«Heitere Fahne, das sind ja viele Tiere!»

Live-Übertragung aus dem Veltheimer Kirchturm in das Kirchenschiff von der Fledermaus-Kolonie

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Mausohr_dsc.jpg

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Aargauer Zeitung

Für einmal kam in der Kirche ein ähnliches Gefühl auf wie im Kino: gefüllte Bänke, junge und ältere Menschen dicht an dicht. Alle warteten gespannt darauf, dass die Live-Übertragung beginnt. Als es dann so weit war, ging ein Raunen durch das Kirchenschiff. Noch dichter als die Menschen drängten sich die Grossen Mausohren, eine seltene Fledermausart, aneinander. Auf 11⁄2 m2 hängen im Dachstock der Kirche rund 1000 Muttertiere mit ihren Jungen. Mütter, Töchter und Enkelinnen versammeln sich hier. Mindestens jedes zweite Weibchen hat ein Junges. «Heitere Fahne, jööö, sind das viele Tiere!»

Das Grosse Mausohr im Kurzporträt

64 Brutkolonien existieren in der ganzen Schweiz. Veltheim ist die zweitgrösste. Ein Weibchen bringt pro Jahr meist nur ein Junges zur Welt. Es hält sich sofort an den Balken fest - sein Daumen und seine Krallen sind bereits sehr kräftig. Es ist noch nackt und blind. Ausgewachsen beträgt die Flügelspannweite 40 cm, das Körpergewicht 35 g. Sie gehören somit zu den grössten einheimischen Fledermausarten.

Fledermäuse sind Säugetiere. Während etwa sechs Wochen wird das Junge gesäugt. Es hat bereits bei der Geburt Milchzähnchen. Ab August sind die Jungen selbstständig. Sie ernähren sich nun ebenfalls von Insekten und müssen genug fressen, um den Winterschlaf (unterirdisch, in frostsicheren Verstecken) gut zu überstehen. Die Mutter paart sich nun wieder. Die Spermien werden in der Gebärmutter gespeichert, und erst im Frühling findet die Befruchtung statt. Mausohren können über 20 Jahre alt werden. Über Generationen ziehen die Weibchen ihre Jungen in denselben Dachstöcken auf. Mausohren jagen vor allem in Wäldern und Wiesen und immer in Bodennähe. Mit den grossen Ohren können sie das Krabbeln der Insekten wahrnehmen. Sie legen vom Schlafplatz bis zum Jagdgebiet oft grosse Strecken zurück (nachgewiesen über 20 km). (cab)

Flügel wurden gestreckt und emsig geputzt, die Notdurft verrichtet (dazu kämpften sich die Tiere an den Rand der Gruppe), gekrabbelt, geklettert und ausgeflogen. Für die Tiere in der Mitte der Kolonie war dies alles gar nicht so einfach.

Andres Beck (Fledermausschutz Kanton Aargau) und Marcel Fierz (Stiftung Fledermausschutz) kommentierten das Geschehen, zeigten immer wieder spannende Fotos, beispielsweise von einem sezierten Kot eines Mausohrs.

Leider flogen nicht allzu viele Fledermäuse aus, sodass der Blick auf die Jungtiere den Zuschauern verwehrt blieb. Da es draussen nieselte, konnten die ausgewachsenen Tiere ihren Schlafplatz nicht verlassen, wegen ihres Fells. Es würde den Regen aufsaugen und so würde das Tier zu schwer werden.

Wichtiger Forschungsstandort

1957 entstanden die ersten Aufzeichnungen zur Fledermauskolonie in Veltheim. Seither hat der Bestand stetig zugenommen. Auch bei Renovationsarbeiten wurde Rücksicht auf die Tiere genommen, die nur während des Sommerhalbjahres den Dachstock besiedeln.

Die Fachleute haben in der Kirche an verschiedenen Orten Kameras installiert, sodass das Publikum auch den Ausflug der Fledermäuse miterleben konnte. Im Turm flogen sie relativ langsam, aber sehr wendig um die Balken und Pfosten und verliessen ihn durch eine von zwei schmalen Luken. Beim Blick zurück in die Kolonie entdeckte man Tiere, die sich mit den Hinterbeinen kratzten. Gelichtet hatte sich die Menge nicht gross, die wenigen Tiere, die ausflogen, hinterliessen kaum Lücken.

Mausohren jagen in Bodennähe, sie ernähren sich von Laufkäfern und Schnaken. Wenn das Muttertier von der nächtlichen Futtersuche zurückkehrt, pfeifen im Dachstock die Jungtiere. Mutter und Kind erkennen sich am Geruch, reiben die Nase aneinander. Die Kleinen brauchen viel Nähe, Wärme und Zuneigung. Wie gerne hätte man auch einen Blick auf die Jungtiere geworfen! Doch im Gewusel war es selbst für die Spezialisten schwierig zu sagen, welche Tiere erwachsen waren.

Nach der Präsentation versammelten sich die Zuschauer noch vor der Kirche und konnten dort doch ein paar einzelne Tiere beobachten, die aus den schmalen Luken auf Beutezug ausflogen.

Der Abend war informativ und spannend - organisiert von der Kulturvereinigung Välte läbt, die vor zwei Jahren gegründet wurde. (cab)