Horchposten für den Flugverkehr

Mit festen und mobilen Stationen wird im Kanton Zürich seit über 40 Jahren der Fluglärm gemessen. Das heutige Messsystem kann allerdings noch viel mehr. Dies zeigt ein Augenschein vor Ort.

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Limmattaler Zeitung

Oliver Steimann

Der anonyme Wohnblock am Stadtrand von Kloten bietet einen exzellenten Ausblick auf die Ostpiste und die Airliner im Endanflug. Auch die nach Süden startenden Jets fliegen nach einer Linkskurve direkt über das Quartier. Ein idealer Ort für Fluglärmmessungen. Auf dem obersten Absatz im Treppenhaus öffnet Edith Hug, Lärmexpertin der Flughafenbetreiberin Unique, eine Luke und steigt aufs grasbewachsene Flachdach. Hier ist eines ihrer zahlreichen Arbeitsgeräte installiert: Eine Messstation der neusten Generation, ausgerüstet mit Mikrofon, Schallanalysator und Windmesser.

«Das ist einer der leichter zugänglichen Standorte», erklärt Hug. «Andernorts müssen unsere Leute, wenn sie die Anlagen zweimal pro Jahr kalibrieren, mit einer Kletterausrüstung auf die Dächer steigen.»

Jet oder Rasenmäher?

Der wasserdichte, graugrüne Kasten der Station Kloten enthält einen Router, über den die erhobenen Daten im Halbsekundentakt an den zentralen Rechner übermittelt werden. Das neue Messsystem Atanoms («Aircraft Track And Noise Monitoring System») hat Unique 2008 in Betrieb genommen. Das System kombiniert automatisch die Lärmwerte der einzelnen Stationen mit den Radardaten der Flugsicherung Skyguide und gleicht diese mit dem aktuellen Flugplan ab. So können Lärmereignisse exakt einzelnen Flugzeugen zugeordnet werden - jedenfalls meistens. «Es gibt immer wieder zweifelhafte Fälle, die wir einzeln überprüfen und zuordnen müssen», erklärt Hug.

Motorräder, Kirchenglocken oder Rasenmäher können als Fehlerquellen so in den meisten Fällen ausgeschlossen werden. «Die Zuordnung der Lärmereignisse muss so genau wie möglich erfolgen», erklärt Martin Bissegger, Leiter der Abteilung Lärmmanagement und Anwohnerschutz bei Unique. Aus dem durchschnittlichen Spitzenpegel eines Flugzeugs wird nämlich die Lärmgebühr abgeleitet. Diese müssen in Zürich jene Gesellschaften entrichten, die mit lauteren, meist etwas älteren Fluggeräten landen und starten wollen.

Fehlbare Piloten überführen

«Mit unserem System können wir aber nicht nur den Lärm messen, sondern auch die Einhaltung der vorgegebenen Flugrouten überprüfen», erklärt Bissegger. Einer der 10 Mitarbeiter seiner Abteilung ist damit beschäftigt, anhand der Atanoms-Daten grobe Abweichungen im An- und Abflugbereich aufzuspüren und die Gründe dafür herauszufinden. Unbegründete Verstösse seien aber selten, so Bissegger. «Abweichungen erfolgen meistens aus verkehrstechnischen Gründen. Manchmal müssen die Piloten auch eine Gewitterzelle umfliegen.»

Bei Abweichungen, die nicht erklärbar sind, müssen die Piloten innert zwei Wochen schriftlich Stellung nehmen. Zuweilen werden sie auch zu persönlichen Gesprächen nach Zürich eingeladen. In seltenen Fällen, in denen die Anstrengungen von seiten des Flughafens keine Besserung ergeben, werden die Fälle nach Absprache mit der kantonalen Aufsichtsstelle nach Bern weitergeleitet. Die Atanoms-Daten helfen aber auch, Anfragen von Anwohnern zu einzelnen Lärmereignissen rasch zu beantworten.

Insgesamt unterhält Unique zehn fest installierte Messstationen rund um den Flughafen. Die Resultate werden monatlich online in einem Bulletin veröffentlicht. Zusätzlich nimmt Bisseggers Team mit mobilen Stationen temporäre Messungen im ganzen Kantonsgebiet sowie teils in Nachbarregionen vor. Inzwischen unterhalten die Kantone Aargau, Thurgau und auch Baden-Württemberg jedoch eigene Stationen.

Generell genössen die Messungen aber hohe Akzeptanz, so Bissegger. Es sei nie ein Thema gewesen, sie an Dritte zu vergeben. «Wir informieren die lokalen Behörden regelmässig über unsere Arbeit.» Die Glaubwürdigkeit in der Flughafenregion sei entsprechend gross.