Bucheli

«Ich käme mir vor wie ein Clown»

Ich käme mir vor wie ein Clown

Ich käme mir vor wie ein Clown

Das Osterwochenende steht vor der Tür. Herr und Frau Schweizer warten gespannt auf Thomas Buchelis Wettervorhersage fürs Tessin. Je besser die Aussichten, desto länger der Stau.

Benno Tuchschmid und Philipp Mäder

Thomas Bucheli bestellt einen Café Crème und wartet gespannt auf die ersten Fragen. Bei seinen Antworten sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Man merkt schnell: Bucheli ist voller Leidenschaft
für seinen Job.

Thomas Bucheli: Bitte fragen Sie nicht nach dem Wetter an Ostern.

Doch, das ist unsere erste Frage.

Bucheli: Mit meiner Prognose schaffe ich mir kaum Freunde: Am Karfreitag scheint noch der Föhn zu wirken. Am Samstag dominiert jedoch ein Tief mit Wolken und Regengüssen, und am Ostersonntag
wird es nur zögernd freundlicher. Es bleibt aber die Hoffnung auf einen sonnigeren Ostermontag.

Wieso eigentlich ist das Wetter an Ostern so wichtig?

Bucheli: Leute möchten wissen, wohin sie verreisen können. Die meisten wollen an einen Ort, wo das Wetter schön ist. Für die Katholiken ist Ostern der wichtigste Termin im Jahr.

Für die Meteorologen ebenfalls?

Bucheli: Nein, nein. Ob Ostern oder Pfingsten, kommt nicht so drauf an. Das Wetter ist immer wichtig, wenn die Leute ein paar Tage frei haben und ihre Ferien planen wollen.

Verstehen Sie, dass die Leute stundenlang im Stau stehen, um in den Süden zu kommen?

Bucheli: Also ich würde es nicht machen.

Sind Sie noch nie vor dem Regen geflüchtet?

Bucheli: Doch, schon. Aber nicht, wenn alle anderen gehen.

Man konnte schon lesen, dass Sie am liebsten Hochnebel haben...

Bucheli: Es mag skurril tönen - aber das stört mich wirklich nicht. Auch nach zwei Wochen Hochnebel werde ich nicht depressiv.

Tatsächlich nicht?

Bucheli: Nein, die Sonne kommt ja wieder. Und zum Arbeiten ist Nebel besser, es blendet weniger.

Und wenn es regnet, während Sie fürs «Meteo» aufs Dach müssen?

Bucheli: Das ist nicht angenehm, aber die Sendung lebt vom Wetter. Wir können die Prognosen wunderbar ans aktuelle Wetter anknüpfen. Schon vor über einer Woche hatten Sie den Frühling angekündigt. Gekommen ist er aber erst später.

Haben Sie sich wieder mal geirrt?

Bucheli: Ich habe die Sache nochmals angeschaut, weil viele Mails kamen. Es sah alles nach warmen
Temperaturen aus. Mit dem Hochnebel hatten wir nicht gerechnet. Ohne ihn wären die Temperaturen
schneller gestiegen.

Ändern Sie doch einfach die Taktik - und sagen Sie schlechteres Wetter voraus, als Sie tatsächlich
erwarten.

Bucheli: Dann sagen die Touristiker, ich solle doch besseres Wetter ankündigen. Keine Frage, ich mache
immer so genaue Prognosen wie möglich.

Hat Sie schon mal jemand wegen falscher Prognosen verklagt?

Bucheli: Nein, aber ich habe mal ein Ticket zum Jungfraujoch zugeschickt erhalten - mit der Bitte, die
Kosten zurückzuerstatten, weil es auf dem Joch Nebel hatte.

Hat das Fernsehen das Ticket bezahlt?

Bucheli:Nein, das Fernsehen nicht. Aber es war wirklich eine Fehlprognose von uns, deshalb . . .

. . .Herr Bucheli, jetzt sagen Sie etwas Gefährliches. Bald flattern Dutzende Bahnbillette in Ihr Büro.

Bucheli: Ja, ich weiss. Aber es ging um einen kleinen Betrag. Und irgendwie war es originell. Ich betone
aber: Das war ein Einzelfall.

«SF Meteo» steht immer mal wieder in der Kritik. Müssen Ihre Prognosen besser werden?

Bucheli: Die Leute haben das Gefühl, dass Prognosen zu hundert Prozent eintreffen müssen. Und
weil die Qualität der Prognosen sehr hoch ist, finden es die Leute eine Schweinerei, wenn diese einmal
nicht stimmen. Aber wir werden nie perfekte Prognosen haben.

Haben wir die Grenzen der Meteorologie erreicht?

Bucheli: Wir werden in Zukunft feinere Modelle haben, um lokale Situationen noch besser zu beurteilen,
denn wir wollen auch bei der Hochnebelprognose Fortschritte machen. Der ist heute schwer zu prognostizieren.

Braucht es nicht einfach ein feineres Netz von Messstationen, um das Wetter genauer zu berechnen?

Bucheli: Nein. Nur ein halbes Prozent der Modelldaten kommt aus lokalen Messstationen. Den Rest liefern Satelliten. Die Bedeutung der Wetterstationen ist heute nicht mehr gross.

Ihr Konkurrent Jörg Kachelmann setzt aber auf ein dichtes Netz an Wetterstationen. Ist das Humbug?

Bucheli: Wenn man, wie Jörg Kachelmann, nur auf die Model Output Statistics (MOS-Prognosen) setzt, dann machen die Wetterstationen einen Sinn.

Das heisst, Sie beneiden Herrn Kachelmann nicht um seine Messstationen.

Bucheli: Wir brauchen Jörg Kachelmann keineswegs zu beneiden. Wir haben nebst den Daten von über 300 Wetterstationen unsere Informationen hauptsächlich von hochaufgelösten Satelliten, Ballondaten, über die Daten von einem Dutzend Rechenmodellen und unzähligen Kamerabildern. Wissen Sie, Herr Kachelmann hat in Deutschland überall seine Wetterstationen aufgebaut. Wenn das so viel besser wäre, müsste dort die prognostische Revolution ausgebrochen sein. Doch
dem ist nicht so.

Nicht zuletzt wegen der Streitereien mit Kachelmann sind Sie ein Promi. Geniessen Sie es?

Bucheli: Mein Anliegen ist die Meteorologie. Ich bin Naturwissenschafter und finde es spannend, was in unserer Umwelt passiert. Privates erzähle ich ungern. Trotzdem sind Sie ein Promi. Das hat doch auch angenehme Seiten. Bucheli: Natürlich schmeichelt es, wenn man an Veranstaltungen eingeladen wird. Aber wenn man plötzlich meint, ein König zu sein, kommt der Absturz garantiert.

Mit Cécile Bähler haben Sie eine Kollegin auf dem «Meteo»-Dach, die keine Wissenschafterin ist. Wertet
das Ihre eigene Rolle nicht ab?

Bucheli: Im Gegenteil. Ich erwarte von einer Mitarbeiterin Interesse an Meteorologie, auch wenn es
nicht ihr Stammgebiet ist. Wir Wissenschafter sind manchmal zu sehr in unserem Jargon gefangen.
Da hat Cécile Bähler einen direkteren Draht zum Publikum.

Hat Frau Bähler die höheren Einschaltquoten als Sie?

Bucheli: Das kann man nicht sagen. Denn die Zuschauer können nicht wissen, wer wann moderiert.

Absichtlich?

Bucheli: (lacht) Nein, nein. Wir versuchen, mit den vier Moderatoren möglichst alle Publikumswünsche
abzudecken. Jeder hat seinen Favoriten, seine Favoritin. Es wäre schlecht, wenn wir vier kleine Buchelis
vor der Kamera hätten.

So sind Sie Platzhirsch, weil Sie die Materie am besten kennen.

Bucheli: Auch Christoph Siegrist ist ein hoch qualifizierter Spezialist, wie übrigens alle unsere elf  eteorologen. Wir hatten früher auch Meteorologinnen, die am Abend moderierten. Aber die Boulevard-
Medien haben zum Teil massiv gegen sie geschossen, weil sie nicht dem Klischee der Wetterfee entsprachen. Als Mann ist es einfacher.

Oder schwerer: Bei den Frauen reicht die Schönheit, die Männer müssen den wissenschaftlichenHintergrund mitbringen.

Bucheli: (denkt nach) Ja, stimmt, wir kämen wohl nicht auf die Idee, einen männlichen Moderator  nzustellen. Das hat wahrscheinlich mit dem Bild der Wetterfee zu tun. Sie kommen immer nach der
«Tagesschau».

Lässt man Sie innerhalb des Fernsehens spüren, dass Sie nur ein Anhängsel sind?

Bucheli: (lacht) Lieber nach der «Tagesschau» als vorher. Nein, im Ernst: Das ist ein optimaler Sendeplatz. Die «Tagesschau» bündelt die Zuschauer, bevor sie sich nach acht Uhr wieder auf die verschiedenenSender verteilen.

Gelten im Fernsehen die Meteorologen gleich viel wie Politjournalisten?

Bucheli: Wir sind Exoten, weil wir keine Journalisten sind. Aber dadurch haben wir auch eine gewisse
Narrenfreiheit. Grundsätzlich werden unsere Dienstleistungen sehr geschätzt. Ausserhalb der Medien
gelten wir üblicherweise als Wetterfrösche, doch wenn es irgendwo ein Unwetter gibt, werden wir zu
Wetter-Experten.Es gibt immer mehr Unwetter.

Wie schätzen Sie den Klimawandel ein?

Bucheli: Das hat nichts mit Einschätzung zu tun. Das sind Fakten. Klima-Zweifler behaupten das  Gegenteil. Bucheli: Die wissenschaftlichen Daten kann man nicht ernsthaft bezweifeln. Schwankungen von 0,7 bis 0,8 Grad Celsius wie in den letzten 150 Jahren wurden in so kurzer Zeit noch nie gemessen.

Wir hatten einen kalten Winter . . .

Bucheli: Als es das letzte Mal richtig scheite, habe ich meinem Sohn gesagt: Jetzt gehen wir raus, schau dir das an und speichere es. Vielleicht bekommt das Bild Seltenheitswert. Der Klimawandel macht Sie zu
einem gefragten Mann.

Sind Sieein Klimawandel-Profiteur?

Bucheli: Typische Medienfrage. Wir profitieren grundsätzlich vom Wechsel des Wetters. Wenn es Unwetter gibt, haben wir mehr Büez, das ist klar. Nicht zuletzt wegen der Unwetter ist das Bedürfnis
nach Prognosen gestiegen.

Wie gross ist die Gefahr, dass es im Frühling zu Überschwemmungen kommt?

Bucheli: Es gibt ein gewisses Gefahrenpotenzial. Aber viel Schnee heisst nicht automatisch viel Wasser,
es müsste zusätzlich ergiebig regnen bei hoher Schneefallgrenze. Dann wäre das Mittelland betroffen.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Wetter. Wird das nicht langweilig?

Bucheli: Es ist wie beim Jassen: Man ist erpicht, das Bestmögliche aus dem Blatt rauszuholen. Das ist immer wieder spannend.

Heisst das, Sie werden Ihr Leben lang Prognosen machen?

Bucheli: Warum nicht? Es sagt ja auch niemand: Jetzt waren Sie fünf Jahre Arzt, wollen Sie nicht was
anderes machen? Viele meinen, ich wolle eine Samstagabend-Show.

Gute Idee!

Bucheli: Sicher nicht. Ich bin keinModerator. Schuster, bleib bei deinem Leisten.

Hatten Sie schon Anfragen?

Bucheli: Ich habe immer wieder Anfragen für Moderationen, aber ich käme mir dann vor wie ein Clown!

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