Ein Zentrum der linksextremen Szene der Schweiz sind die Häuser an der Wasserstrasse in Basel. Was mit einer Besetzung begann, gilt heute als Zwischennutzung. Friede ist damit allerdings nicht eingekehrt. Die Basler Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen zehn Bewohner erhoben. Sie sind zwischen 28 und 61 Jahre alt. Einer 30-Jährigen wird vorgeworfen, sich an Ausschreitungen in Basel und Zürich beteiligt zu haben. Wie zwei Mitbewohnerinnen und ein Mitbewohner ist sie vorbestraft.

Der Hauptvorwurf der Staatsanwaltschaft: Die zehn Angeklagten sollen gemeinsam eine Entführung begangen haben. Die Anklageschrift, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegt, zeigt, dass die Anarchie die Bewohner überforderte und in Gewalt ausartete.

Zur Eskalation kam es, weil die Bewohner der Wasserstrasse eine russische Flüchtlingsfamilie aufgenommen hatten. Es war nicht irgendeine Familie. Die Eltern haben sich in Russland zu Staatsfeinden gemacht: Natalya Sokol (37) und Oleg Vorotnikov (38). Sie gehörten zu einer Künstlerbewegung, die sich nach einem Streit in zwei Gruppen aufteilte. Aus dem einen Teil wurde die Punkband Pussy Riots. Das Ehepaar, das später mit seinen Kindern in Basel strandete, wurde mit seinen Kunstaktionen nicht ganz so berühmt, schaffte es aber auf die Interpol-Fahndungsliste. Der Künstlername war Programm: «Voina», Krieg.

Penis für den Geheimdienst

Die Truppe inszenierte in Moskau eine Sex-Performance als Protest gegen den russischen Präsidenten. Vor dem Gebäude des Geheimdienstes malte sie einen Penis auf eine Brücke, 65 mal 27 Meter gross. Bevor sie untertauchte, zündete sie ein Polizeiauto an. Über Italien flüchtete die Familie in die Schweiz. Mit einem Auftritt im Zürcher Cabaret Voltaire bat sie die Schweiz um Unterstützung. Der Ruf der russischen Anarchisten wurde von den Basler Autonomen gehört. Sie gewährten der Familie Unterschlupf im Glauben, dass diese nach ein paar Tagen ins Asylzentrum wechseln würde. Doch diese zeigte kein Interesse an einem Asylverfahren und blieb in der Wohnung an der Wasserstrasse.

Zum Streit kam es, weil das Künstlerpaar eine Form der Anarchie lebte, die den Baslern zu weit ging. Aus Sicht der Russen wiederum waren die Basler Spiesser. Eine Mailnachricht einer Leiterin des Vereins Wasserstrasse an die Familie illustriert den Konflikt: «Ihr zerstört unsere Gemeinschaft im Haus. Ich brachte euch hierher in der Erwartung, intelligente Leute zu beherbergen, die minimalste Anstandsregeln befolgen. Aber offensichtlich wisst ihr nicht einmal, dass man nicht dort scheisst, wo man isst.»

Das Paar aus Russland trieb das Wohnsystem an der Wasserstrasse ad absurdum, indem es die Wohnung einfach besetzte. Eine Besetzung innerhalb der Besetzung. Die Bewohner, die sich einst selber gegen eine polizeiliche Räumung wehrten, drohten der Familie mehrmals eine Räumung der Wohnung an. Da es dem Prinzip der Autonomen widersprechen würde, die Polizei für ihren internen Streit zu holen, schritten sie nach einem Jahr selber zur Tat. Die Staatsanwaltschaft hat dafür einen Beweis: Videoaufnahmen einer versteckten Kamera, die das Paar installiert hatte.

Es hätte Tote geben können

Auf den Bildern ist gemäss der Staatsanwaltschaft Folgendes zu sehen: Die Leute der Wasserstrasse stürmten die Wohnung in einer koordinierten Aktion. Ausgerüstet waren sie mit Pfefferspray und Holzlatten, Schutzschildern, Motorradhelmen und Klebeband. Sie sprühten die Wohnung mit Pfefferspray ein und schlugen den Vater zusammen. Ein dicker Bewohner setzte sich auf ihn und fesselte ihn. Dabei hätte dieser ersticken können, schreibt der Staatsanwalt. Die Mutter wurde an den Haaren aus der Wohnung gezogen. Ihre Verletzungen dokumentierte sie auf ihrem Blog (Foto). Die drei Kinder im Alter von zehn Monaten, vier sowie sechs Jahren schrien in Panik. Sie waren nackt, weil sie beim Überfall in der Badewanne sassen. Auch sie wurden einzeln aus der Wohnung geschleppt. Der Notfallarzt diagnostizierte mehrere Schürfungen. Gemäss der Staatsanwaltschaft war es Glück, dass nicht Schlimmeres passiert war. Die Lungen von Kleinkindern reagieren auf Pfefferspray besonders empfindlich. Nachdem die Familie aus der Basler Anarcho-Zone vertrieben worden war, flüchtete sie nach Deutschland. Wo sie sich nun aufhält, ist nicht bekannt.