Andrea Trueb

Frau Zopfi, die Nullerjahre enden. Was bleibt?

Margrit Zopfi: Gemischte Gefühle; symbolisch gesehen ein Wellental.

Sie haben Missstände im Sozialamt publik gemacht. Fühlen Sie sich als Heldin oder Nestbeschmutzerin?

Zopfi: Weder noch - ich konnte einfach nicht anders, ich musste handeln.

Würden Sie nochmals gleich handeln?

Zopfi: Ja, ich würde nochmals gleich handeln im Sinne von: Ich stehe dazu und kann mich im Spiegel anschauen. Ich glaube aber nicht, dass ein Mensch solche Jahre, wie wir sie erlebt haben, zwei Mal ertragen könnte. Das bräuchte zu viel Kraft.

Nachdem die Missstände publik waren, hat das Sozialamt seinen Kampf gegen Missbräuche intensiviert. Ihre Kritik war also berechtigt. Dennoch ficht die Stadt Ihren Freispruch an. Warum?

Zopfi: Ich glaube, für Aussenstehende ist das Vorgehen noch weniger nachvollziehbar als für uns Betroffene. Man hätte uns ja gar nicht vor Gericht zerren müssen, sondern mit uns eine Lösung suchen können. Aber man zerrt uns vor Bezirksgericht - und damit nicht genug -, jetzt auch noch vor Obergericht. Ich habe unterdessen verstanden, um was es der Stadt wohl geht: Es darf nicht sein, dass «kleine Mitarbeiter» der Obrigkeit ins Gehege kommen. Ich denke, sie wollen ein Exempel setzen, dass es ja keinem mehr in den Sinn kommt, so etwas zu machen, wie wir es gemacht haben: nämlich mit brisantem Wissen über Missstände an die Öffentlichkeit zu gehen.

Sind Sie wütend über das Vorgehen der Stadt?

Zopfi: Wütend nicht, aber traurig. Wir haben die Missstände für die Stadt und die Steuerzahlenden publik gemacht und vor allem auch für diejenigen, die wirklich Anspruch haben auf Sozialhilfegelder. Wir haben Freunde und Geld verloren, während die Stadt die Verfahren mit Steuergeldern bezahlt. Ich ärgere mich nicht - aber ich wundere mich.

Wurde Ihnen Zivilcourage schon im Elternhaus vorgelebt?

Zopfi: In meiner Familie ist Zivilcourage tatsächlich gross geschrieben. Vor allem mein Vater ist für mich ein leuchtendes Vorbild. Er folgte seinem Gewissen und nur seinem Gewissen und heute ist er 94 Jahre alt und gut gefahren damit. Ich hoffe, dass ich mit meinen moralischen Vorstellungen auch 90 werde und es mir dabei so gut geht, wie ihm.

Haben Sie seine Unterstützung?

Zopfi: Ja, die habe ich. Obwohl er seit 70 Jahren Sozialdemokrat ist und eigentlich den Kreisen zuzuordnen ist, die uns heute so vehement bekämpfen.

Sind Zuspruch und Unterstützung tatsächlich auf das rechtsbürgerliche Lager beschränkt?

Zopfi: Dazu muss ich Ihnen etwas Positives und etwas Negatives sagen. Ich bin zutiefst enttäuscht, dass aus den Kreisen, in denen ich elf Jahre arbeitete, nicht eine Person auf uns zukam und sagte: «Sie, Frau Zopfi, Frau Wyler, wollen Sie uns erklären, was passiert ist? Warum Sie den Schritt gemacht haben? Nicht eine Person. Wer ist gekommen? Die SVP-Frauen, mit denen wir noch nie Kontakt hatten. Die luden uns ein und wollten mehr hören über «unseren Fall» und unsere Beweggründe. Warum haben uns nicht die SKOS (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe, Anm. der Red.) oder Vertreter der Gewerkschaften oder die Hochschule für Soziale Arbeit eingeladen? Wir wären zu allen gegangen und hätten erklärt, um was es uns gegangen ist. Nichts. Funkstille. Gar nichts.

Das kommt vielleicht noch?

Zopfi: Das glaube ich nicht.

Wo stehen Sie selber politisch?

Zopfi: Ich stehe nirgends politisch. Ich habe meine eigene Meinung zu den Dingen, und die kann sich einmal mit der einen und das andere Mal mit einer anderen Partei decken.

Sie suchten eineinhalb Jahre erfolglos eine neue Arbeit.

Zopfi: Es war nicht einfach, mit einem laufenden Verfahren eine Anstellung zu finden. Ich schrieb viele Firmen und Politiker an und verschwieg dabei nie, wer ich bin. Unter anderem schrieb ich an alt Bundesrat Christoph Blocher, weil er ein riesiges Netzwerk hat und weil ich wusste, dass das Amtsgeheimnis für ihn ein Thema war.

Heute sind sie tatsächlich im Sekretariat des Unternehmens Robinvest von Christoph Blocher tätig. Wie kommen Sie mit dem Blocher'schen Führungsprinzip, «Führungspersonen sollten bei Untergebenen keine Fragen zulassen, sondern nur Anträge» und «es gibt keine Mitarbeitende, sondern Untergebene», zurecht?

Zopfi: (lacht) Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Es war ein regelrechter Kulturschock nach elf Jahren in einer Verwaltung zu einem Unternehmen kommen. Das mit den Anträgen statt Fragen stimmt tatsächlich und ich war zu Beginn etwas brüskiert. Aber mittlerweile muss ich sagen: Es hat etwas. Es zwingt einen zum Denken und dazu, das Beste aus sich herauszuholen. Das ist das Positive. Das Negative ist, dass man schon ein bisschen unter Druck steht - aber ich bin ja auch nicht aus Pappe.

Ein letzter Blick zurück: Haben Sie Ihre ehemalige Arbeitgeberin, Sozialvorsteherin Monika Stocker, je wieder persönlich gesprochen?

Zopfi: Es gab nie ein Gespräch. Frau Stocker war schon ein halbes Jahr, bevor sie uns am Arbeitsplatz verhaften liess, darüber informiert, dass zwei unserer Arbeitskolleginnen Anzeige erstattet hatten, wegen Amtsgeheimnisverletzung. Sie hatte ein halbes Jahr Zeit, deswegen mit mir das Gespräch zu suchen. Nix. Wir wurden einfach verhaftet. Der Rest ist Ihnen bekannt.

Was erhoffen Sie sich vom neuen Jahr?

Zopfi: Ich hoffe natürlich sehr auf einen Freispruch auch vor Obergericht. Ich bin zuversichtlich. Und dann sehen wir weiter. Dann hätte ich das Gefühl: Doch es gibt noch Gerechtigkeit in dieser Schweiz, dann ginge es mir sehr gut.