Aarburg
«Ich glaube, Sandro wird es schaffen»

Hans Peter Neuenschwander, Leiter des Jugendheims Aarburg, über einen seiner jungen Männer.

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Hanspeter Neuenschwander

Hanspeter Neuenschwander

Aargauer Zeitung

Sandro ist seit drei Jahren in einer Massnahme, weil er Einbrüche verübt hat. Ist dies nicht zu hart?

Hans Peter Neuenschwander: Im Jugendstrafrecht gibt es eben ein Täter-orientiertes Vorgehen, die Massnahme ist nicht auf die Tat ausgerichtet. Aufgrund von Sandros familiären und persönlichen Lebensumständen legte man keine Strafe fest, sondern eine Massnahme mit dem Ziel einer beruflichen Ausbildung und sozialen Wiedereingliederung. Das ist nicht bloss eine Sanktion, sondern speziell eine Chance für Sandro.

Er aber findet es ungerecht, dass nicht alle gleich bestraft werden. Verstehen Sie das?

Neuenschwander: Ich staune, dass er das so sagte. Gegenüber uns hat sich seine Haltung mit der Zeit verändert, gemäss dem letzten Standortgespräch ist er auch froh um die Zeit bei uns, weil er dadurch eine Lebensperspektive erhalten habe. Jetzt ist er mitten in der Lehre und wohnt mit seiner Freundin zusammen. Das hätte er allein in so kurzer Zeit kaum erreicht.

Wer bezahlt Sandros Wohnung?

Neuenschwander: Die Hälfte bezahlt seine Freundin, die Hälfte bezahlen wir. Die Kosten sind Teil des Budgets, das Sandro zur Verfügung hat. Sein Lehrlingslohn würde nicht ausreichen, um alles zu bezahlen. Dadurch dass Sandro nicht mehr im Heim wohnt, reduziert sich das Kostgeld für die Jugendanwaltschaft deutlich.

Sandros Alltag war lange fix geregelt. Er sagt: «Ich kann mich nur entscheiden, entweder halte ich mich an die Regeln oder ich tus nicht.» Hätte damit nicht jeder Mühe?

Neuenschwander: Die Jugendlichen kriegen immer mehr Freiheiten und Selbstverantwortung, je besser es läuft. Ich bin selbst Vater von drei erwachsenen Kindern und finde, im Heim ist es nicht anders als in einer Familie, wo man immer unabhängiger wird und sich trotzdem an gewisse Regeln halten muss.

Was ist es, das Sandro immer noch sagen lässt: «Ich hätts auch ohne Heim geschafft.»?

Neuenschwander: Er hat einen gewissen Stolz - das ist keine schlechte Eigenschaft. Ob er es allein geschafft hätte, weiss ich nicht. Er wird schon noch zur Überzeugung kommen, dass wir ihm in vielem geholfen haben. Sandro kann sehr herausfordernd sein. Er bringt seine Ausbildner manchmal an ihre Grenzen. Sie halten das aus, weil sie dafür ausgebildet sind, aber in einem normalen Lehrbetrieb wäre er aufgrund seines Verhaltens innerhalb der letzten zwei Jahre rausgeflogen.

Was hat sich gebessert?

Neuenschwander: Für uns ist Sandro ein eindeutiger Erfolg. Er delinquiert nicht mehr, übernimmt immer mehr Verantwortung und ist beziehungsfähig. Eine Beziehung, wie er sie zu seiner Freundin gefunden hat, ist natürlich auch förderlich.

Im Heim hätte er eine solche Beziehung nicht gefunden?

Neuenschwander: Im Heim müssen die Jugendlichen lernen, dass die anderen gute Kollegen sein können - aber echte Freundschaften gibts selten.

Wie viele Ihrer Jugendlichen schaffen es später?

Neuenschwander: Pro Jahr treten durchschnittlich acht Jugendliche mit einer abgeschlossenen Ausbildung aus dem Heim aus. Sie haben einen Arbeitsplatz und eine gesicherte Wohnsituation. Keiner wird einfach auf die Strasse gestellt. Aber ob sie es in allen Belangen schaffen, hören wir nicht, weil sie danach selbstständig leben - ausser sie werden wieder schwer straffällig, was ganz selten der Fall ist.

Welche Prognose geben Sie Sandro?

Neuenschwander: In der Schreinerei arbeitet er sehr gut, ich bin zuversichtlich. Bei der Lehrabschlussprüfung können wir ihn unterstützen und er kriegt so viel Zeit, wie er braucht, damit er die Schulziele erreicht. So, wie wir ihn kennen gelernt haben, wird er es schaffen. (kus)