Jürg Gohl

Gefühlt haben müssen sie sich wie Xiang Liu. Der chinesische Hürdenstar musste an den Olympischen Heimspielen verletzt auf den Start verzichten. Tränen flossen in Strömen. Auch beim Start in die laut angekündigte neue Radio-Ära dürften Christian Heeb und Mitstreiter gegen Tränen gekämpft haben. Denn als «Radio Basel» am Samstag punkt 12.00 - zeitgleich mit dem Martinsglöcklein, das die Herbstmesse einläutete - auf Sendung gehen wollte, fehlte ihm offensichtlich die Routine des Martinsglöckchens von 538 vorangegangenen Premieren. Obwohl: Heeb dürfte nicht viel weniger Jahre an den Reglern der elektronischen Medien gesessen haben.

Beim Start gerieten die O-Töne durcheinander; Heeb himself überbrückte eloquent; das Martinsglöcklein, das neben der Messe zugleich die neue Radio-Ära hätte einläuten sollen, bimmelte halt länger über den Äther; und mit vier Minuten Rückstand begann sie doch, die neue Basler Lokalradio-Ära. Wohl gab es in den darauf folgenden 24 Stunden noch den einen oder anderen kleinen Rumpler. Doch wer meinte, den inzwischen 26 Jahre zurückliegenden Start von Vor-Vor-Vorgänger «Radio Raurach» nochmals durchleben zu müssen, durfte sich schnell belehren lassen: «Radio Basel» legte trotz Fehlstart in zwei der drei zentralen Bereichen einen überzeugenden Start hin.

Das Positivste: Die von weiblichen Stimmen dominierte Moderation war ausgezeichnet. Man gewöhnt sich gerne (wieder) an sie, diese Radio-Routiniers. Sie verlesen, interessantes Detail, die Nachrichten in Standardsprache und wechseln für den bis jetzt stiefmütterlich behandelten Sport und für das Wetter in die Mundart. Abends dann gabs Nachrichten nur noch in der Schriftsprache.

Auch beim zweiten M, das neben der Moderation für Radiosender matchentscheidend ist, überzeugt «Radio Basel»: Wer Tina Turner, Bob Marley und mal einen Mundart-Hit auflegt, ist musikalisch mehrheitsfähig und liegt damit richtig. Erste positive Hörer-Reaktionen strichen denn auch prompt vor allem die eingängige Musik mit ihrer Patina hervor. Da wippen und schunkeln Enkel und Onkel. Bestnoten an die Neuen und ein Tritt ans Schienbein an die etablierten Lokalradio-Macher und ihrem Kokettieren mit den Jungen. Das Mainstream-ABC mit Abba, Beatles und Chicago war wohl an den beiden Starttagen auch vertreten. Sie hatten ihren Auftritt halt ausgerechnet dann, wenn der Zuhörer die Eishockey-Zwischenstände wissen wollte. Denn die liefert ihm der gute, alte Teletext zuverlässig im Gegensatz zum neuen Radio.

In diesem Bereich hat das neue Radio sein vollmundig verkündetes Versprechen nicht eingelöst. Obwohl Vaterfigur Christian Heeb zwei Mal zum Sendestart interviewt wurde (einmal per Du, einmal per Sie) und er seine Sätze in bedächtigem Diktus vortrug, blieb das Programm um Welten unter den versprochenen 50 Prozent Wortanteil. Mainstream statt Newsflow, ja nicht zu viele redaktionelle Störmanöver im fein gewobenen Musikteppich. Wie beim Namen ist auch beim redaktionellen Inhalt der Unterschied zu Vorgänger «Basel 1» minim. Das versprochene «andere» Radio, auf das sich die aussterbende Spezies der News-Süchtigen gefreut hat, ist am Samstag nicht erfunden worden. Daran ändern auch gelungene Rubriken wie «60 Sekunden», die knappe Nachrichten-Zusammenfassung zur halben Stunde, oder eingestreute klassische Kurzgedichte nichts. Pech war zudem, dass der feine Polizei-Primeur zum Sendestart, der jedem nationalen Medium gut anstehen würde, im Aargau spielt und auf dem Sender schon bald kein Thema mehr war.

Dass sich das Radio am Starttag selber thematisierte, liegt auf der Hand, auch wenn Heeb beteuert: «Y ha aigentlig gar nit welle in Erschyynig trätte.» Aber er war am Starttag die meistgehörte Stimme, auch weil er die diversen Jingles selber besprach. Gleichwohl hätte man sich gewünscht, über das Heimspiel des EHC Basel informiert zu werden. Dito die RTV-Handballer und Volleyball-Leader Sm'aesch Pfeffingen. Alle, die die ersten beiden Sendestunden verpasst haben, erfuhren auch vom schrecklichen Mordfall im Breitequartier bis Sonntag morgen nichts mehr: Und dann musste erst noch der «Sonntagsblick» zitiert werden. Das hätte manchen «Erwachsenen» mehr interessiert als die zur Nacht stündlich wiederholten Nonvaleurs wie die Parolen der Grünliberalen. Der Kanton Baselland kam als Minderheitenaktionär in seinem einstigen Radio am Starttag nur dank einer Polizeimeldung überhaupt vor.Hoffentlich wurde in diesem Bereich Heebs angesagte Radio-Revolution nur vertagt, nicht gleich abgesagt.