Hauch von Abenteuer und Nostalgie

Christine Böhlen: «Nur wenn wir zusammenspannen, kommen wir weiter.» (ass)

Böhler_dsc.jpg

Christine Böhlen: «Nur wenn wir zusammenspannen, kommen wir weiter.» (ass)

Als eine der ersten Bauernfamilien in der Schweiz boten die Böhlens auf ihrem Hof Schlafen im Stroh an. Seither betreibt Christine Böhlen beherzt Standortmarketing für die Besonderheiten der Region.

Anne-Sophie Scholl

Dunkelrote Malven, Rosen in hellem Pastell, sonnengoldene Margeriten und Ringelblumen in kräftigem Orange, dazwischen blau leuchtende Kornblumen und Boretsch, und winzig klein die intensiv duftenden Holunderblüten - Christine Böhlen geht durch ihren üppig wachsenden Bauerngarten und streut die frisch gepflückten Blüten in das Wasser im Wäschezuber. Daneben steht die selbst gemachte Ringelblumensalbe bereit: Wer über ihren Barfussweg geht, darf zum Abschluss Füsse und Seele in dem farbenfrohen Blütenbad baumeln lassen.

Den Barfussweg hat Christine Böhlen gemeinsam mit ihrem Mann vor zehn Jahren eingerichtet: Ein spiralförmig mit Holzplanken im Boden ausgelegter Weg, der wechselweise mit Baumrinde, groben Kieselsteinen, Sand, Gras oder feinen Holzspänen aufgefüllt ist. Eine einzigartige Fussreflexzonenmassage natürlicher Art für die verschwitzten Pilgerfüsse, die auf dem Jakobsweg von Thun her zu ihrem Hof wandern.

1999 lancierte die Berner Wirtschaftskammer eine Kampagne, um die heimischen Strecken des europaweiten Pilgerwegs bekannt zu machen. Damals mischte Böhlen auch den Teig der Kekse auf, die sie ihren Gästen auf den Weg gibt. Den neuen «Jakobsgüezi» fügte sie Nelkenpulver und Muskatnuss bei, wie sie schon Hildegard von Bingen zur Stärkung von Herz und Gemüt empfohlen haben soll. «Man muss die Gäste bei ihren Bedürfnissen abholen», sagt die engagierte Bäuerin.

Ein Hauch von Abenteuer Ursprünglich hatte die in Aarwangen aufgewachsene Christine Böhlen eine Ausbildung zur Kindergärtnerin gemacht. Über ihren ersten Beruf kam sie in die Gantrisch-Region. Nach der Heirat bildete sie sich zur Bäuerin aus. Heute arbeitet sie in Riggisberg in Teilzeit als Kindergärtnerin, unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und sorgt auf dem Hof für die Gäste, die dem Landwirtschaftsbetrieb ein zusätzliches Einkommen verschaffen. 1994 hatten die landwirtschaftlichen Schulen mit einem Aufruf agrotouristische Angebote angeregt.

Es war die Zeit, als der Milchpreis erstmals fiel. «Finanziell wurde es enger, und wir hielten nach neuen Einkommenszweigen Ausschau», sagt Böhlen. Sie und ihr Mann wagten den Versuch und boten Übernachtungen im Stroh an. In den ersten drei Jahren verzeichneten sie durchschnittlich je 26 Übernachtungen. Besser wurde es, als ein Verein gegründet und schweizweit die Werbung für das Angebot verstärkt wurde.

«Heute verzeichnen wir zwischen 400 und 600 Übernachtungen pro Jahr - Schulkinder, Familien und Alleinerziehende, Jugendgruppen, Künstler und Wanderer, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind», so Böhlen. Manchmal blieben die Gäste auch mehrere Nächte. So habe ein Student aus Zürich einmal drei Wochen bei ihnen auf dem riesigen Strohlager auf der Bühne geschlafen. Ferien auf dem Bauernhof würden immer beliebter: ein preiswertes Angebot, bei dem ein Hauch Abenteuer und eine Spur Nostalgie mitschwingen.

Gerüche und Geschmäcke

Besonders für Kinder sei Schlaf im Stroh mit den Eindrücken auf dem Hof ein unvergessliches Erlebnis: Auf dem Söller duftet es kräftig nach Heu und Stroh, im Stall stinkt die Gülle; Zwerggeissen und Kaninchen leben auf dem Hof, die man streicheln darf, und manches Kind erschrickt womöglich, wenn der Esel ein erstes Mal schreit. Zum Frühstück tischt Christine Böhlen Konfi aus den Beeren im Garten auf, und der Käse stammt aus der Käserei Riggisberg; auch Erwachsene schätzen es, den Geschmäcken der Region nachzuspüren.

Will jemand mehr über den Betrieb wissen, erzählt die Bäuerin zum Beispiel auf einem Erlebnisrundgang im Obstgarten von den hochstämmigen Apfelbäumen und lässt die Unterschiede zwischen alten Sorten wie Berner Rose, Gravensteiner oder Jakob Lebel und Boskop kosten. Einblick in den Betrieb bietet sie auch für Schulen: Der Hof produziert gemäss den Richtlinien für Integrierte Produktion und ist Partner im Programm Schule auf dem Bauernhof.

Ein Mosaik aus kleinen Steinen

Die Erfahrung hat Christine Böhlen gezeigt: «Miteinander geht es besser». So wie beispielsweise der Jakobsweg die Gäste zu ihrem Hof führt, kauft vielleicht mancher Gast, der bei ihr einen Käse vom Nachbarsdorf kostet, diesen später in der Käserei Riggisberg ein. Auf diese Weise profitieren gleich drei Betriebe. Es sind kleine Mosaiksteinchen, die zusammengesetzt die Wertschöpfung in der Region steigern und einen nachhaltigen Tourismus ankurbeln. Für ihre Ideen macht sich Christine Böhlen auch als Vorstandsmitglied im Verkehrsverband Gürbetal stark.

Beispielsweise wirkte sie bei der Einrichtung des Gürbetaler Höhenweges mit, der über bestehende Wanderwege führt und mit Ausblicken auf die Alpen, Grillplätzen, Gaststätten, sagenumwobenen Höhlen oder Zeugnissen aus der Lokalgeschichte Sehenswertes im Gürbetal auf dem Silbertablett präsentiert. «Es geht um die Vernetzung und um den gemeinsamen Auftritt», sagt Böhlen. Diese Anliegen stehen auch bei dem Projekt, das die Region derzeit am stärksten beschäftigt im Vordergrund: die Einrichtung des Regionalen Naturparks Gantrisch.

Im vergangenen Herbst hat der Bund die Kandidatur gutgeheissen und einen Kredit für die Errichtungsphase gesprochen, diesen Herbst stimmen die 29 Gemeinden in der Region über ihre Unterstützung des Parkes ab. «Wir haben eine kleinräumige Landwirtschaft», so Böhlen, die wie viele neben der Arbeit auf dem Hof weitere Standbeine braucht. «Nur wenn wir zusammenspannen, kommen wir in der Region weiter.»

www.gantrisch.ch

Meistgesehen

Artboard 1