Hilfe für verstümmelte Frauen

Somalischer Verein und Kanton Solothurn lancieren Präventionsprojekt gegen Mädchenbeschneidung. Mehrere 100 Frauen im Kanton Solothurn sind Opfer von Genitalverstümmelungen geworden. Mit einem neuen Projekt wollen der somalische Verein Solothurn und der Kanton nun etwas gegen die grausame Tradition tun.

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Deeqo Ahmed aus Solothurn kämpft gegen Mädchenbeschneidung.

Deeqo Ahmed aus Solothurn kämpft gegen Mädchenbeschneidung.

Solothurner Zeitung

Patrick Furrer

Die Mädchenbeschneidung ist ein brutales Ritual, von dem weltweit über 130 Millionen Frauen betroffen sind. Hierzulande wird dieses Beschneiden der weiblichen Geschlechtsteile als Körperverletzung angesehen. Trotzdem gibt es auch in der Schweiz beschnittene Mädchen aus immigrierten Familien. Die Hilfsorganisation Unicef schätzt deren Anzahl auf rund 7000.

«Mädchen, die beschnitten wurden, können das nie mehr vergessen. Viele haben starke Schmerzen, werden krank, sind verwirrt und verlieren die Lust auf Sex», sagt die gebürtige Somalierin Deeqo Ahmed. Die Präsidentin des somalischen Vereins «Ubsom» lebt seit 20 Jahren in der Schweiz und wohnt in der Stadt Solothurn. Seit Jahren engagiert sie sich gegen Beschneidung. Sie kennt rund 50 betroffene Familien und schätzt die Anzahl beschnittener Frauen im Kanton auf «einige hundert». Gemeinsam mit dem Kanton will Ahmed nun ein Präventionsprojekt auf die Beine stellen, das noch diesen Sommer starten könnte.

Offen für alle Interessierten

Vorgesehen sind regelmässige Anlässe und Gesprächsrunden, in Grenchen, Solothurn und Olten. Diese sollen alle drei Monate stattfinden. Betroffene sollen lernen, die Mädchenbeschneidung zu hinterfragen. Deshalb richten sich die Informationsveranstaltungen, die mithilfe der Caritas Schweiz ausgestaltet werden, primär an muslimische, afrikanische Familien. Sie sollen aber für alle Interessierten offen sein. Unterstützt wird Deeqo Ahmed von der Künstlerin Gabriella Affolter, Gründerin der Interkulturellen Kreativwerkstatt in Solothurn. Letzte Woche trafen sich die beiden Frauen mit Vertretern des Gesundheitsamtes und des Amtes für öffentliche Sicherheit. Kantonsarzt-Assistentin Manuela Meneghini vom Gesundheitsamt bestätigt auf Anfrage den Aufbau eines neuen Präventionsprojekts. Noch stehe man aber am Anfang.

Die eigene Kultur hinterfragen

Deeqo Ahmed weiss, wovon sie redet. Als somalisches Mädchen wurde sie beschnitten. Als 1991 der Bürgerkrieg ausbrach, flüchtete die heute 45-Jährige in die Schweiz. Ihre eigene Beschneidung hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nie hinterfragt. Erst Jahre später, als sie schwanger wurde und von ihren Ärzten aufgeklärt wurde, erkannte Ahmed, dass eine Beschneidung keine Selbstverständlichkeit ist. «Ich empfand es plötzlich als Eingriff in die Freiheit einer Frau», erklärt sie.

Viele ausländische Frauen wüssten nicht, dass eine Beschneidung Menschenrechte verletzt. Deshalb seien Prävention und Aufklärung wichtig. Und sie hätten sich an die ganze Familie zu richten, nicht nur an die Frauen. Unbeschnittene Mädchen fänden in afrikanischen Ländern nur mit Mühe einen Mann, da der Brauch noch tief in den Wertvorstellungen verankert liegt. Und: Viele Mädchen sterben an den Folgen einer Beschneidung, die in einigen afrikanischen Dörfern noch heute ohne Narkose und steriles Werkzeug durchgeführt wird. Sogar in der Schweiz werden laut Unicef Beschneidungen vorgenommen.

Deshalb muss der Mädchenbeschneidung Einhalt geboten werden, bekräftigt Ahmed. Sie hofft, mit dem neuen Präventionsprojekt ihren Teil dazu beitragen zu können. Mit dem gestrigen «Tag der Frau» ist für Ahmed der Startschuss gefallen. Ihren Kampf führt sie nicht allein.

Gestern rief auch Kinderhilfswerk Unicef zum «Aktionstag im Kampf gegen die Mädchen-
beschneidung» auf. Sie unterstützt damit die Forderung nach einem ausdrücklichen Verbot von Genitalverstümmelungen im Gesetz (siehe Update). Rund 20000 Unterschriften sind laut Unicef bereits zusammengekommen.