Rosmarie Mehlin

Böse Zungen bezeichnen ihn und seinesgleichen als «motorisierte Putzlappen» oder so ähnlich. In Tat und Wahrheit aber ist Cognac (alle Namen geändert) ein Hund. Ein kleiner zwar, aber immerhin fliesst - unter anderem - edles Malteserblut in seinen Adern. Eines Nachts nun, es war Winter und dunkel, war Cognac zusammen mit zwei Kollegen noch kurz um den Wohnblock gezogen. Während die Begleiter zum Schluss einen Schwatz hielten - Zweibeiner kommen ja nie ohne aus -, hatte Cognac herumgeschnüffelt. Als unverhofft zwei in Jeans steckende Damenbeine an ihm vorbeimarschierten, hatte Cognac, zack, zugebissen. Nein, nicht direkt gebissen, aber immerhin so geschnappt, dass die junge Frau, Daniela, laut «aua» und «der hat mich gebissen» geschrien hatte. Darauf rief Cognacs Herrchen, sie solle warten, er wolle das mit ihr klären.

Der Freund greift ein

Daniela aber war zu ihrem im Auto wartenden Freund Dominik marschiert und hatte ihr Leid geklagt: Er sitze einfach da und tue nichts, während sie von einem Hund attackiert werde, hatte sie ihm vorgeworfen. Das liess Dominik nicht auf sich sitzen. Wutentbrannt war er auf die drei Hundehalter zugegangen, ein Wort hatte offenbar das andere gegeben. Plötzlich kam es zu einem Knall, Dominik war davongestürzt und Cognacs Herrchen hatte sehr stark geblutet.

Das Herrchen von Trüffelhund Leodegar schilderte seine Sicht der Dinge als Zeuge vor Gericht wie folgt: Nachdem Cognac die Frau offenbar ins Bein «geknellt» gehabt hatte, habe sich ein Mann auf seinen Hund stürzen wollen. «Dabei habe ich etwas in seiner Hand aufblitzen sehen und ich habe Leodegar, der angeleint war, instinktiv zurückgezogen.» In dem Moment habe Robert gerufen, Cognac sei sein Hund, worauf der Mann Robert einen Stoss versetzt habe.

«Wie auf einem Schlachthof»

«Weil ich eine weitere Eskalation fürchtete, habe ich meinen Pfefferspray zum Einsatz gebracht. Den habe ich legal und führe ihn genau für solche Fälle mit mir», so der Zeuge. Der Unbekannte habe sich daraufhin blitzartig davongemacht. Die Zurückbleibenden hatten Ambulanz und Polizei alarmiert. «Es war wie auf einem Schlachthof, überall Blut am Boden», so Robert als weiterer Zeuge vor Gericht. Angeklagt war Dominik, ein schlanker, smarter 28-jähriger, Ingenieur von Beruf, mit gutem Job, bestens beleumundet, nicht vorbestraft. Er schilderte den Vorfall ganz anders: Gerade als er den Hundehalter habe zur Rede stellen wollen, habe es geknallt, er habe einen höllischen Schmerz gespürt und nichts mehr gesehen. «Ich war überzeugt, dass mir ein Auge ausgeschossen worden war.»

Messer wegen der Hunde

Er sei, sozusagen blind, gegen einen der Männer getaumelt. «Mir war nicht bewusst, dass ich das Messer in der Hand hielt.» Die Waffe, eine Art Sackmesser, brauche er ab und zu beruflich, um Pakete zu öffnen. Er habe es damals wegen der Hunde aus der Tasche gezogen, er habe ja nicht gewusst, um was für Hunde es ging. Tatsache ist, dass er Robert unter der linken Achsel eine Stichverletzung zugefügt hatte, wobei eine Arterie angerissen worden war. Laut den Ärzten hatte Lebensgefahr bestanden. Robert hatte eine Woche im Spital bleiben müssen.

Überreaktionen und Notwehr

Der Staatsanwalt hatte Dominik der schweren Körperverletzung sowie der Widerhandlung gegen das Waffengesetz angeklagt und 18 Monate Gefängnis bedingt gefordert. Der Verteidiger sprach von «Überreaktionen hüben und drüben». Sicher, sein Mandant habe das Mass des Zuständigen überschritten. Aber nachdem er völlig überraschend mit Pfefferspray attackiert worden sei, habe er «in absolut entschuldbarer Aufregung» gehandelt, weshalb Dominik wegen Notwehr nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» freizusprechen sei. Einen Freispruch gab es vom Vorwurf der Widerhandlung gegen das Waffengesetz, da dies inzwischen so revidiert ist, dass das betreffende Messer nicht mehr darunter fällt. Die Richter unter Vorsitz von Guido Näf aber sprachen Dominik schuldig der schweren Körperverletzung und verurteilten ihn zu 14 Monaten Freiheitsstrafe, bedingt auf zwei Jahre.