Heilende Packungsbeilage

Die tägliche Portion Meiereien aus der Aargauer Zeitung.

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Medikamtente

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Keystone

Jörg Meier

ER FÜHLTE SICH nicht sonderlich gut. Die üblichen Grippesymptome. Über den Mittag postete er sich in der Apotheke ein Schmerzmittel mit fiebersenkender Wirkung. «Und lesen Sie die Packungsbeilage » - hundertmal hatte er diese Aufforderung schon gehört und gesehen; also las er folgsam. Er stellte fest, dass er genau das richtige Medikament gekauft hatte; es eignete sich ideal zur Behandlung seiner aktuellen Gebresten. Es war auch gut gegen allerlei weitere Krankheiten, unter denen er gar nicht litt. Aber so ein bisschen Prävention konnte ja auch nichts schaden.

«BEWAHREN SIE die Packungsbeilage auf, Sie wollen sie vielleicht später nochmals lesen», las er weiter und fand das eine gute Idee. Beinahe hätte er schon voller Vorfreude die erste Tablette geschluckt, als er den Text auf der Rückseite entdeckte: Die Tablette könne halt ausser den erwünschten auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, stand da, und es folgt eine lange Liste und der Tipp, lieber sofort zum Arzt zu gehen, falls eine dieser unerwünschten «Erscheinungen» auftreten sollte: Durchfall, Blähungen, Magenbeschwerden, Schmerzen im Oberbauch, Erbrechen, Übelkeit, Erbrechen von Blut, Schwarzfärbung des Stuhls, Schwindel, starke Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Ausschlag, Juckreiz, Schwellungen im Gesicht, an den Füssen oder den Beinen, keuchende Atmung und Kurzatmigkeit, Schmerzen in der Brust, Blut im Urin. Zudem müsse er damit rechnen, dass Reaktionsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt werden könnten.

PLÖTZLICH WAR ER sich nicht mehr sicher, ob er sich wirklich genug krank fühlte für dieses Medikament. Er verspürte auch keinerlei Lust, die Packungsbeilage nochmals zu lesen.

joerg.meier@azag.ch