Strafverfahren Geothermie-Projekt
«Halte das Strafverfahren für äusserst fragwürdig»

Für den emeritierten ETH-Geologieprofessor Daniel Bernoulli ist es stossend, dass mit dem Leiter das Basler Geothermie-Projekts ein Einzelner vor Gericht muss. Dies sei ein Schlag gegen Forschung und Innovation.

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Daniel Bernoulli

Daniel Bernoulli

Schweiz am Sonntag

Daniel Ballmer

8. Dezember 2006, 17.48 Uhr. In Basel bebt die Erde. Auslöser: Das Geothermie-Projekt in Kleinhüningen, bei dem der Untergrund in fünf Kilometern Tiefe unter Druck zerklüftet wurde. Verschiedene Experten hatten vor Beben gewarnt. Drei Jahre sind seither vergangen. Nun kommt es zum juristischen Nachbeben. Ab dem 15. Dezember steht der Projektleiter der Geopower, Markus Häring, vor dem Basler Strafgericht. Vorwurf: vorsätzliche Sachbeschädigung und das Verursachen einer unterirdischen Überschwemmung oder eines Einsturzes. Kulant zahlte die Versicherung bisher rund neun Millionen Franken für Schäden, was sie explizit nicht als Schuldanerkennung verstanden wissen wollte. Doch genau darauf baut der Staatsanwalt seine Anklage auf.

Herr Bernoulli, am 8. Dezember 2006 bebte in Basel die Erde. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Daniel Bernoulli: Eigentlich ganz normal. Das Erdbeben in der Nacht habe ich verschlafen; das am Tag hat mich weiter nicht beunruhigt. Ich wohne in der Basler Altstadt. Dort war es nicht stärker spürbar als natürliche Erdbeben, wie sie in unserer Gegend vorkommen.

Waren Sie von den Beben in dieser Stärke überrascht?

Ich war überrascht, dass das Beben von der Geothermie-Bohrung ausgelöst wurde.

Aber warum? Im Vorfeld hatten durchaus Stimmen vor möglichen Beben gewarnt?

Das stimmt. Dennoch hat man nicht damit gerechnet, dass es so stark bebt.

Hatten die Verantwortlichen das Erdbebenrisiko nicht unter Kontrolle?

Die Frage ist falsch gestellt. Risiken sind Risiken und als solche nicht unter «Kontrolle». Standartisierte Verfahren zur Quantifizierung des Erdbebenrisikos durch induzierte Erdbeben existieren meines Wissens bisher nicht. Im übrigen unterscheidet sich meine Risikowahrnehmung vielleicht von der vieler meiner Mitbürger: Zum Beispiel halte ich den Zustand des Elsässer Kernkraftwerks Fessenheim für ein ungleich grösseres Risiko für Basel als das eines induzierten Bebens - und die drohenden Gefahren des Klimawandels als bedeutender als jene der Finanzkrise. Diese genannten Risiken unterscheiden sich durch den Zeithorizont und werden deshalb viel weniger wahrgenommen. Die Wirkung auf die Öffentlichkeit war, mangels einer adäquaten Öffentlichkeitsarbeit durch die Bauherrschaft im Vorfeld, ungleich grösser als die physische Wirkung des Erdbebens.

Dennoch, aus heutiger Sicht: Wären die Beben zu verhindern gewesen?

Dass bei solchen Projekten ein Erdbeben-Risiko besteht war von Anfang an klar. Die Magnitude übertraf allerdings die Erwartungen: Das Beben mit der Stärke 3,4 war doch etwas stärker als dasjenige von Soultz-sous-Forêts im Unterelsass (Magnitude 2,9). Die Projektleitung hat aber die Warnungen des Schweizerischen Erdbebendienstes und des ehemaligen Kantonsgeologen aufgenommen. Sie ist den entsprechenden Vorgaben genau gefolgt und ist schrittweise vorgegangen. Ich denke nicht, dass sie ihre Sorgfaltspflichten vernachlässigt hat.

Gab es in den vergangenen Jahren vergleichbare Beben in der Schweiz?

Beben der Grössenordnung von 3,4 und auch darüber sind in der Schweiz «courant normal» und in der Region Basel etwa einmal innerhalb von zwei bis drei Jahren zu erwarten. Das Beben vom 8. Dezember 2006 unterscheidet sich eigentlich nur insofern, als es durch menschliche Aktivität ausgelöst wurde.

Viele Experten sehen es als Schlag gegen die Wissenschaft, dass nun mit dem Projektleiter ein einziger Beteiligter angeklagt ist, obwohl das Projekt von verschiedenen Fachstellen wie auch den politischen Instanzen abgesegnet worden ist.

Ich habe meine Meinung bereits verschiedentlich auch öffentlich geäussert. Es ist extrem stossend, dass der Projektleider als Einzelner und Einziger für die Auswirkungen eines Projektes haftbar gemacht werden soll, eines Projektes, dessen Bauherrschaft letzten Endes die öffentliche Hand ist. Während das Ausland gespannt und ohne Vorwürfe auf dieses Pionierprojekt blickt und auf die Schlussfolgerungen wartet, die aus ihm gezogen werden können, wird in Basel ein Einzelner als Sündenbock verfolgt.

Mit welchen Konsequenzen?

Es besteht die Gefahr, dass die Pionierarbeit, die Basel geleistet hat, nicht bei uns zum Tragen kommen wird; sicher wird sie es anderswo. Die Anklageerhebung ist in der Tat ein Schlag gegen Forschung und Innovation.

Es gibt Stimmen, die besagen, ein Erdbeben von Stärke 3,4 habe die gemeldeten Schäden von rund neun Millionen Franken gar nicht verursachen können.

Beben einer Stärke von 3,4 haben normalerweise keine derartigen Schäden zur Folge. Wie mein Kollege Nicolas Deichmann von der ETH vermute ich, dass das Beben und die Kulanz der Versicherung, die lange Rechtshändel vermeiden wollte, eine «opportunity» war. Geothermal Explorers und Projektleiter Markus Häring für diese - mindestens zu einem Teil - unbewiesenen Schäden in einem strafrechtlichen Sinn verantwortlich zu erklären, halte für äusserst fragwürdig.

Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass es bei Fortführung des Geothermie-Projekts erneut zu solchen Beben kommen wird?

Kleinere Beben - die meisten würde niemand spüren - wird es bei der angewandten Technik natürlich geben. Dass spürbare Beben auftreten können, war auch ALLEN Beteiligten bewusst - der Bauherrschaft und den politischen Instanzen. Es ist Aufgabe der demnächst vorliegenden Risiko-Analyse, das Risiko eines Bebens zu evaluieren und an der Gesellschaft Risiken und Chancen zu gewichten und zu entscheiden, welche Risiken sie eingehen will.