziehen»

Andreas Moser: «Der Wolf ist ein Symbol»

Andreas Moser, Biologe und Dokumentarfilmer für die Fernsehsendung «Netz Natur», versteht zwar den Abschuss des Wolfes, warnt aber davor, Wildtiere auszurotten.

Denise Battaglia

Herr Moser, warum sind die Walliser so sehr gegen den Wolf?

Andreas Moser: Das ist eine emotionale Angelegenheit, keine rationale. Viele im Wallis wollen den Wolf einfach nicht. Und je mehr sie die anderen deswegen kritisieren, desto grösser der Widerstand.

Woher diese Emotionen?

Moser: Der Wolf ist ein Symbol.

Ein Symbol des Bösen?

Moser: Nein, ein Symbol der existenziellen Bedrohung. Vor 200 Jahren kämpften die Menschen ums Überleben. Es herrschte auch in der Schweiz Hungersnot, speziell in den abgelegenen Gebieten. Die Menschen im Alpenraum jagten so viel Wild, dass Rothirsch und Steinbock verschwanden, Gämse und Rehe nahezu. Weil die Menschen damit dem Wolf die natürliche Beute nahmen, griff dieser die Nutztiere der Bauern an: Schafe, Ziegen.

Mensch und Wolf kämpften als Konkurrenten um Nahrung.

Moser: Ja. Im 19. Jahrhundert war es für den Menschen lebensbedrohlich, wenn ein Wolf ein Schaf oder eine Ziege riss.

Wir leben nicht mehr im 19. Jahrhundert. Der Wolf ist kein Konkurrent mehr.

Moser: Offenbar ist diese ehemalige Bedrohung tief verankert.

Die Walliser haben vielleicht Mitleid mit den gerissenen Tieren?

Moser: Es ist doch merkwürdig, dass Schafhalter Mitleid mit den Schafen haben, die ein Wolf riss, gleichzeitig ihre Tiere oft aber ohne jeden Schutz auf der Alp weiden lassen. Pro Jahr kommen in den Alpen zwischen 4000 und 10000 Schafe wegen Unwettern, Krankheit, Steinschlag oder Absturz ums Leben. Kranke oder verletzte Schafe siechen unter Umständen tagelang dahin. Man nimmt also hin, dass jedes Jahr mehrere tausend Schafe auf der Alp verenden, aber wenn ein Wolf ein paar Tiere reisst, ist plötzlich alles anders. Der Skandal ist nicht der Wolf, der Skandal ist, dass ein Schafhalter seine Herde nicht schützt.

Das kostet.

Moser:Die Subventionen des Bundes für Schafhalter sind so berechnet, dass für Hirten und falls nötig für Schutzhunde kaum Mehrkosten entstehen.

Wie viele Schafe reisst ein Wolf?

Moser: Letztes Jahr wurden zirka 350 gerissene Schafe entschädigt. Beute macht der Wolf vor allem dort, wo die Schafhalter ihre Herden nicht schützen.

Das Wolfspaar im Wallis hat Rinder angegriffen – das ist ungewöhnlich.

Moser: Es waren etwa 10 Monate alte Kälber. Und es waren Holstein-Kälber, eine Rasse, die eigentlich nicht geeignet ist für steiles Alpgebiet. Aber es stimmt: Es ist selten, dass ein Wolf grosse Tiere angreift. Hin und wieder spezialisiert sich aber einer auf Rinder. Ich konnte die Abschussbewilligung deshalb nachvollziehen.

Sie waren für den Abschuss?

Moser:Wenn Wölfe Rinder angreifen, ist das politisch und wirtschaftlich noch viel problematischer als bei Schafen. Rinderherden flächendeckend vor dem Wolf zu schützen, ist in der Schweiz sehr schwierig. Und wenn auch noch die Rinderzüchter geschlossen gegen den Wolf antreten, hat der Wolf in der Schweiz politisch keine Chance mehr.

Muss das Weibchen auch geschossen werden?

Moser:Nein, ich denke, das Weibchen ist durch den Abschuss des Männchens so traumatisiert, dass es keine Kälber mehr angreift. Ich frage mich auch, ob die Walliser genug getan haben, um die Wölfe zu vertreiben; man hätte das Wolfspaar etwa auch mit Schrotpetarden vergrämen können. Grundsätzlich bin ich aber nicht gegen eine Bejagung von Wölfen. Wenn sich die Wölfe einmal als Familien etabliert haben und ihre Funktion in der Natur wahrnehmen, macht es Sinn, dass man sie – gezielt und dosiert – bejagt. Dies ist auch wichtig, damit sie ihre Scheu vor dem Menschen bewahren.

Die Walliser wollen den Wolf ausrotten. Auch der Luchs, der Kormoran oder der Bär haben es schwer in der Schweiz.

Moser: Heute hat fast jedes Tier eine Interessengruppe gegen sich. Rehe, Hirsche, Gämsen, Steinböcke sind den Förstern ein Dorn im Auge, wenn sie im Wald den Jungwuchs verbeissen. Dem Kormoran, Gänsesäger, Graureiher wollen viele Fischer den Hals umdrehen, weil sie Fische fressen. Der Fischotter wurde in der Schweiz deswegen ausgerottet. Der Biber stösst auf Widerstand, weil er Bäche staut, Kulturland überschwemmt und Bäume fällt.

Freilebende Tiere stören uns.

Moser: Vielfach ja. Bis vor 10000 Jahren lebte der Mensch noch in Einklang mit der Natur und betrachtete sich als Teil davon. Der grosse Bruch erfolgte, als der Mensch den Ackerbau erfand. Es entstand Besitz: Der Bauer forderte ein Verfügungsrecht über sein Land und erwartete Ernte. Er domestizierte Schaf und Ziege und er musste diesen ganzen Besitz schützen. Die «räuberische» Natur wurde zum Feind.

Und das ist heute noch so?

Moser: Wolf, Luchs, Bär werden in den Berggebieten immer noch als Bedrohung wahrgenommen. Es gibt noch zu wenige Jäger im ursprünglichen Sinn, die verstehen, dass der Wildbestand in der Natur dynamisch auf und ab geht, und die mitessende Raubtiere akzeptieren. Viele Jäger haben ein bäuerliches Natur-Verständnis: Sie hegen Rehe und Gämsen ähnlich wie Haustiere und wollen dann möglichst viel ernten. Sie denken, sie hätten ein Recht auf Beute.

Und der Fischer reklamiert ein Recht auf Fischfang und will den Kormoran loswerden.

Moser: Ja. Aber wie Steinbock, Rehe oder Gämse gehört auch der Fisch niemandem. Das Recht spricht von «res nullius», der herrenlosen Sache. Doch die Fischer haben Mühe damit, wenn ein anderer ihnen den Fisch wegnimmt. Es handelt sich wie beim Wolf um einen uralten Reflex, der zu Mangelzeiten verständlich, ja überlebenswichtig, war...

...heute aber unverständlich ist.

Moser: Wir leben in Reichtum. Heute könnten wir uns eine gewisse Grosszügigkeit gegenüber der Natur leisten und müssten nicht mehr alles dem Nutzungsprimat der Wirtschaft unterstellen.

Haben Wild- und Raubtiere überhaupt Platz in unserem dicht besiedelten Land?

Moser: Ja, Platz hat es genug, gerade in den höheren Lagen und vor allem nachts sind die Tiere dort ganz allein.

Jetzt könnte man einwenden: Es funktionierte ja problemlos die letzten Jahrzehnte ohne Wolf, Luchs und Bär.

Moser: Was sind schon ein paar Jahrzehnte! Biologisch gesehen ist das nichts. Auswirkungen unserer Raffgier sieht man erst in hundert oder tausend Jahren. Bei den Fischen sieht man die Schäden jetzt, nach 100 Jahren Fischbesatz durch den Menschen: Viele Fischarten haben ihre Vitalität verloren und sind vom Aussterben bedroht. Das könnte auch bei den Wildtieren passieren. Studien zeigen, dass der Wolf in Europa und Amerika für die Gesunderhaltung der wilden Huftiere langfristig lebenswichtig ist, weil er zum Beispiel mit unglaublicher Präzision kranke oder schwache Tiere erbeutet.

Der Wolf ist für das gesamte Ökosystem wichtig.

Moser: Nicht nur der Wolf, jede Form des Lebens ist für das Ganze wichtig. Deshalb müssen wir diesem Gefüge Sorge tragen. Viele denken immer noch, dass sich die Natur gefälligst nach dem Menschen richten soll. Aber: Wer allzu sehr gegen die Natur kämpft, wird diesen Kampf verlieren, weil wir selbst ein Teil der Natur sind.

Am 9. September sendet «Netz Natur» auf
SF 1 um 20.05 Uhr eine Dokumentation unter dem Titel «Wer ist der Wolf?».

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