Gericht
Hilfeschrei aus dem Schneckenhaus

Ein heute 46-jähriger Oberaargauer zündete am 18. November 2008 einen Schopf in Madiswil an und stellte sich anschliessend der Polizei. Das Kreisgericht Aarwangen-Wangen verurteilte ihn dafür zu 18 Monaten bedingt.

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Justizia

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Aargauer Zeitung

Jürg Rettenmund

Mehr oder weniger teilnahmslos gab der 46-jährige Oberaargauer vor dem Kreisgericht im Schloss Aarwangen Auskunft. Ein Verhalten, das für das Gericht ins Bild passte: Er habe sich in eine «Schnäggehüsli-Position» zurückgezogen, hielt Gerichtspräsident Fritz Aebi dem Angeklagten vor: «Sie schleichen zwar noch, aber langsam, und wenn Sie irgendwo anstossen, ziehen Sie sich zurück - bis Sie explodieren.»

Sinnbild für dieses Verhalten war für Aebi ein Waldhaus, das sich der Angeklagte angelegt hatte. «Es sah dort recht gepflegt aus.» Allerdings wurde er von dort zurückgeholt und vorübergehend bei seinen Eltern untergebracht. Zuvor war seine Beziehung zerbrochen, und auch den Job hatte er verloren. Als er vom Sozialdienst bei der Wohnungssuche nur eine Kostengutsprache erhielt, aber nicht nach seinen Vorstellungen unterstützt wurde, handelte er auf seine Art.

Professionelles Vorgehen

Mit Zeitungspapier, Feuerzeug und Sackmesser drang er in der Nacht auf den 18. November 2008 in einen freistehenden Schopf an der Steingasse in Madiswil ein. Er legte die Zeitungen auf einen Holzwagen, zerkleinerte Holz mit seinem Sackmesser, legte gröberes Holz darüber und zündete alles an. «Bei einem Lagerfeuer hätte man Ihnen dafür ein professionelles Vorgehen attestiert», anerkannte Aebi.

«Auf der Grube», Niederwangen

Im Knabenheim «Auf der Grube» in Niederwangen (heute Schulheim Ried) war der Brandstifter von Madiswil von der vierten Klasse an untergebracht und besuchte die Schule. Dieses geriet im August 2002 in die Schlagzeilen, als am Heim Feuer gelegt wurde, während die Bewohner in einem Ferienlager waren. Gleichzeitig erhob der Brandstifter in anonymen Briefen schwere Vorwürfe gegen die Heimleitung. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons leitete eine Untersuchung ein, die verschiedene Vorwürfe gegen die frühere Heimleitung (1965-2000) bestätigte: Harte Schläge waren als Strafe häufig, zwischen Zöglingen kam es zu sexuellen Übergriffen, die von der Leitung tabuisiert wurden. «Wer sich dem Regime beugte, hatte keine Probleme. Wehe aber dem, der aufmuckte», sagte ein ehemaliger Zögling zur «Berner Zeitung». Der Brandstifter selbst wurde nicht gefasst. 2004 schlossen Untersuchungsrichter und Kantonspolizei das Dossier. (jr)

Als das Feuer bis in die Dachbalken loderte, verliess der Brandstifter den Schopf, lief ein paar hundert Meter, setzte sich auf eine Bank und schaute dem Feuer zu. Dann rief er die Polizei an. Er habe einen Hilfeschrei ausgestossen, weil er sich nicht ernst genommen fühlte, erklärte er bereits damals.

Ein Hilfeschrei, der Gerichtspräsident Aebi arg zurechtgelegt erschien. Das wollte allerdings der Pflichtverteidiger nicht so durchlassen. In Kenntnis der Jugend seines Klienten sei dieser bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. «Das Feuer sollte wie ein Scheinwerfer die Aufmerksamkeit auf ihn lenken.»

Der Angeschuldigte hatte die Schule nach der dritten Klasse verlassen müssen. Weil seine schulischen Leistungen nicht genügten, und weil seine Eltern mit ihm nicht zurecht kamen. Er absolvierte darauf seine Schulzeit im Knabenheim «Auf der Grube» in Niederwangen.

Er hat sich arrangiert

Dort konnte er sich arrangieren. «Angesichts der seither aufgedeckten Zustände in diesem Heim müssen wir annehmen, dass dies nur möglich war, wenn man sich zurückzog», gab sein Pflichtverteidiger zu bedenken (zur «Grube siehe Kasten rechts).

Für das Gericht war diese Vergangenheit zwar eine mögliche Erklärung, aber keine Begründung für den immer wieder unsteten Lebenswandel des Angeschuldigten, der ihn bisher bereits zweimal mit dem Gesetz in Konflikt gebracht hatte. Eine Herabsetzung des Strafmasses kam deshalb für das Gericht nicht in Frage. Wohl aber eine bedingte Strafe, um ihm eine letzte Chance zu geben, das Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Das Urteil lautet auf 18 Monate, mit einer verlängerten Bewährungsfrist von vier Jahren. Dazu kommen 2300 Franken Verfahrenskosten. Zudem widerrief das Gericht eine bedingte Geldstrafe von 1500 Franken. Der Verurteilte und der Staatsanwalt können innerhalb von zehn Tagen gegen das Urteil rekurieren.

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