Solothurn
Heute gibts keine «Tatzen» mehr

Es war 1959 ein Vorzeigebau, das Schulhaus Wildbach. Heu-te ist es sanierungsbedürftig, doch die Kinder feierten das 50-Jahr-Jubiläum frisch und unbekümmert. Erinnerungen weckten ehemalige Schüler wie Nationalrat Pirmin Bi-schof, der von einer Ohrfeige so wenig verschont blieb wie Stadtpräsident Kurt Fluri.

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Jubiläum

Jubiläum

Solothurner Zeitung

Wolfgang Wagmann

«Wir steckten Frau Spalinger Schnecken in den Briefkasten. Das gab vom Lehrer eine Ohrfeige.» Klein Pirmin, heute so alt wie das Schulhaus, nämlich 50, hatte aber schon damals seine juristischen Qualitäten entdeckt: Er verteidigte sich damit, dass Frau Spalinger das Spielen im Wildbach verboten habe. Eine bekannte Lehrerin war Elisabeht Pfluger. Sie sammelte nicht nur Sagen und Geschichten, sondern liess die Kinder jeweils am Samstagmorgen auch welche erzählen. Und da hatte klein Pirmin auch sein Talent als Politiker entdeckt: «Elisabeth Pluger sagte mir, ich sei der einzige Schüler, der fürs Erzählen seiner Geschichte zwei Samstage gebraucht habe.»

«Heute fällt es zusammen»

Schulleiterin Jrène Rechsteiner hatte mit ihren Kollegen und Kolleginnen ein buntes Programm zusammengestellt. Ein vielbeklatschter Rap und das «Wildbach-Lied» zeigten, dass die Kinder sich intensiv mit ihrem Schulhaus befasst hatten. Lehrerin Verena Deppe blickte auf eine interessante Projektzeit zu-rück: «Angefangen hatte es mit dem Verbrennen eines Bööggs im Februar. Am 23. April - dem ersten Schultag vor 50 Jahren - kamen Kinder wie anno dazumal zur Schule.» Oder wie es eines der KInder ausdrückte: «Die Knaben hatten Stülpen und Latzhosen an.» Der Unterricht von einst, jetzt und in Zukunft wurde thematisiert, so Verena Deppe. «Wir gaben 40 Minuten nochmals Frontalunterricht wie damals. Und die Fünftklässler provozierten mich, ihnen eine der damals üblichen Tatzen zu geben.» Die Lehrerin hütete sich jedoch an alte Zeiten anzuknüpfen, «ich habe einen von ihnen bloss pro Forma hinausgeschickt.» In einer Ausstellung, verteilt in allen Schulkorridoren fassten die Kinder ihre Eindrücke zusammen. Prägnant aber auch ihre Aussagen gestern abend: «Früher war die Schule strenger. Aber es gab wohl weniger Hausaufgaben.» Oder: «In den sechziger Jahren war es lustig. Damals gab es noch die Hippies.»

In Erinnerungen kramte auch Schuldirektor Rolf Steiner. «Es isch nümme wie albe», so hiess das seinerzeitige Festspiel von Fritz Mäder zur Einweihung, und das treffe für den heutigen Schulbetrieb zu. Aber auch das Schulhaus Wildbach, damals erbaut vom berühmten Architekten Fritz Haller, dem Erfinder der USM-Möbel, reichte bald nicht mehr für die wachsende Weststadt. Zuerst wurde ein Pavillon dazugebaut, anfangs neunziger Jahre dann das Schulhaus Brühl. Heute müsse das Wildbach saniert werden, so Steiner, «die nötigen Kredite sind gesprochen.» Oder wie ein Schüler treffend bemerkte: «Früher war unser Schulhaus moderen - heute fällt es zusammen.» Angesagt, aber erst aufs «Brätle», war auch Stadtpräsident Kurt Fluri. UnVerbürgt ist die Geschichte, dass Lehrer Hans Rüd - gestern ebenfalls am «Tatort» - klein Kurt die einzige Ohrfeige in dessen Schulkarriere verpasst hatte. Kurt sang damals «Oh Tannenbaum» extra falsch...