Aare
Hochsaison für Berner Gfrörlis

Was die Finnen können, können die Berner erst recht. Sobald die Tage kürzer werden – und erst recht, wenn es Schneit –, ruft der Gfrörliklub zum Aarebad. Um den Jackpot zu knacken – und weil es «geil» ist, verrückt zu sein.

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Aare-Schwumm

Aare-Schwumm

Solothurner Zeitung

Barbara Spycher

Um 11.25 Uhr siehts aus, als gäbs den Gfrörliklub nicht mehr. Dann fährt ein junger Mann auf einem Velo vor, auf dem Gepäckträger ein Badetuch. Also doch, der erste Gfrörli. Er ist bestens ausgerüstet, inklusive Taucherbrille. Denn er will gleich in die Aare schwimmen gehen. Dass die Luft drei Grad, das Wasser knappe acht Grad kalt ist, schreckt einen echten Berner Gfrörli nicht ab.

Neun solcher Gfrörlis zwischen 20 und 60 Jahren haben sich fünf Minuten später beim Altenbergsteg in Bern eingefunden. Freitags von November bis März treffen sie sich hier zum gemeinsamen Schwumm; das ist der Zweck des Gfrörliklubs, der vor vier Jahren von Studis gegründet wurde.

Die jungen Bernerinnen und Berner hatten in Finnland das Winter-Schwimmen kennengelernt und sich gesagt:

«Das können wir auch»

Aber wieso, was gibt einem das kalte Bad? «Nichts», entgegnet Reto, «im Gegenteil, es kostet sogar etwas». Jeder Gfrörli muss 50 Rappen Startgeld in einen Plastikfisch einzahlen; Kassierin Annemarie notiert, wer da ist. Ende Wintersaison gewinnt den Jackpot, wer am öftesten teilnahm. «Der letztjährige Gewinner steht vor dir», sagt Akos. Gfrörlis duzen sich. Und witzeln.

80 Franken hat Akos letztes Jahr gewonnen, aufgerundet und der Stiftung «Denk an mich» gespendet. Für seinen Sieg ist er nachgeschwommen, wenn er einen Freitagsschwumm verpasst hatte. Das gilt aber nur, wenn ein zweiter Gfrörli dabei ist und ein Foto als Beweis vorgezeigt werden kann.

Auch dieses Jahr ist Akos gut im Rennen, aber die härtesten Zeiten kommen noch; dann, wenn die Aare auf vier Grad runterkühlt. Er ist ein Gfrörli im dritten Winter. Und findet es «geil». Da sei so eine Eiseskälte im Inneren, ganz klein, es dauere lange, bis die auftaue, und so spüre man den ganzen Tag eine «angenehme Frische». Auch Reto geniesst diese Frische. Und den Kick, «öppis chly gspunnigs» zu tun. Das mache Freude.

Diskussionen um Schuhe

Gesundheitliche Probleme habe noch nie jemand gehabt. Gut möglich, dass es gar das Immunsystem stärke, doch das ist nicht der Beweggrund der Gfrörlis: «Jedenfalls hat niemand von uns die Schweinegrippe gehabt», sagt Reto. Und Akos und Lucia wissen aus Erfahrung, dass ein kaltes Aarebad hartnäckiges Kopfweh vertreibt.

So schnell wie sie gekommen sind, so schnell sind sie auch umgezogen und gehen in Bikini oder Badehose zur Einstiegstreppe; einzelne mit Mütze und Badeschuhen. Das Laufen auf dem kalten Boden vorher und nachher sei das Schlimmste. Akos trägt gar geschlossene Schuhe. Intensiv sei diskutiert worden, ob sie zugelassen werden. Sie könnten ja wärmen. Und was wärmt, ist nicht erlaubt. Ein Gfrörli jammert nicht über die Kälte.

«Das sind unsere Fans»

Letztere Regel steht zwar nirgends geschrieben, aber diesen Eindruck gewinnt, wer den Gfrörlis zuschaut: Hintereinander springen oder steigen sie ins kühle Nass, ab und zu ist ein Schnaufer oder ein Pruster zu hören. Dafür grölen am anderen Ufer ein paar Jugendliche über die Winter-Schwimmer. «Das sind unsere Fans», ruft Annemarie aus dem Wasser. Sie schwimmt, Akos hingegen stolpert zu Fuss die Aare hinunter - im Winter ist sie nicht tief. «Nicht die Art des feinen Mannes, aber es ist erlaubt», erklärt er.

Kurz darauf ist der Spuk vorbei. Die nächste Treppe ist 30 Meter entfernt, das Pflichtprogramm damit erledigt. Reto schwimmt trotzdem weiter.

Die anderen steigen mit geröteter Haus aus dem Wasser: «Frisch» seis gewesen und «schön». Jetzt aber tun Lucia die Füsse weh. Kaum bei den Kleidern angekommen, hält Annemarie schon eine Plastikflasche in die Höhe: Lucias Füsse werden mit Warmwasser übergossen, Akos bekommt eine Ganzkörperdusche. Und dann schnell wieder in die Kleider. Und schon verabschieden sich die ersten.