Homeschooling

Hurra, nie mehr in die Schule

René Schneider lehrt seine Kinder auch, zu programmieren: «Zu Hause haben wir mehr Möglichkeiten, um unsere Kinder gezielt zu fördern.»

Homeschooling

René Schneider lehrt seine Kinder auch, zu programmieren: «Zu Hause haben wir mehr Möglichkeiten, um unsere Kinder gezielt zu fördern.»

Einige Familien im Kanton schwören auf den Heimunterricht. Doch es birgt auch Gefahren, wenn die Eltern gleichzeitig Lehrer sind.

Maja Sommerhalder

Kristalle prägen momentan das Leben der Familie Schneider. Zu diesem Thema wird recherchiert, experimentiert und dokumentiert - dies alles in den eigenen vier Wänden. Die Erfahrungen werden in einem Internettagebuch festgehalten. «Damit sie auch programmieren lernen», sagt René Schneider aus Schmiedrued-Walde: «Wir behandeln die Themen umfassend. In der Regelschule wird hingegeben alles häppchenweise serviert; der Gesamtüberblick bleibt den Kindern meist verwehrt.»

Seit den Herbstferien ist der Erwachsenenbildner Lehrer von seinem Nachwuchs. Zusammen mit seiner Frau unterrichtet er drei von seinen sieben Kindern zu Hause - einen 1.-Klässler, einen 5.-Klässler und eine 1.-Bezlerin. In Schmiedrued-Walde gibt dieser Entscheid zu reden, da René Schneider Schulpflegepräsident in der Gemeinde ist.

Doch der bärtige Mann lässt sich nicht davon beirren; am letzten Freitag informierte er die Dorfbevölkerung: «Zu Hause haben wir mehr Möglichkeiten, um unsere Kinder gezielt zu fördern.»

Schweizweit werden etwa 1000 Kinder zu Hause unterrichtet - wie viele es im Aargau sind, weiss man nicht. «Es gibt keine Zahlen, weil die Schulpflegen für die Erfassung zuständig sind. Wir schätzen aber, dass es nicht viele Kinder sind», sagt Irène Richner-Schellenberg, Kommunikationschefin vom Departement Bildung, Kultur und Sport.

Heimunterricht oder Homeschooling sei aber im Kanton Aargau erlaubt - Eltern müssten sich nur bei der örtlichen Schulpflege anmelden: «Diese muss einmal pro Jahr prüfen, ob die Kinder die Anforderungen des Lehrplanes der Volksschule erfüllen. Auf Wunsch kann sie das Inspektorat beiziehen, das mittels Orientierungsarbeiten den Leistungsstand prüft.»

Schulinspektor Heinz Held ist für solche Kontrollen zuständig. In seiner Karriere hat er schon fünf Familien begleitet. «Am Anfang müssen mir die Eltern ein Konzept von ihrem Unterricht vorlegen.» Wenn er die Familien einmal pro Jahr besucht, stellt er Fragen, schaut sich die Unterlagen und Arbeiten an: «Meistens wünschen die Eltern auch, dass ihre Kinder in den Fächern Mathematik und Deutsch mündlich oder schriftlich geprüft werden.»

Oft kontrollieren die Kinder ihr Wissen mit Tests aus den örtlichen Schulen: «Anschliessend bespreche er die Resultate mit den Familien. Die Eltern sind froh, wenn ich ihnen Hinweise geben kann.» Bisher hätten alle Kinder die Lernziele erfüllt: «Ich habe immer sehr engagierte Eltern erlebt.» Oft prägten Projektarbeiten und Exkursionen den Unterricht: «Das Individuum steht stark im Vordergrund.»

Er sieht aber auch die Gefahren von dieser ungewöhnlicher Unterrichtsform: «Es ist nicht einfach, gleichzeitig Eltern und Lehrer zu sein. Diese Rollen müssen getrennt werden.» Auch der Klassenverband würde fehlen: «Deshalb ist es wichtig, dass die Kinder in einem Verein oder einer Gruppe ausserhalb der Familie integriert werden.»

Die Umwelt habe oft wenig Verständnis für die Familien. Zu Unrecht, findet er: «Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass die Kinder trotz Homeschooling stark werden und ihren Platz im Leben finden.» Der Weg sei einfach anders.

Der Aargauische Lehrerinnen- und Lehrer-Verband aber hat für den häuslichen Unterricht wenig Verständnis, wie die stellvertretende Geschäftsführerin Kathrin Nadler sagt: «Der Rollenkonflikt ist programmiert. Zudem ist es besser, wenn Kinder in grösseren Gruppen unterrichtet werden. So lernen Kinder, sich in einer Gemeinschaft zurechtzufinden.»

Dieser Doppelrolle ist sich auch René Schneider bewusst: «Es ist anstrengend, gleichzeitig Vater und Lerncoach zu sein. Doch Auseinandersetzungen gehören nun mal dazu.» Dass seine Kinder nicht ausreichend sozialisiert werden, findet er aber nicht: «Sie haben weiterhin Kontakte im Dorf. Zudem sind wir eine Grossfamilie.»

Keine Sonderlinge sind auch die Buben von Christa und Jürgen Wehmann aus Teufenthal. Das Ehepaar hat ihre Kinder zu Hause unterrichtet, bis sie in die 5. und 7. Klasse kamen: «Unsere Buben haben stets Vereine besucht.» Zudem wären sie gut vernetzt mit anderen Familien, die ihre Kinder zu Hause unterrichten: «Noch heute finden regelmässige Treffen statt.»

Um noch mehr Kontakte zu ermöglichen, wurde an einzelnen Tagen auch mit auswärtigen Kindern zusammen gelernt. Als diese Zusammenarbeit aufgelöst wurde, traten ihre Kinder in die Regelschule über. «Der Wechsel lief problemlos. Sie waren von Anfang an gut integriert», so Wehmann. Zu Beginn sei es für die Kinder aber ungewöhnlich gewesen, wie viel Zeit sie die Schule und das Aufgabenmachen kosten: «In der Schule gibt es zu viele Wartezeiten. Die Kinder brauchen in der Schule etwa dreimal so lange für den gleichen Stoff wie zu Hause.»

Während heute das eine Wehmann-Kind glücklich in der Regelschule ist, vermisst das andere manchmal das Lernen zu Hause. Christa Wehmanns Herz schlägt noch immer für den Heimunterricht: «Diese Form des Lernens bietet einfach unglaublich viele Möglichkeiten. Wir finden, dass Erziehung und Lernen zusammengehören.»

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