Police
«Ich habe schlimme Sachen gesehen»

Stadtpolizist Beno Nützi kennt in Grenchen jedes Haus und jede Strasse. In seinen 40 Dienstjahren hat er viel gesehen. Bei der nicht immer einfachen Verarbeitung des Erlebten half ihm oft seine Frau. Brigit Leuenberger

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Herr Nützi, im letzten Monat ist ganz schön viel passiert in Grenchen und Umgebung. Ist das für den Polizisten Alltag?

Beno Nützi: Nein, das ist nicht Alltag. Ich war sowohl beim Schenkkreismord als auch beim Drama in Bettlach im Einsatz. Und ich habe mich schon gefragt, was soll das jetzt noch so kurz vor meiner Pensionierung? Aber letztlich ist es Zufall. Die Morde hätten ebenso gut woanders geschehen können.

Als Unbeteiligter fragt man sich, wie man reagieren würde, wenn man solch ein Ereignis aus nächster Nähe miterleben würde. Wie reagierten Sie?

Nützi: Ich habe in meinen 40 Berufsjahren sehr viel erlebt und gesehen. Ich war als Ambulanzfahrer unterwegs und habe Piketteinsätze geleistet. Ich sah Leute sterbend oder tot, die ich gut gekannt habe. Ich sah schlimme Sachen. Beim Schenkkreismord war ich nicht direkt vor Ort. Ich war nur als Wache stationiert.

Den Mord in Bettlach haben Sie aber hautnah miterlebt.

Nützi: Ich hatte Frühschicht und war schnell am Tatort. In dem Moment, in dem man da ist und das alles sieht, hilft einem die Rolle, in der man steckt. Man hilft und handelt als Polizist. Man studiert nicht, man funktioniert. Ich musste mich um die weiträumige Absperrung kümmern und war froh über diesen Job.

Sie sagen, Sie haben viel gesehen. Härtet das denn ab?

Nützi: Vieles konnte ich nicht so einfach wegstecken. Insbesondere Unfälle, bei denen Kinder beteiligt waren, gingen mir immer besonders nahe. Schliesslich bin ich selber Vater.

Und wie geht man damit um?

Nützi: Ich habe oft noch zu Hause nachgedacht, habe mit meiner Frau geredet. Natürlich nur über Dinge, über die ich reden durfte. Sie hat immer gespürt, wenn ich aufgebracht nach Hause gekommen war. Natürlich hat man im Büro Betreuung. Auch dort kann man reden. Das hilft.

Wie ging Ihre Frau damit um, dass Sie oft in schwierige Situationen gerieten?

Nützi: Als sie mich geheiratet hat, war ich schon Polizist. Sie wusste also, worauf sie sich einliess. Immer wieder hat sie betont, dass sie keine Angst habe, auch wenn ich unterwegs bin.

Warum sind Sie Polizist geworden? Ein Kindheitstraum?

Nützi: Nein, das war es bei mir nicht. Ich habe Maschinenmechaniker gelernt und als 21-Jähriger plötzlich gedacht, Polizist zu werden, das wärs. Dann habe ich die Polizei-RS bei der Kantonspolizei Solothurn absolviert. Die Polizeischule Hitzkirch gabs damals noch nicht.

Was hat sich verändert seit der Zeit, als Sie als junger Polizist angefangen haben?

Nützi: Es war damals schon anders. Damals herrschte Hochkonjunktur. Jeder hatte Arbeit. Darin sehe ich heute das grösste Problem: Die Jugendlichen, die keine Arbeit haben, keine Lehre in der Tasche, die haben keine Perspektive. Da entwickeln sich zwangsläufig Probleme.

Häufig spielt das soziale Umfeld eine Rolle - und der Migrationshintergrund ...

Nützi: Zweifellos. Damals gabs ja nur die Italiener, und die kamen wegen der Arbeit hierher. Mit den Italienern habe ich es immer gut gehabt. Wenn etwas passiert war in der Stadt, haben sie mir sogar geholfen. Ich habe viele Freunde, die Ausländer sind. Aber ich sehe auch, dass es viele schwer haben.

Was ändert sich, wenn man als Polizist im Beruf älter wird?

Nützi: Einerseits wächst natürlich die Erfahrung. Andererseits erträgt man den Druck weniger gut. Dazu muss man sagen, dass der Druck enorm zugenommen hat. Heute stempelt man ein und beginnt sofort mit der Arbeit. Früher haben wir jeweils zuerst einen Filterkaffee getrunken (lacht). Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass die heutigen jungen Polizisten diesen Stress nicht 40 Jahre lang durchhalten werden ...

Heute Dienstag ist Ihr letzter Arbeitstag. Wird Ihnen die Arbeit fehlen?

Nützi: Ich denke nicht. Ich habe drei Enkelsöhne, mit denen ich viel Zeit verbringen werde. Meine Tochter und ihr Mann habe zudem einen grossen Garten, da werde ich mich nützlich machen. Mein Sohn lebt in Davos, und ihn wollen meine Frau und ich in Zukunft häufiger besuchen. Ich freue mich auf die Zeit, die jetzt kommt. Meine Frau hat mir in all den Jahren immer den Rücken freigehalten. Sie hat zu Hause für alles gesorgt und zu den Kindern geschaut. Ich weiss nicht, wie ich das ohne sie geschafft hätte. Nun freue ich mich, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen werden.

Was haben Sie an Schönem in Ihrem Beruf erlebt?

Nützi: Viele Leute sind sehr dankbar, wenn man ihnen hilft. Wenn man beispielsweise ein Büsi befreit oder ihnen auf die Beine hilft, wenn sie umgefallen sind.

Sie haben am Anfang gesagt, Sie haben viel gesehen. Was tun Sie mit all den Bildern jetzt?

Nützi: Die sind nach wie vor da und jederzeit abrufbar. Ich schaue mir bewusst keine Horrorfilme oder Krimis an. Was man da sieht, habe ich real gesehen. All diese Filme gabs noch nicht, als ich jung war. Man darf sicher nicht alles verurteilen, was man nicht selber kennt, aber ich denke, diese Filme tun den jungen Leuten nicht gut.

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