«Helft mir, eine Schule zu bauen»

Krieg und Terror haben ihre Kindheit in Tschetschenien geprägt. Heute besucht Selita Murzaeva die Pädagogische Hochschule in Aarau und hat ein grosses Ziel: Sie will das hier erworbene Wissen in ihrem Heimatland weitergeben.

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Aargauer Zeitung

Von Fränzi Zulauf

Selitas Schulprojekt in Grosny

Eine kleine Schule soll es werden mit insgesamt fünf Zimmern: Zwei Klassenzimmern, einem Zimmer für Nachhilfestunden, einem Computerraum und einem Lehrerzimmer. «Ein WC ist nicht dabei, weil die Toiletten in Tschetschenien meistens draussen sind», präzisiert Selita.
6 Türen, 8 Fenster, 1 Heizung, 340
Säcke Zement, 23 000 Bausteine sowie Holz und Schiefer (Dachabdeckung) werden für den Bau benötigt.
Und für die Einrichtung 28 Tische, 50 Stühle, 7 Computer, 2 Wandtafeln, 1 Drucker, 1 Kopierer sowie Bücher und Schulmaterialien. Für Bau und Einrichtung sind knapp 50 000 Franken budgetiert, das Grundstück kostet gegen 30 000 Franken. «Ein Gebäude zu mieten, ist in Tschetschenien praktisch unmöglich», erklärt Selita.
Wer Selita bei ihrem Schulprojekt unterstützen möchte - durch Spenden oder Naturalien (z. B. Kopierer, Schulmaterial etc.), meldet sich am besten per Mail bei Selita: s.el.ita@hotmail.com. (zi)

«In Tschetschenien gilt der Lehrerberuf wenig», sagt Selita. «Bedingt durch den jahrelangen Krieg und die noch immer unruhige Situation, haben viele Menschen keine Ausbildung. Wer wenigstens lesen kann, heisst es bei uns, kann als Lehrer arbeiten.» Obwohl - oder gerade weil Selita das alles weiss, hat sich die junge Frau dazu entschlossen, die einzigartige Chance zu packen und eine richtige Ausbildung als Lehrerin zu absolvieren. In Aarau, an der Pädagogischen Fachhochschule FHNW. «In Tschetschenien bedeutet Schule im Wesentlichen vorlesen und auswendig lernen. Die Lehrerinnen und Lehrer wissen nichts von Stundenplänen, haben keinerlei Vorstellungen von didaktischen und pädagogischen Methoden», erklärt Selita. «Wie man Arbeitsblätter erstellt, mit einem Computer umgeht oder nur schon wie man Textstellen markiert, ist dort unbekannt. An den Schulen unterrichten vorab junge Menschen, die selbst kaum eine Schulbildung haben, aber ihr Bestes geben.»

An der Pädagogischen Fachhochschule hat Selita erkannt, was die Kinder in Tschetschenien alles verpassen, weil sie nicht richtig unterrichtet werden. «Ich bin so begeistert davon, was ich hier bisher lernen durfte, und ich weiss jetzt, wie viel ein gut ausgebildeter Lehrer erreichen kann. Es ist mein Ziel, mein hier erworbenes Wissen und Können in mein Heimatland zu bringen.» Denn all die Hilfe, die sie hier erhalten habe, aber auch ihre eigenen Anstrengungen und Schmerzen würden nur auf diese Weise einen tieferen Sinn erhalten.

In Grosny will Selita dafür eine kleine Schule bauen. In dieser Schule sollen nicht nur die Kinder einen zeitgemässen, sinnvollen, zielgerichteten Unterricht erhalten, sondern auch die Lehrpersonen sollen ausgebildet werden. «Schon heute», berichtet Selita, «unterstütze ich einige junge Lehrerinnen in Tschetschenien. Ich helfe ihnen mit Ideen, Materialien, Lehrplänen und anderem mehr.» Ein weiteres Anliegen sind Selita die zahlreichen Jugendlichen, die schon aus dem Schulalter heraus sind, aber kaum das Einmaleins beherrschen. «Mit Nachhilfestunden kann man ihnen eine Chance geben, einen Platz in der Gesellschaft zu finden.»

Selita2.jpg 2005: Selita (links) zusammen mit ihrer Kollegin Zulikhan Asukhanova, die im Tschetschenien-Krieg einen Arm verloren hat. Dank privaten Spenden aus dem Aargau und Unterstützung der Rehaklinik Bellikon hat Zulikhan eine Armprothese erhalten.

Selita2.jpg 2005: Selita (links) zusammen mit ihrer Kollegin Zulikhan Asukhanova, die im Tschetschenien-Krieg einen Arm verloren hat. Dank privaten Spenden aus dem Aargau und Unterstützung der Rehaklinik Bellikon hat Zulikhan eine Armprothese erhalten.

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Bau und Einrichtung des kleinen Schulhauses in Grosny kosten rund 50 000 Franken und natürlich sehr, sehr viel Fronarbeit. Dazu kommen noch etwa 30 000 Franken für den Kauf des Baulands. Für Schweizer Verhältnisse ist das ein relativ kleiner Betrag für ein Schulhaus. Für eine junge Tschetschenin aber ist er astronomisch hoch. «Ich hoffe sehr, dass ich hier in der Schweiz finanzielle Unterstützung finde», sagt Selita. «Bitte helft mir, dieses Schulprojekt zu realisieren.» Auf ihrer Suche nach Geld klopft Selita bei Privatpersonen, Vereinen und Institutionen an. Erste Erfolge stellen sich bereits ein. Josef Bürge etwa, alt Stadtammann von Baden und ehemaliger CVP-Grossrat, hat einen «grossen Förderungsbeitrag» versprochen.

Selita hat schwierige Jahre hinter sich. Sie war 10 Jahre alt, als der erste Tschetschenien-Krieg 1994 ausbrach. «Das war das Ende der Schulzeit und der Kindheit.» Jahrelang war Selitas Familie auf der Flucht, ihr Vater wurde 1999 in einem Fluchtkorridor von russischen Soldaten getötet.

Im Nachbarland Inguschetien, wo Selitas Familie Zuflucht gesucht hatte, lernte Selita den Aarauer Kantonsschullehrer Andreas Petersen und dessen Frau Elisabeth Gusdek Petersen kennen. Die beiden holten im Rahmen eines humanitären Projekts ihres Vereins Forum für Zeitzeugen fünf junge, kriegs-
traumatisierte Tschetscheninnen und Tschetschenen in die Schweiz. Sie waren schwer gezeichnet von den Vertreibungen, Morden und Säuberungen, von Terror und Zerstörungen. Elisabeth und Andreas Petersen sorgten dafür, dass sich die drei Frauen und zwei Männer in der Schweiz erholen und eine Ausbildung absolvieren konnten.

19 Jahre alt war Selita, als sie 2002 in die Schweiz kam. «Es war für mich ein grosses Privileg und ein grosses Glück; es war aber auch ein fast unvorstellbarer Kulturschock», blickt Selita zurück und wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. «Die fremde Sprache, die anderen Sitten, die unbekannten Menschen, eine Gesellschaft, die ganz anders funktionierte - es war alles einfach sehr viel für mich. Aber ich erhielt so viel Hilfe von Elisabeth und Andreas Petersen sowie von vielen anderen Menschen hier.» Freiwillige unterrichteten Selita in Deutsch, danach kamen Fächer hinzu wie Mathematik, Geografie oder Geschichte. «Ich hatte in Tschetschenien nie etwas von solchen Fächern gehört.» Selita durfte als Austauschschülerin die Alte Kantonsschule Aarau besuchen. Doch sie litt unter Heimweh und Anpassungsschwierigkeiten. «Ich merkte, dass für Schweizer Schülerinnen und Schüler so vieles selbstverständlich war. Sie wussten und konnten alles, während ich die einfachsten Dinge hart erarbeiten musste. Ich hatte das Gefühl, keine Chance zu haben, jemals auf ein ähnliches Niveau zu kommen.»

Grosny–Zürich und zurück

Elisabeth Gusdek Petersen, die mit ihrem Mann Andreas Selita und vier weitere junge Menschen aus Tschetschenien in die Schweiz geholt und hier tatkräftig unterstützt hatte, hat in ihrem neu erschienenen Buch «Grosny-Zürich und zurück» (Orell Füssli) auf einfühlsame Art die fünf Lebensgeschichten aufgezeichnet.

Die Überforderung war zu gross: Selita reiste nach eineinhalb Jahren wieder zurück zu ihrer Familie in Tschetschenien. Doch auch dort fand sie sich nicht mehr gut zurecht. «Ich hatte in der Schweiz verlernt, in ständiger Angst zu leben. Ich realisierte, wie gut ich es gehabt und wie viel ich gelernt hatte.» 2005 kam Selita zurück nach Aarau, fest entschlossen, diese letzte Chance zu nutzen. Hier lernte sie Tag und Nacht, erkämpfte sich durch harte Arbeit den Weg an die Pädagogische Fachhochschule. 2006 begann sie mit ihrer Ausbildung zur Sekundarlehrerin. Die Hälfte der Ausbildung ist geschafft und gegenwärtig ist Selita aus gesundheitlichen Gründen für ein halbes Jahr von der Schule beurlaubt. «Diese Zeit will ich nutzen, um in Grosny mein Schulprojekt zu verwirklichen», erklärt die junge, tapfere Frau. Und hofft so sehr auf Unterstützung.

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