Fritz Thut

Schon auf den ersten Blick und das erste Hinhören ist dem Besucher klar, dass es sich hier um kein gewöhnliches Schulzimmer handelt. Im ersten Stock des ehemaligen Bezirksschulhauses von Seengen ist die Station «Forschung – Einstein – Seengen» eingerichtet.

Im Labor des Begabtenförderungsprojekts gibt es keine streng ausgerichtete Sitzordnung; Frontalunterricht schon gar nicht. Die acht Schüler arbeiten selbstständig an ihren Aufgaben und Projekten. Deshalb läuft im Hintergrund Musik. Unterbrochen wird das emsige Tun von Sprachfetzen in Englisch, Hochdeutsch und Mundart.

«Hier dürfen sie alles fragen»

Lehrerin Petra Weber wird hin und wieder von einzelnen der 9- bis 11-jährigen Kinder angesprochen, gibt Tipps und antwortet auf konkrete Fragen. Genau Letzteres ist während der Lektionen, die jeweils am Donnerstagnachmittag stattfinden, die Kernaufgabe der Projektleiterin. «Hier dürfen sie alles fragen», hält sie fest und bezeichnet dies als grössten Unterschied zur Regelklasse.

Im Verbund mit den «normal» begabten Klassenkameraden gibt es immer wieder Probleme, wenn die «Einstein»-Teilnehmer mit ihrem Wissensdurst, dem steten Weiterfragen und Nachhaken nerven. Andererseits langweilen sich die Spezialbegabten oft im Betrieb der Normalschule, was sich schlecht auf die Motivation auswirken kann.

Angebot für «die andere Seite»

Um dieses «Ablöschen» zu verhindern, erliess das kantonale Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) spezielle Richtlinien (vgl. Artikel unten rechts). Seit August 2008 gibt es an der Schule Seengen ein interdisziplinäres Angebot, das sich an hochbegabte Viert- und Fünftklässler richtet. Während des ersten Schuljahrs machten sechs, seit letztem Sommer acht Kinder mit. Sie rekrutieren sich nicht nur aus der Standortgemeinde, sondern kommen aktuell auch aus Egliswil, Lenzburg und Seon (vgl. «Umfrage»).

Man habe bewusst einmal etwas für «die andere Seite» des Leistungsspektrums machen wollen, schildert Schulleiter Urs Bögli die Beweggründe für die Lancierung des Projekts, die von ihm den Namen des Ausnahmeforschers Albert Einstein erhalten hat. Trotz dem Namen wolle man nicht «etwas Spezielles für eine Elite» schaffen, sondern einfach ein Angebot für eine Gruppe, die im Umfeld der zahlreichen Spezialtherapien oft vergessen werde.

In Seengen steht auch die Schulpflege hinter dem Projekt. «Dies ist sehr wichtig für mich», freut sich Bögli über den Sukkurs. Aktuell wurde ein Kredit gesprochen, um die Forschungsstation besser einrichten zu können.

«Mit Herzblut dabei»

Die Infrastruktur (schon jetzt ist der Einsatz von Computern eine Selbstverständlichkeit) spielt sicherlich eine wichtige Rolle, doch entscheidender ist die Projektleitung. Mit Petra Weber hat man in Seengen eine ideale Person gefunden. «Sie ist mit Herzblut dabei», attestiert ihr der Schulleiter und betont den Pioniercharakter: «Es gibt hier nichts Pfannenfertiges; man muss das Projekt laufend weiterentwickeln.»

Für Weber, die zudem zur Hälfte eine Oberstufenklasse führt, ist die Arbeit mit den «Einstein»-Schülern eine willkommene Herausforderung. Damit sie auf alle Schüler individuell eingehen kann, ist eine intensive Vorbereitung vonnöten: Alle bekommen auf ihre speziellen Fähigkeiten zugeschnittene Aufgaben zugeteilt.

Webers Credo lautet: «Die Schüler dürfen hier alles machen – allerdings ohne dass etwas in die Luft fliegt.» Die Kreativität ist fordernd, doch die Lehrerin und Projektleiterin schätzt dies. Und profitiert auf der andern Seite von Motivation und Aufmerksamkeit: «Hier muss ich etwas nur einmal erklären.»

Besuche bei PSI und Fachhochschule

Für die Teilnahme am «Einstein»-Unterricht müssen alle Teile (Schüler, Regelklassenlehrer, Eltern) einverstanden sein. Zur Aufnahme mussten die Kinder ein Bewerbungsdossier einreichen. Was hier zusammenkam, bezeichnet selbst Schulleiter Bögli als «sehr erstaunlich». In der Tat gemahnen einige Dossiers schon fast an halbe Maturaarbeiten.

Ist die Aufnahmehürde überwunden, wartet auf die Nachwuchs-«Einsteins» ein breites interdisziplinäres Betätigungsfeld mit spezifischen Schwerpunkten im naturwissenschaftlichen, logisch-technischen oder gestalterischen Bereich, wobei die Sonderlektionen durch Besuche, etwa im Paul-Scherrer-Institut oder in der Fachhochschule Brugg-Windisch, aufgelockert werden.