Ostern
Herr Osterhase erzählt uns aus seinem Nestchen

Es ist für ihn die anstrengendste Zeit im Jahr. Der Osterhase hat in diesen Tagen überhaupt keine Zeit für Interviews. Für die bz macht er eine Ausnahme und erzählte aus seinem Osterhasen-Alltag.

Martina Rutschmann
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So sieht der Alltag des Osterhasen aus
5 Bilder
Die kleinen freuen sich über die Osternestchen.
Schokoladenhasen von Lindt.
Das «Rabbit Case» fürs iPhone.
Bunte Eier gehören zu Ostern dazu – mit dieser Vorrichtung ist es einfacher, sie zu bemalen.

So sieht der Alltag des Osterhasen aus

Keystone

Ich darf es ja nicht laut sagen, aber um ehrlich zu sein bin ich saumüde. Mit meinen inzwischen 332 Jahren bin ich nicht mehr so schnell auf den Läufen wie früher. Da kommt mir der aktuelle Veganer-Wahn ganz entgegen: Ich muss nicht mehr so viele Eier anmalen und herumtragen und mich nicht mehr davor fürchten, in einem Kochtopf zu landen, bloss weil die Menschen gerade keine Ziege für einen feierlichen Gitzibraten hatten.

Bei der Milchschokolade hingegen schauen sie nicht so genau hin, da ist es ihnen egal, dass eine Kuh gemolchen und ein Kakaobaum geplündert werden musste. Die Schokoladehasen sind zum Glück meist hohl und leicht. Sie schonen meinen Hasenrücken.

Das «Rabbit Case» fürs iPhone.

Das «Rabbit Case» fürs iPhone.

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Allerdings muss ich vorsichtig damit umgehen, die Dinger sind zerbrechlich und das Weinen eines Kindes tut mir weh in den Löffeln. Meist beobachte ich die Kleinen ja, wie sie meine Nestchen suchen und freue mich insgeheim, wenn sie sie nicht gleich finden. Ich weiss inzwischen, was ein gutes Versteck ausmacht.

Schokoladenhasen von Lindt.

Schokoladenhasen von Lindt.

Keystone

Und täglich eine Auferstehung

Es war ein hohes Tier, das mich schuf. Ein Medizinprofessor, um genau zu sein, der nichts Gescheiteres zu tun hatte, als eine Abhandlung über Ostereier zu verfassen. Darin ging es um mich und meinen Job. Der Professor schilderte, wie ich vom Norden Deutschlands in den Süden hoppeln muss, um in Gebüschen Eier für Kinder zu verstecken. Er schrieb auch, dass das Ei spätestens seit dem Mittelalter Symbol für das christliche Osterfest sei und ich selber ursprünglich ein Auferstehungssymbol war.

Die kleinen freuen sich über die Osternestchen.

Die kleinen freuen sich über die Osternestchen.

Keystone

Um ehrlich zu sein, hat mich das nie gross interessiert, die einzige Auferstehung, die ich erlebe, ist das tägliche Erwachen. Als Abkömmling der Feldhasen darf ich ja keinen Winterschlaf halten, sondern muss das ganze Jahr über aktiv sein. Auch Eier interessieren mich nur berufsbedingt, da ich streng genommen auch ein Veganer bin, der sich nur von Löwenzahn, Gras und Heu ernährt. Manchmal tut es mir weh, ein blühendes Blümchen abbeissen zu müssen, dann hoffe ich, dass ein Wanderer sieht, wie es aus meiner Scharte hängt, mich fotografiert, auf Facebook stellt und die Menschen erfreut.

Handyetuis mit Ohren und Blumen

Im 17. Jahrhundert, als ich geboren wurde, waren die Menschen noch bescheiden. Da erfreute ein bemaltes Ei ihr Gemüt. Heute aber erfinden sie jedes Jahr neue Trends. Ich glaube ja, den Kindern sind die Modeströmungen punkto Nestchen ziemlich egal, Hauptsache, sie sind reichhaltig gefüllt. Die Eltern reissen sich trotzdem ein Bein aus und scheren sich um die Farbe des Kunstgrases.

Viel möchte ich noch nicht verraten, es soll ja eine Überraschung werden, eines muss ich aber loswerden: Die Menschen legen neuerdings Sofortbildkameras und Handyetuis mit Ohren und Blümchen in die Körbchen. Für diejenigen, die es nicht wissen: Blümchen heisst mein Schwanz. Also eigentlich Blume, doch die Menschen neigen dazu, meine Körperteile zu verniedlichen. Wenn ich solche Wörter höre, bin ich froh, dass ich weder sprechen noch lächeln kann.

Tausende Pilger stehen bei dem leeren Grab, wo angenommen wird, dass Jesus begraben wurde und wieder auferstanden ist.

Tausende Pilger stehen bei dem leeren Grab, wo angenommen wird, dass Jesus begraben wurde und wieder auferstanden ist.

Keystone

Nun gut, es kommt wieder eine hektische Zeit auf mich zu. Wenn es mir zu viel wird, denke ich jeweils an die Psychologen, die sagen, dass ich die Fantasie der Kinder anrege und ihre kognitive Entwicklung unterstütze. Wie lange ich das noch machen werde, kann ich nicht sagen. Ein Rentenalter oder dergleichen gibt es bei mir nicht. Auch keinen Mindeslohn oder Arbeitslosigkeit. Daher geht es mir ja recht gut. Und wenn ich nicht sterben werde, hopple ich in 332 Jahren noch umher. Wer weiss, was für Dinge ich dann verstecken muss? Keine Ahnung. Fest steht: Das Ei, das war bei mir zuerst.

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