Johannes Reichen

Timo, Alec, Julius, Rahel und Jan werden am Montag ihren ersten Schultag an der Primarschule Marzili in Bern erleben. Ihr Klassenzimmer werden sie im Kindergartenpavillon haben, die Lehrerin wird Frau Graf heissen. Gestern Freitag sass an ihrem Pult im Kindergarten-Pavillon noch Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne).

Zum Start des neuen Schuljahrs stellte der Regierungsrat einige Neuerungen im Schulwesen vor. Eine davon: Lehrerinnen und Lehrer, die schwierige Situationen im Unterricht erleben, erhalten Unterstützung.

Für das kommende Schuljahr stehen 11 000 Lektion für unterstützende Lehrpersonen zur Verfügung. «Diese Hilfe soll rasch und einfach vergügbar sein», sagte Pulver. «Wenn wir das Wohlbefinden der Lehrpersonen weiter steigern können, erhöhen wir auch die Bildungsqualität.»

Regelmässig erschöpft

Das Handlungsbedarf besteht, offenbarte im letzten Jahr eine Analyse der Erziehungsdirektion. «Wo drückt der Schuh?», wurden die Lehrer im Kanton Bern gefragt. 22 Prozent der Lehrer von Realklassen antworteten, dass sie ihre Arbeit kaum bewältigen können. Und 43 Prozent sagten, sie seien regelmässig erschöpft.

Schwierige Unterrichtssituationen träten vorwiegend an Realklassen auf, sagte Ruth Bieri gestern. Sie ist Projektleiterin der Unterstützungsmassnahmen. Aber auch nur eine Minderheit der Realklassen und eine Minderheit der Schüler bereite Probleme. «Die Mehrheit der Lehrpersonen arbeitet gerne.»

Schulleitung entscheidet

Hat nun eine Lehrperson Schwierigkeiten mit Schülern oder auch persönliche Probleme, so kann die Schulleitung beim entsprechenden Schulinspektorat Untersützung beantragen. «Wichtig ist, dass die Lehrperson zu den Schwierigkeiten steht», sagte Bieri, besonders dann, wenn die Schwierigkeiten von ihr ausgingen.

Die Schulleitung entscheidet auch, wer zur Unterstützung hinzugezogen werden soll. «Sie wissen am besten, was benötigt wird», sagte Bieri. So können nicht nur Lehrer, sondern auch Personen ohne Befähigung angestellt werden, beispielsweise ein Sozialpädagoge oder eine erfahrene Mutter.

Diese Unterstützer stehen der Lehrperson während einer befristeten Zeit im Unterricht zur Seite. Auch weitergehende Massnahmen ausserhalb des Unterrichts, etwa eine Beratung, sollen helfen, damit bald wieder ein gutes Klima im Klassenzimmer herrscht.

Ein Testjahr

In einem Jahr wird Bericht erstattet über die Erfahrung mit diesen neuen Hilfeleistungen. «Es wird sich zeigen, inwiefern sie hilfreich und wirksam sind», sagte Ruth Bieri. Eine Million Franken kosten diese Untersützungsmassnahmen den Kanton Bern. Der errechnete Bedarf ergab sich aus der repräsentativen Befragung. Bernhard Pulver geht darum davon aus, dass die 11 000 Lektionen für das gesamte Schuljahr ausreichen werden.