«Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema mehr»

«Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema mehr»

«Häusliche Gewalt ist kein Tabuthema mehr»

Seit zehn Jahren wird im Baselbiet gezielt gegen häusliche Gewalt interveniert – mit Erfolg

Christine von Salis und Alexa
Ferel leiten die Baselbieter Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Sie ziehen Bilanz.

Andrea MaŠek

Zehn Jahre Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt, ist das ein Grund
zum Feiern?

Christine von Salis: Auf jeden Fall. In diesen zehn Jahren ist viel passiert, haben wir vieles in die Wege leiten und installieren können. Ich finde es allein feiernswert, dass ein Thema, das ein Tabu war, keines mehr ist. Es ist wichtig, dass offengelegt wurde, was es bedeutet und kostet.

Alexa Ferel: Es darf gefeiert werden, dass der Kanton das Thema so ernst nimmt. Dass aus einem Projekt eine fest installierte Fachstelle geworden ist.

Welche Entwicklung hat die Interventionsstelle durchgemacht?

von Salis: 1999 war es ein Projekt. Ein Jahr lang sammelten wir Informationen und stellten fest: Es gibt häusliche Gewalt und es muss etwas gemacht werden. Das Projekt entwickelte sich zu einer festen Stelle, die bei der Sicherheitsdirektion angesiedelt ist. Anfangs war es eine 50-Prozent-Stelle, seit 2006 sind es zwei 60-Prozent-Stellen.

Was waren Ihre wichtigsten Interventionen?

Ferel: Die Vernetzung der verschiedenen Berufsgruppen, die mit dem Thema zu tun haben, war sehr wichtig. Das waren Beratungsstellen, die Strafverfolgungsbehörden, der Gesundheitsbereich, der Migrationsbereich.

von Salis: Auch die Weiterbildung war sehr wichtig. Wir mussten die involvierten Berufsgruppen, von den Tagesmüttern bis zum Sozialdienst für das Thema sensibilisieren. Heute haben wir in vielen Schulen, etwa in der Fachschule für Gesundheit oder bei den Praxisassistentinnen, fixe Module. Das sind ganz wichtige Leute, meist junge Leute, die mit häuslicher Gewalt in ihrem Berufsalltag konfrontiert werden. Diese Weiterbildung ist nach wie vor ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

War man offen für das Thema?

von Salis: Man kam uns sehr offen entgegen. Es wurden aber auch Ängste laut. Die Menschen fragten sich, was passiert, wenn ich so etwas offenlege. Kann ich damit umgehen oder bin ich überfordert? Wer hilft mir dann?

Wie reagierte die Öffentlichkeit?

von Salis: Es gab grosse Kampagnen, auch gesamtschweizerisch im Rahmen der Verbrechensprävention. Wir haben Merkblätter in verschiedenen Sprachen entworfen. Wir informierten die Öffentlichkeit aber auch immer wieder mit unseren Notfallkarten, den orangen Karten im Kreditkartenformat, auf denen alle wichtigen Telefonnummern und Adressen stehen. Es gab immer wieder Aktionen, gerade am Tag der Gewalt gegen Frauen. Wir achteten auch auf Medienpräsenz.

Haben Sie so erreicht, was Sie wollten?

von Salis: Die Bevölkerung weiss heute viel besser Bescheid. Man weiss, da darf ich nicht wegschauen, sondern soll hinschauen und handeln – das war einer unserer Slogans. Man soll nicht einfach zuhören, wenn es in der Wohnung nebenan handgreiflich zu und her geht, sondern die Polizei rufen. Wir konnten vermitteln, dass die Polizei ausrückt. Die Bevölkerung ist auch darüber informiert, dass häusliche Gewalt eine Straftat ist und nicht einfach ein Kavaliersdelikt oder ein kleines familiäres Problemchen, das man unbeachtet lässt.

Ferel: Es gab ja in den letzten paar Jahren auch ganz wichtige Gesetzesänderungen. Das Opferhilfegesetz half genau wie die Offizialisierung 2004. Diese besagt, dass viele Gewaltanwendungen im sozialen Nahraum Offizialdelikte sind. 2006 wurde die polizeiliche Wegweisung eingeführt, die ein ganz besonderer Ausdruck davon ist, dass häusliche Gewalt zu einem gesellschaftlichen Thema geworden ist. Sie hat für den Opferschutz sehr viel gebracht.

von Salis: Häusliche Gewalt ist kein abgehobenes Thema. Den meisten Menschen ist wohl klar geworden, dass solche Gewalt überall passieren kann.

Auch im Migrationsbereich oder wieso gibt es da einen Schwerpunkt?

Ferel: Migrantinnen erleben die gleiche Gewalt, aber sie kennen sich weniger mit Gesetzen aus, müssen allenfalls mit Ausweisung und Ablehnung der Familie rechnen. Sie brauchen spezielle Hilfe.

Pioniergeschichte haben Sie mit den Lernprogrammen gegen häusliche Gewalt geschrieben. Wie kam es dazu?

von Salis: Das Programm, an dem Basel-Stadt ganz massgeblich beteiligt ist, war ein Meilenstein unserer Stelle. Grundidee war, man müsse sich nicht nur um die Opfer, sondern auch um die Täter kümmern, damit sich auch auf dieser Ebene etwas verändern kann. In den USA war man weiter als hier. So holten wir ein amerikanisches Projekt zu uns und passten es an unsere Verhältnisse an. Inzwischen ist das Programm so etabliert, dass auch der Kanton Aargau Täter zuweist.

Wie sieht solch ein Lernprogramm aus?

von Salis: Es ist ein Gruppenprogramm über 26 Wochen à jeweils zwei Stunden. Es findet in Liestal statt. Geleitet wird es von einem Kursleiterpaar, immer einem Mann und einer Frau. Momentan laufen drei Gruppen parallel. Man kann fortlaufend einsteigen. So müssen die Männer nicht warten.

Ist die Teilnahme freiwillig?

von Salis: Es gibt jene Männer, die freiwillig kommen. Sie suchten vielleicht Beratung im Männerbüro und wurden an uns weiter verwiesen. Dann gibt es solche, die in ein Strafverfahren eingebunden sind und denen empfohlen wird, das Lernprogramm zu absolvieren. Es kommen aber auch solche mit einer Verfügung. Diese waren vielleicht in Haft, wurden entlassen und bekamen eine Verfügung, das Programm zu machen. Eher selten werden Männer vom Gericht verurteilt und zu uns geschickt.

Wie stellen sich die Männer dazu?

von Salis: Am Anfang finden sie es gar nicht toll. Sie sind beunruhigt, scheuen sich davor, in einer Gruppe zu sprechen oder Rollenspiele mitzumachen. Sie sind nervös, auch weil eine Frau dabei ist. Mit der Zeit merken sie aber, dass wir sehr wohl die Gewalt, aber nicht sie als Person verurteilen, sondern ihnen etwas beibringen wollen. Sie sehen, sie bekommen die Chance, sich zu ändern. Das Ziel des Programms ist, dass die Teilnehmer die Verantwortung übernehmen für das, was passiert ist. Und sich hoffentlich verinnerlichen: Ich kann auch entscheiden, nicht zuzuschlagen.

Erreichen Sie Ihr Ziel?

von Salis: Sicher bei vielen, aber nicht bei allen. Bei den einen weiss ich, da kann wieder etwas geschehen. Bei anderen denke ich, da hat sich etwas geändert.

Es war bisher immer von Männern die Rede. Es gibt aber auch Täterinnen.

Ferel: Ja, unsere Zahlen sprechen von rund 15 Prozent tatverdächtigen Frauen. Schaut man aber genauer hin, handelt es sich oft um gegenseitige Gewalt. Im 2008 starteten wir das Pilot-Lernprogramm für gewalttätige Frauen. In diesem Programm hatten wir deutlich weniger Teilnahmen respektive Zuweisungen. Momentan sind wir daran, die gesammelten Daten auszuwerten. Wir planen, im Frühling nochmals einen Kurs durchzuführen. Es geht darin wie bei den Männern darum, dass Frauen Konflikte gewaltfrei lösen. Das Pilotprojekt ermöglicht uns vor allem auch, Erfahrungen zur Arbeit mit Täterinnen zu sammeln. Es gibt Studien, die besagen, Männer üben Gewalt aus, um Partnerinnen an sich zu binden, während Frauen damit eher aus einer Beziehung ausbrechen wollen. Insgesamt ist dieses Thema aber noch sehr wenig erforscht.

von Salis: Es ist ganz klar, männliche Opfer sollen den gleichen Schutz erhalten wie weibliche. Und weibliche Täterinnen sollen ebenso zur Verantwortung gezogen werden wie männliche. Darum ist es uns ein Anliegen, das Lernprogramm für Frauen weiterlaufen zu lassen. Auch das Thema der betroffenen Kinder wird hier speziell berücksichtigt.

Was wird für die Kinder getan?

Ferel: Kinder, die misshandelt werden, erhalten gute Hilfe von der Opferhilfe. Mehr allerdings muss für jene Kinder getan werden, die «nur» Zeugen der Gewalt sind. Sie werden ebenfalls traumatisiert. Gewalt in der Familie schadet Kindern massiv. Jedes von diesen Kindern braucht professionelle Ansprache. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, zu reden. Sie wollen vielleicht die Mutter schützen und den Vater nicht verraten und stehen deshalb oft sehr lange unter grossem Druck. Bei der Evaluierung der polizeilichen Wegweisung haben wir festgestellt, dass wir auf diese Kinder besser eingehen müssen.

Bestehen schon Ideen?

Ferel: Wir werden mit der Fachstelle für Kinder- und Jugendschutz zusammenarbeiten. Es braucht Weiterbildungen, Sensibilisierungen. Wir müssen Kontakt aufnehmen mit den betreffenden Stellen bei den Behörden und abklären, was brauchen sie an Wissen. Wir werden überlegen, welche Fachleute es braucht, die mit betroffenen Kindern reden, und ob Gruppen von Betroffenen das Richtige sind. Die Erfahrungen dort sind gut, Kinder schätzen solch einen Rahmen. Endlich können sie ohne Angst reden, und die Mutter ist nicht enttäuscht und der Vater liebt sie dennoch. Es tut ihnen gut zu merken, dass es anderen Kindern gleich geht. Das ist sehr entlastend.

Am besten wäre ja wohl, wenn präventiv mehr gemacht werden könnte.

von Salis: Ursprünglich brauchte es uns als Interventionsstelle. Heute würden wir gerne mehr im Bereich Prävention machen. Zum Beispiel in Schulen gehen. Ansetzen sollte man auch bei den Eltern. Auch bei der Früherkennung, also noch vor dem Kindergartenalter. Jetzt nach zehn Jahren gilt es, unsere Interventionen zu konsolidieren und das Niveau zu halten. Und andererseits wollen wir uns auch dem Thema Prävention öffnen.

Gibt es auch etwas, das Sie in den zehn Jahren nicht erreicht haben?

von Salis: Ich bedaure, dass man die Lernprogramme gegen häusliche Gewalt noch nicht im Strafrecht verankert hat. So hätte man mehr rechtliche Handhabe, Männer oder Frauen zeitnah zur Tat dazu zu verpflichten.

Ist es frustrierend für Sie, dass es nach wie vor eine hohe Dunkelziffer betreffend häuslicher Gewalt gibt?

Ferel: Beratungen werden aufgesucht, der Opferschutz funktioniert, es gibt Frauenhäuser. Das ist ganz wichtig. Und wir müssen dafür sorgen, dass die Beratungen, die Schutzbereiche bekannt sind.

von Salis: Man muss respektieren, dass das Opfer seine eigene Zeit braucht, bis es etwas unternimmt. Eine Dunkelziffer wird es leider immer geben. Entscheidend ist, wie wir als Gesellschaft den Opfern, Täterinnen und Tätern begegnen. Das bedeutet: Hinsehen statt wegsehen, Gewalt stoppen, Opfer schützen und Täter in die Verantwortung nehmen.

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