«Haiti könnte ein wahres Paradies sein»

«Haiti könnte ein wahres Paradies sein»

«Haiti könnte ein wahres Paradies sein»

Rosa-Maria Häfeli lebte über 30 Jahre im Karibikstaat – als Heilsarmeeoffizierin baute sie viele Schulen auf Aarau. Sie berichtet, wie es sich in Haiti lebt, und wie sie den Erdbebenopfern hilft.

barbara vogt

«Käfergrund» heisst die Aarauer Quartierstrasse, in der Rosa-Maria Häfeli lebt. Möbel, Vorhänge, Teppiche sind geschmackvoll in Blau gehalten – die Farbe der Ruhe. Doch im Leben der 74-jährigen Dame gehts alles andere als ruhig zu und her. Alle paar Minuten läutet das Telefon, sie antwortet in Französisch, Englisch, Deutsch.

Als ehemalige Heilsarmeeoffizierin in Haiti ist auch sie von den schweren Erdbeben betroffen. 31 Jahre lang hat sie eine Schule nach der anderen aufgebaut, unter Einheimischen gelebt, Naturkatastrophen miterlebt. Hier erzählt sie von ihrem bewegten Leben in Haiti und wie sie nach dem Erdbeben persönlich Hilfe leistet.

Wie ging es Ihnen, als Sie im CNN die ersten Bilder aus dem Erdbebengebiet sahen?
Rosa-Maria Häfeli:
Es ging mir unheimlich nahe. Ich habe nur noch geweint. Ein Freund aus Amerika rief mich morgens um 1.20 Uhr an und erzählte es mir. Ich schaltete sofort den Fernseher an und schaute tagelang den englischen Sender. Ich weiss auch noch nicht, wie viele Menschen, die ich kenne, umgekommen sind. Ursprünglich wollte ich in diesen Tagen Diavorträge über Haiti halten. Aber die sagte ich ab. Was nützen die schönen Dias nach einer solch grossen Katastrophe?

Wurden alle Schulen der Heilsarmee im Land zerstört?
Häfeli:
Nein, glücklicherweise nicht. Zwar sind alle beschädigt, aber keine ist total verwüstet. Auch steht unser Kinderheim noch. Ich habe bereits Bilder von den kaputten Häusern bekommen (schaut sich diese lange an). Das alles macht mich traurig. Die Heilsarmee leistete vom ersten Tag an Hilfe, sie lässt die Betroffenen in den Schulen schlafen und gibt täglich 5000 Essen heraus.

Trotz dem Leid lachen die Menschen auf den Fotos.
Häfeli:
Die Haitianer ergeben sich in ihr Schicksal, immer wieder fangen sie von unten an. Die Bevölkerung ist zäh und sich Naturkatastrophen gewohnt. Tropenstürme gibt es «en masse». Die Menschen waren schon immer arm gewesen. Sie leiden Hunger, und wenn sie Durst haben, trinken sie Wasser aus schmutzigen Flüssen. Kein Land auf der Welt ist so arm wie Haiti. Nur wissen das die wenigsten Leute. Es ist immer nur von den armen Ländern in Afrika die Rede. Drei Mahlzeiten am Tag ist für sie ein Fremdwort. Ich bin überzeugt, dass man in den nächsten Tagen noch Überlebende bergen wird.

Dringen die vielen Hilfsorganisationen überhaupt zu den schwächsten Menschen durch?
Häfeli:
Das ist ja gerade das Problem, das völlige Chaos ist ausgebrochen. Wer kann, reisst Kartonboxen mit Lebensmitteln an sich. Verbrecher laufen frei herum, weil die Gefängnisse zerstört sind. Diese drohen mit Macheten. Die Mitarbeiter der Hilfswerke haben gar keine Möglichkeit, die Ärmsten zu unterstützen. Dasselbe passierte vor Jahren, als das Land überschwemmt wurde. Einheimische überfielen Camions von Hilfswerken und machten den Mitarbeitern Angst. Die Strassen sind heute noch nicht aufgeräumt von dieser Überschwemmung.

Während 31 Jahren lebten Sie als Heilsarmeeoffizierin in Haiti. Was führte Sie dorthin?
Häfeli:
Meine Berufung. Als 14-jähriges Mädchen hörte ich einen Vortrag von einem Arzt über die Armenviertel in Haiti. Da wusste ich, dass ich einmal dort arbeiten würde. Wenig später trat ich der Heilsarmee bei, obwohl meine Eltern es als Schande empfanden. Doch die Heilsarmee gab mir Selbstvertrauen, bei ihr fühlte ich mich zu Hause. Ich wurde so angenommen, wie ich bin. Zu Hause war das nicht so. Ich hatte eine schwierige Kindheit, meine Stiefmutter machte mir das Leben schwer. So machte ich mich bei Nacht und Nebel davon, später wurde ich Krankenschwester und besuchte die Bibelschule der Heilsarmee. Ich war 33 Jahre als, als ich nach Haiti ging. Als ich aus dem Flugzeug stieg, stellte es mir schier die Luft ab, so heiss war es. Doch ich gewöhnte mich rasch an das Klima.

Ursprünglich wollten Sie in Haiti als Krankenschwester arbeiten, doch dann bauten Sie eine Schule nach der anderen auf.
Häfeli:
In der Klinik war kein Platz für mich, so biss ich halt in den sauren Apfel und baute Schulen. Nie im Leben wäre ich heimgegangen, dort hätte es nur geheissen: «Siehst Du, wir haben es Dir Ja gesagt, dass Du das nicht kannst.» Ich habe Land gekauft und Gebäude errichtet. Ich habe mich um alles gekümmert, auch um die Finanzen. Es waren schöne Jahre, ich würde es sofort wieder machen. Natürlich gab es Momente, in denen ich den ganzen Bettel hinwerfen wollte. Aber dann brauchte ich bloss in die süssen Kulleraugen der Kinder zu sehen und ich wurde für alles entschädigt. Wir Frauen aus Europa unterstützten einander auch. Wir trafen uns jeden Abend, da konnten wir uns so richtig auskotzen. Danach war alles wieder gut.

Sie sind ledig und haben keine Kinder. Wollten Sie nie eine Familie gründen?
Häfeli:
Das war nie ein Thema für mich, ich hatte meine Berufung, daneben hatte nichts Platz. Ich wollte auch nie eigene Kinder, sondern stets anderen Menschen helfen. Während all der Jahre hatte ich ja Tausende von Kindern!

Haitianer sind fröhliche Menschen. Gleichwohl hatten Sie nie Angst während ihrer Zeit in Haiti?
Häfeli:
Die Haitianer sind wunderbar. Ihre Fröhlichkeit und Wärme ist wohltuend. Die Menschen lachen überall: auf der Strasse, im Bus. Man stelle sich dies einmal bei uns vor! Aber sie können auch anders sein, frech gegenüber den Ausländern zum Beispiel oder unberechenbar. Haiti könnte ein wahres Paradies sein, aber die Leute sind chaotisch. Sie brauchen eine feste Regierung. Als Jean-Claude Duvalier am Ruder war, ging es der Bevölkerung am besten, er hatte das Land im Griff. Ich hatte nie Probleme, von Beginn an habe ich mich angepasst. Und ich habe die Situationen mit Humor gemeistert. Immer wenn etwas war, begann ich zu lachen. Das entschärfte die Situationen. Auch fürchtete ich mich nicht vor den Rebellen: Wenn sie vor den Schultoren standen, liess ich sie herein und gab ihnen etwas zu essen. Danach gingen sie wieder. Das Essen der Kinder haben wir während dieser Zeit immer unter die Betten geschoben.

Wie gerne gingen die Kinder überhaupt in die Schule?
Häfeli:
Die meisten kamen nur, weil es etwas zu essen gab. Aber es gab auch solche, die etwas lernen, etwas werden wollten. Viele meiner Schüler sind heute in der Regierung tätig. Sie sind mir unendlich dankbar, dass sie in die Schule durften. Ich hatte auch stets gute Kontakte zur Regierung. Sie erlaubte mir, Schulen zu bauen, ich hielt mich strikte an ihren Unterrichtsstoff. Ich bin überzeugt, dass unsere Schulen Sinn machen in Haiti. Lernen die Kinder nichts, bleiben sie dumm. 80 Prozent der Bewohner sind Analphabeten. Deshalb herrscht eine solche Unordnung im Land.

Nach dem Erdbeben liegt alles am Boden. Fühlen Sie sich nicht entmutigt?Häfeli: Es muss weitergehen, wohl haben die Kinder alles verloren: Uniformen, Schulbücher, Bänke. Aber ihr Wissen haben sie behalten.

Sie haben spontan ein Spendenkonto für den Aufbau der Schulen eingerichtet.Häfeli: Es ist schwierig, für mich, hier in der Schweiz zu sein, ohne etwas unternehmen zu können. Ein Spendenkonto zu eröffnen, ist das Einzige, was ich tun kann. Viele Menschen haben mich darum gebeten, denn sie wollen wissen, wohin die Gelder fliessen. Am liebsten würde ich sofort nach Haiti gehen, aber das ist im Moment zu gefährlich. Ich werde im Februar nach Jamaika fliegen, um mir von dort aus ein besseres Bild der Situation in Haiti machen zu können. Vor allem aber habe ich einen Wunsch: meine Schulen wieder aufzubauen.

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