Tierisch
Haben Sie genug von Selfies? Versuchen Sie doch mal ein Petsie

Fotos von Tieren im Internet boomen – und sie sagen mehr über ihre Besitzer aus, als denen lieb ist. Wer seinem Liebling wirklich die Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen will, die es verdient, richtet ihm gleich ein Facebook-Profil ein.

Raffael Schuppisser
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Petsie – es entsteht, wenn Menschen von ihren Haustieren ein Foto schiessen
6 Bilder
Manny the Frenchie
Pudge the Cat
Boo the Dog
Meanswear Dog
Princess Monster Truck

Petsie – es entsteht, wenn Menschen von ihren Haustieren ein Foto schiessen

HO

Irgendwann begannen die Smartphone-Hersteller damit, eine zweite Kamera in die Geräte einzubauen. Und sie wussten nicht, was sie damit anrichteten würden! Die Frontkamera, die dem Smartphone-User immer in die Augen blickt, sollte ihren Vorteil bei Bildtelefonaten wie Skype zeigen. Stattdessen aber begannen die Menschen vor allem, sich selber zu fotografieren. Das Selfie war geboren.

Es ist Ausdruck unseres Narzissmus. Und es ist die Weiterführung der Pornografie im Alltag. Gail Dines erkennt in Selfies Posen, die wir uns bewusst oder unbewusst aus der Pornografie abgucken. Und für ihren Berufskollegen Ban Agger sind Selfies «die virale Form des männlichen Blicks».

Irgendwie haben Selfies aber auch etwas Animalisches. So formen Frauen bei Selbstporträt ihre Lippen gerne zu einem «Fischmund» oder setzen ein «Duckface» auf. Warum macht man da nicht gleich ein richtiges Petsie?

Petsies (vom Englischen «pet» für «Haustier») sind Fotos von Tieren mit oder ohne deren Besitzer. Petsies sind beliebt – zumindest bei Tierfreunden. 62 Prozent aller Haustierbesitzer laden regelmässig Bilder ihrer Tiere auf soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter. Zwei Drittel von Ihnen posten sogar mehr Fotos von ihren Tieren als von ihren Freunden. Das ergab eine Studie, für die 2000 Tierbesitzer in England befragt worden sind.

Der Pudel als grosser Star

Für die Aufnahmen scheuen Tierbesitzer keinen Aufwand. Sie lichten ihre Lieblinge nur im besten Moment ab, wählen Kamerawinkel und Lichteinfluss mit Bedacht. Ein gähnender Hund, der den Mund weit aufreisst, eine Katze, die sich in einem Wollknäuel verfangen hat, ein Zwerghase, der die Ohren flachlegt und verträumt in die Kamera blickt – Petsies sind immer entweder niedlich oder ulkig. Sie sollen im Betrachter entweder ein «Jöö!» hervorrufen oder ihn zum Lachen bringen.

Dieser Effekt lässt sich ziemlich gut kalkulieren und wird dann besonders gross, wenn man seine liebsten Vierbeiner (Kriechtiere oder gefiederte Zweibeiner sind selten dabei) in menschlichen Posen oder mit Kleidern ablichtet. Wenn man etwa einem Schwein eine Fliege umbindet oder einem Hund eine Kappe überstülpt. Selbstverständlich generieren solche Fotos die gewünschten «Likes».

Doch wer seinem Haustier wirklich die Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen will, die es verdient (und die ist aus Sicht der Haustierbesitzer schier unermesslich), der kommt nicht darum herum, seinem tierischen Liebling ein eigenes Facebook-Profil einzurichten. Vielleicht wird der Zwerghase oder der Pudel ja sogar zu einem grossen Social-Media-Star. So wie Boo, der Hund mit Bürstenschnitt und Stupsnase, einer ist. Auf Facebook hat der Hund mittlerweile über 15 Millionen Fans. Das sind sogar ein paar tausend mehr als Roger Federer hat.

Auf den Spuren Boos versuchen auch andere Tierbesitzer ihre Lieblinge in den sozialen Medien zu vermarkten. Tiere, die auf unwiderstehliche Namen hören wie Princess Monster Truck, Hamilton the Hipster Cat oder Menswear Dog. Einige von ihnen sind Werbeträger für Tierfutter oder treten in Videos für Tierschutzaktionen auf. Und dank Merchandising-Produkten entsteht für ihre Besitzer ein ganzes Business oder zumindest ein attraktives Nebengeschäft.

Ich weiss, wo deine Katze wohnt

Die Rechte an den Tierbildern gehören natürlich immer den Menschen, die sie gemacht haben und nicht den Tieren. Etwas anders ist es, wenn ein Tier selber ein Foto von sich schiesst. Zugegeben, das dürfte nicht allzu oft vorkommen. Dennoch sah sich die US-Copyright-Behörde kürzlich veranlasst, einen Präzedenzfall zu behandeln.

Dem Fotografen David Slater wurde im Regenwald die Kamera von einem Affen geklaut, der sich damit selbst fotografierte. Die Behörde entschied, dass bei diesen Bildern kein Copyright geltend gemacht werden könne, da das «Werk nicht von einem Menschen kreiert wurde». Zu diskutieren wäre auch, ob ein Selbstporträt eines Affen nun als Selfie oder als Petsie zu bezeichnen ist. Irgendwie ist es ja beides.

Das Schöne an Petsies ist, dass sie nie Ausdruck eines narzisstischen Triebs sind – auch dann nicht, wenn sich der Tierhalter mit auf das Petsie setzt. Denn Menschen, die sich zusammen mit Tieren fotografieren, sehen ja in Anbetracht der Niedlichkeit des Tieres immer ziemlich unvorteilhaft aus. Ihre narzisstischen Triebe geben Petsie-Fotografen als nicht preis.

Dafür vielleicht sonst mehr, als ihnen lieb ist. Denn (Tier-)Fotos, die mit einem Smartphone geknipst werden, landen oft mit den GPS-Daten des Aufnahmeortes im Internet.

Ein findiger amerikanischer Professor hat diese Daten genutzt und eine interaktive Karte von Katzenfotos gestaltet. Das Projekt soll Nutzer für Datenschutz sensibilisieren. Es heisst: «Ich weiss, wo deine Katze wohnt.»

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