Gericht

«Ich habe mit dieser Frau nix zu tun»

Aufgrund einer herzzerreissenden Geschichte war eine gutgläubige Frau um 1200 Franken «erleichtert» worden. Weil sich aber die Angeklagte nicht mehr als Täterin identifizieren liess, musste sie vom Bezirksgericht Brugg freigesprochen werden.

Louis Probst

«Ich habe mit dieser Frau nix zu tun», versicherte die Angeklagte lächelnd. «Ich kenne diese Frau nix.» Die Angeklagte, eine zierliche Mittvierzigerin mit dunklem Teint und pechschwarzen Haaren, die in Wien wohnhaft ist, hatte sich vor dem Bezirksgericht Brugg wegen Betrug zu verantworten.

Gemäss den Erkenntnissen der Polizei hatte sie in einem Kleidergeschäft in Brugg eine Frau angesprochen und ihr vorgegaukelt, aus Kosovo zu kommen, zurzeit aber in Baden zu wohnen und dringend Geld für die kranken kleinen Kinder sowie für die Instandsetzung ihres Hauses in Kosovo zu brauchen. Sie hatte auch versprochen, das Geld zurückzuzahlen oder mit Putzen abzuarbeiten.

Durch ständiges Drängen hatte sie ihr Opfer schliesslich dazu gebracht insgesamt 1200 Franken herauszurücken. Das Opfer hatte ihr Adresse und Telefonnummer ausgehändigt und einen Anruf ausgemacht. Nachdem zwei Tage später telefonisch ein Treffen vereinbart worden war, hatte das Opfer die Polizei kontaktiert. Und nahm die Angeklagte fest.

In der Folge war die Angeklagte, die die Vorwürfe stets bestritt, vom Bezirksamt zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 30 Franken sowie zu einer Busse von 450 Franken verurteilt worden. Die Angeklagte erhob Einsprache. Und so trafen Opfer und Angeklagte vor Gericht aufeinander.

Alles nur eine Verwechslung?

Bereits draussen vor dem Gerichtssaal hatte das Opfer die Angeklagte, die mit ihrem Anwalt erschienen war, prüfend gemustert. In der Befragung durch Gerichtspräsident Hans-Rudolf Rohr als Einzelrichter musste das Opfer jedoch einräumen: «Die Angeklagte erscheint mir jetzt jünger, aber auch kleiner zu sein als die Frau, die mich angesprochen hatte. Diese Frau war zudem nicht so gepflegt, und sie scheint mir etwas grösser gewesen zu sein.»

Die Angeklagte erklärte, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsse. Am fraglichen Tag sei sie gar nicht in Brugg gewesen. Das könne ihre Zahnärztin bezeugen. Sie sei in Brugg festgenommen worden, als sie auf dem Weg nach Italien gewesen sei. Auf den Einwand des Gerichtspräsidenten, weshalb sie denn auf dem Weg von Wien nach Italien von Belgien her nach Brugg gekommen sei, meinte sie: «Ein Mann hat mich von Wien aus mitgenommen. In Brugg wollte ich Kleider kaufen. Als ich auf den Mann gewartet habe, hat mich die Polizei festgenommen.»

Der Verteidiger fuhr mit grobem Geschütz auf. «Das Verfahren, das zur Identifizierung meiner Mandantin als angebliche Täterin geführt hat, ist unbrauchbar und widerspricht allen Grundregeln», betonte er. «Weil die Identifizierung nicht gelungen ist, muss zwingend ein Freispruch erfolgen.» Er beantragte denn auch den Freispruch der Angeklagten von Schuld und Strafe, eine angemessene Entschädigung, eine Genugtuungssumme von 500 Franken sowie die Herausgabe des Depositums, das die Angeklagte hatte leisten müssen.

Ausser Spesen nichts gewesen

«An der Glaubwürdigkeit des Opfers ist nicht zu zweifeln», sagte der Gerichtspräsident. «Das Opfer ist zweifellos über den Tisch gezogen worden. Gewichtige Fakten sprechen aber gegen eine Täterschaft der Angeklagten. Eine Verwechslung ist nicht auszuschliessen.»

Die Angeklagte wurde daher von Schuld und Strafe freigesprochen. Sie erhält zudem eine Genugtuungssumme von 400 Franken. Die Kosten des Verfahrens und die Parteientschädigung in der Höhe von gut 4000 Franken gehen zulasten des Staates.

Meistgesehen

Artboard 1