«Ich hatte nie eine Chance»

Weil er verurteilt wurde, verlangte er von seinem Widersacher unter Todesdrohungen Geld. Vor Obergericht forderte der 36-jährige Angeklagte einen Freispruch – und sitzt dennoch schon wieder hinter Gittern.

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Raffaela Kunz

Das Gefängnis kennt er beinahe so gut wie seine Wahlheimat Schweiz, und diese kennt er fast besser als sein Herkunftsland Algerien. Und das, obwohl er nicht in der Schweiz sein darf, es nie durfte: Seit zehn Jahren passiert Karim T.* immer wieder illegal Schweizer Grenzen. Und selbst innerhalb der Landesgrenzen überschreitet der 36-Jährige regelmässig Grenzen: Unzählige Male ist er bereits mit dem Gesetz in Konflikt geraten, etliche Male ist er schon verurteilt worden.

An die Verhandlung vor Obergericht erschien der Angeklagte denn auch in Handschellen und Polizeibegleitung: T. befindet sich aktuell in Sicherheitshaft. Und dies, obwohl er für seine letzte Strafe schon ein gutes Jahr gesessen hat. Aber nun einmal der Reihe nach.

Mit dem Tod gedroht

Im Juli letzten Jahres wurde T. vor Amtsgericht zu einer Gefängnisstrafe von 16 Monaten verurteilt. Grund war eine Jahre zurückliegende Auseinandersetzung mit dem heute 26-jährigen Adrian O.*, die mit der Verurteilung T.s zu einer Geldstrafe endete. Als sich die beiden Kontrahenten Monate später zufälligerweise begegneten, verlangte T. von seinem Opfer die Erstattung der Busse und der Gerichtskosten - dabei drohte er O. mit dem Tod.

Auch telefonisch kontaktierte T. den 26-Jährigen mehrmals - bis dessen Eltern die Polizei einschalteten. Das Amtsgericht Solothurn-Lebern verurteilte T. darauf wegen versuchter Erpressung. O. war nicht anwesend - er konnte aus Angst vor T. nicht an der Verhandlung teilnehmen.

«Ich war in Deutschland»

Vor Obergericht stellte sich der Appellant nun auf den Standpunkt, er habe sich zum Tatzeitpunkt gar nicht in der Schweiz befunden. Auch die Anrufe habe nicht er getätigt - das Mobiltelefon habe einem Kollegen gehört. «Für mich ist die Beweislage nicht klar», machte T.s Verteidiger denn auch geltend.

Klar war wiederum, dass T. sich Tage darauf in Solothurn befand. Dort wurde er festgehalten, nachdem er im Hotel Ramada genächtigt, die Minibar geleert und sich danach aus dem Staub gemacht hatte - ohne die Rechnung von rund 300 Franken zu begleichen. Der verurteilte Zechpreller bestritt vor Obergericht nun auch diesen Punkt: Er sei betrunken gewesen und habe die Zahlung lediglich vergessen. Des Weiteren bestritt T. Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Es gibt kein Zurück

Im Gefängnis befindet er sich im Moment wegen neuer Vergehen. «Ich habe nie eine Chance bekommen, ich konnte nie anständig arbeiten», erklärte T. den Oberrichtern und verwies auf seinen Aufenthaltsstatus. Nach Algerien könne er nicht zurückkehren, weil er geflüchtet sei, um dem Militärdienst im Bürgerkrieg zu entkommen. T.s Verteidiger verlangte Freisprüche in den drei Punkten sowie eine Entschädigung und Genugtuung für die Zeit, die er zu lange im Gefängnis gewesen sei. Das Obergericht aber folgte den Forderungen nicht und bestätigte das Urteil der Vorinstanz.

*Namen von der Redaktion geändert