Jean-Robert Ougishwa lebt in Affoltern
«Ich fühle mich in der Schweiz frei und sicher»

Jean-Robert Ougishwa politisierte in seiner Heimat Kongo gegen die Regierung. Er wurde bedroht und musste das Land verlassen. Seit acht Jahren lebt er in der Schweiz – gut integriert, aber nicht frei von Heimweh.

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Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern

VON CORNELIA DIETHELM

«Am 10. Juli 2002 reisten wir im Flugzeug von Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, nach Rom. Von dort im Auto in die Schweiz bis nach Vallorbe. Vorbereitet und geführt wurde die Flucht aus unserer Heimat von einer katholischen Organisation. Mein erster Eindruck in der Schweiz war: Hier ist alles sehr sauber, es hat schöne Häuser, keine Armut, keinen Hunger. Dennoch war der Wechsel von Kongo in die Schweiz ein Schock für uns.»

Wenn der 35-jährige Jean-Robert Ougishwa «uns» sagt, meint er damit seine Frau Robertine, seine beiden Töchter Glory und Blessing, damals drei- und zweijährig, und sich selber. Sie hätten damals flüchten müssen, weil er mit dem Tod bedroht worden sei, betont Jean-Robert Ougishwa. Schon während seines Studiums in Wirtschaft und Finanzwesen hatte er sich politisch betätigt. Gegen die Regierung mit dem Staatspräsidenten Laurent-Désiré Kabila, und als dieser 2001 einem Attentat zum Opfer fiel, auch gegen den Sohn Joseph Kabila, der den Präsidentenstuhl von seinem Vater «erbte». Kongo nennt sich Demokratische Republik - doch Demokratie gibt es in diesem Land nicht. Die politischen Parteien wurden 1997 verboten; zwischen 1965 und 2006 gab es keine freien Parlamentswahlen.

Unterschiedliche Probleme

Jean-Robert Ougishwa, was wussten Sie von der Schweiz, als sie noch in Kinshasa lebten?

Kaum etwas. Ab und zu hörte ich am Radio oder Fernsehen eine Meldung aus der Schweiz. Ich dachte immer, in der Schweiz rede man französisch, wie es bei uns Amtssprache ist.» Inzwischen konnte der Kongolese seine Vorstellung mit der Realität vergleichen. Er hat festgestellt, dass die Schweiz kein Paradies ist, wie er es bei seiner Einreise meinte. Aber er weiss auch: «Probleme gibt es auf der ganzen Welt - sie sind einfach unterschiedlich. In Kongo leiden wir unter Arbeitslosigkeit, Hunger, Korruption. In der Schweiz ist das Leben sehr teuer, es gibt Leute mit Schulden und Betreibung, es gibt Depressionen und Selbstmord.»

Nach der Ankunft in der Schweiz lebten Jean-Robert Ougishwa und seine Familie zunächst im Empfangszentrum für Asylsuchende in Vallorbe VD, wo sie sich wie gewohnt auf französisch verständigen konnten. Nach einigen Wochen wurden sie ins Entlastungszentrum Altstätten SG verlegt. «Erst hier realisierten wir, dass in der Schweiz auch deutsch geredet wird. Das war sehr schwierig für uns.» Belastend war darüber hinaus vor allem die Angst vor dem Asylverfahren, vor einer Abschiebung. Glücklicherweise erhielt die Familie schon nach wenigen Monaten Asyl. Noch während des laufenden Verfahrens wurde die Familie ein weiteres Mal umgeteilt - in eine Unterkunft für Asylsuchende in Affoltern am Albis. Nach dem positiven Asylbescheid konnte sie eine Sozialwohnung in Obfelden beziehen.

In der Schweiz zuhause

Für Jean-Robert Ougishwa war rasch klar: «Ich wollte die deutsche Sprache lernen und Arbeit finden.» Er und seine Frau reden heute sehr gut deutsch. Und die Kinder ohnehin. In der Schweiz kamen die beiden weiteren Töchter Holiness und Happiness zur Welt. Alle vier Mädchen reden schweizerdeutsch und fühlen sich in der Schweiz zuhause. Im vergangenen November wurde dann auch noch der Sohn Winner geboren. Im September 2003 fand Jean-Robert Ougishwa eine Anstellung als Hilfsmaschinist bei der Firma «a3 Betonpumpen». Obwohl er als studierter Ökonom eigentlich überqualifiziert ist, gefällt ihm die Arbeit. Und vor allem: «Ich bin stolz, finanziell selbstständig zu sein und Steuern zu bezahlen.» Stolz ist er auch, dass er 2007 für sich und seine Familie eine grössere Wohnung in Affoltern mieten konnte. Jean-Robert Ougishwa fühlt sich in der Schweiz gut integriert.

Wo sehen Sie Unterschiede zu Ihrer Heimat Kongo?

«Es gibt natürlich viele Unterschiede. Die Mentalität der Menschen ist ganz anders. In Kongo gibt es eine grosse Solidarität. Man lebt zusammen, hilft sich, unterstützt sich. Im Bus sitzt man zueinander und beginnt zu diskutieren. Auch wenn man sich nicht kennt, duzt man sich. In der Schweiz ist der Individualismus verbreitet. Jeder lebt für sich, man hat kaum Zeit füreinander - nicht einmal für die eigene Familie. Wenn in der Küche Zucker fehlt, trinkt man halt den Kaffee ungesüsst. In Kongo schickt man rasch ein Kind zum Nachbarn und bittet um Zucker.»

Heimweh nach Kongo

Er vermisse vieles von seiner Heimat Kongo, was es hier in der Schweiz nicht gebe - am meisten die Solidarität, gibt der gläubige Christ offen zu, sagt aber auch, dass er sich in der Schweiz wohl fühle und dass er und seine Familie noch nie Erfahrungen mit Fremdenfeindlichkeit machen mussten. Im Gegenteil: Die freikirchliche Chrischona-Gemeinde habe ihm und seiner Familie in den ersten Monaten in der Schweiz materiell und moralisch sehr geholfen. Auf die Frage, was er in der Schweiz am meisten schätze, antwortet Jean-Robert Ougishwa: «Die hohe Lebensqualität, die Krankenversicherung - etwas, was es in Kongo nicht gibt. Dann natürlich auch die Demokratie und die Sicherheit. Ich fühle mich in der Schweiz frei und sicher - das finde ich tipptopp.»

Jean-Robert Ougishwa, haben Sie manchmal Heimweh?

«Ja, häufig. Zum Beispiel, wenn ich in der Nacht von Kongo träume. Oder wenn meine Frau und ich über unsere Heimat reden. Dann werden wir traurig.»

Und welche Träume haben Sie für Ihr Leben in der Schweiz?

«Für meine Kinder wünsche ich mir, dass sie Erfolg in der Schule haben, einen Beruf lernen und ein gutes Leben haben werden. Und mein persönlicher Traum ist es, mein Wirtschaftsstudium nutzen zu können, ein eigenes Geschäft zu haben, eigene Angestellte zu führen.»