Franz Laube

Wanderungsbewegungen gibt es seit je und sie führen immer von armen, versehrten oder wirtschaftlich trostlosen Gegenden in friedliche und reichere Gebiete, zu denen unser Land seit einigen Jahrzehnten zählt. Gründe für die Zuwanderung in die Schweiz sind heute - nebst wirtschaftlichen Überlegungen - politische Verfolgung, Krieg oder Folter. Im 19. Jahrhundert war die Bewegung umgekehrt: Damals sahen sich in der Schweiz viele Menschen genötigt, ihre Heimat zu verlassen, um überleben zu können.

Besonders aus dem Kanton Aargau suchten zahlreiche Familien und Einzelpersonen der drohenden Arbeitslosigkeit, Verarmung oder Hungersnot zu entrinnen. Manchen ist dieser Schritt gelungen, andere kamen dabei ums Leben. Im 19. Jahrhundert erreicht die Auswanderung aus europäischen Ländern nach Übersee ihren Höhepunkt. Obwohl während des ganzen Jahrhunderts Leute die Gegend verlassen mussten, sind drei eigentliche Auswanderungswellen auszumachen: Eine erste in den Jahren 1816/17, eine zweite um 1851 bis 1855 und eine dritte um 1880 bis 1885.

Die Erste Welle 1816/1817

Die Ursachen der Auswanderung sind vielfältig: In der Zeit von 1798 bis 1815 verursachen französische, österreichische und russische Truppen sowie der Durchmarsch alliierter Armeen bei der Niederwerfung Napoleons im Land schwere materielle Schäden. Besonders hart trifft es die Nordschweiz. Die Hoffnung auf bessere Zeiten wird bereits 1816 zerschlagen: Ein Jahr nach Beendigung der Kriege bringt ein nasskaltes Jahr katastrophale Auswirkungen für die Landwirtschaft. Als Ursache für diese anhaltende Schlechtwetterlage wird die gewaltige Explosion des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815 vermutet.

Die schlechten Ernteaussichten ziehen eine starke Verteuerung der Lebensmittel nach sich und Ende Jahr kommt es zu einer Hungersnot. Viele Gemeinden müssen vom Kanton unterstützt werden. Die Regierung befiehlt die Einrichtung von Sparsuppenanstalten.

Trotz diesen Massnahmen wächst die Not in der Bevölkerung. In vielen Bezirken werden zudem die wirtschaftlichen Aussichten durch die Aufhebung der Kontinentalsperre durch die Engländer verschlechtert. So verwundert es nicht, dass eine eigentliche Auswanderungswelle nicht nur den Kanton Aargau, sondern auch die übrige Schweiz und weite Teile Deutschlands erfasst.

Bereits im Frühsommer 1816 reisen einige Familien und Einzelpersonen, hauptsächlich aus dem Fricktal, nach Amsterdam. Aus anderen Bezirken sind nur ganz wenige dabei.

Sie müssen manchmal wochenlang warten, bis sie auf einem Schiff Platz finden, und nicht wenige verbrauchen bis zur Abreise ihr ohnehin spärliches Vermögen. Mittellosen Auswanderern bleibt noch die Möglichkeit der Reise auf Kredit, des so genannten «redemptioning». Dabei verpflichten sie sich vertraglich, die Passage bei der Ankunft in Amerika zu bezahlen. Dort dürfen sie das Schiff erst verlassen, wenn ein Arbeitgeber ihre Schuld begleicht, die sie dann bei diesem in einer festgelegten Dienstzeit ableisten müssen. Die Reise auf Kredit ist jedoch teurer, in der Regel kostet sie 190 Gulden gegenüber 170 bei Barzahlung.

Mit dem Schiff nach Amsterdam

In der zweiten Hälfte 1816 nimmt der Auswandererstrom aus dem Aargau markant zu. Wegen des schlechten Strassennetzes ist der Transport auf dem Rhein die beste Möglichkeit, einen Seehafen zu erreichen. Dies erklärt auch, weshalb Amsterdam zum bevorzugten Ausschiffungshafen für die Auswanderer aus dem Rheingebiet wird.

Da die Überseeschifffahrt erst wieder im Aufschwung begriffen ist und Personentransportschiffe nur beschränkt verfügbar sind, entsteht in Amsterdam eine schwierige Situation. In aller Eile werden Handelsschiffe für den Personentransport umgerüstet. Die Unterkünfte auf diesen Seglern sind alles andere als komfortabel. In den Zwischendecks werden manchmal zwei Personen pro Quadratmeter zusammengedrängt; und das bei einer Deckenhöhe von lediglich 1,5 bis 1,8 Meter.

Die Überfahrt dauert im günstigsten Fall etwa 4 Wochen, sie kann sich aber bei schlechten Verhältnissen bis auf 3 Monate ausdehnen. Die chaotischen Verhältnisse in Amsterdam verursachen teilweise lange Wartezeiten. Eine Reisegruppe von 120 Personen, hauptsächlich aus dem Aargau, trifft es besonders hart. Sie kommt erst im Dezember 1816 in Amsterdam an, zu spät für eine Überfahrt. Anfang Januar 1817 lungern viele von ihnen bettelnd und frierend in der Stadt herum. Viele von ihnen kehren in die Schweiz zurück, ärmer, als sie je waren. Im Sommer 1817 bricht die Auswanderungswelle ebenso plötzlich ab, wie sie begonnen hat. Die Aussicht auf eine gute Ernte und der Anblick der im Frühling von Amsterdam zurückkehrenden Tegerfelder Familien mögen abschreckend gewirkt haben.