Fränzi Zulauf

Noch bevor die beiden H1N1-Impfstoffe Pandemrix und Focetria tatsächlich im Aargau angekommen sind, herrscht Unmut unter den Hausärzten. Manche von ihnen haben sich gleich nach Bekanntwerden der vorgesehenen Impfstoffverteilung bei Kantonsarzt Martin Roth beschwert; einige dermassen enerviert, dass Hans-Ulrich Iselin, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands, mit der Bitte an seine Kolleginnen und Kollegen gelangte, «im Umgang mit dem Kantonsärztlichen Dienst die Umgangsformen zu wahren».

Stein des Anstosses ist der Impfstoff Focetria, der für Kinder ab 6 Monaten bis 18 Jahre und für Schwangere bestimmt ist. Er wird ausschliesslich an frei praktizierende Kinderärzte, Gynäkologen und Spitäler geliefert. Die Hausärzte fühlen sich einmal mehr übergangen und benachteiligt. «Etwa ein Drittel aller Kinder im Aargau sind nicht bei einem Kinderarzt, sondern bei einem Allgemeinmediziner in Behandlung», hält ein aufgebrachter Grundversorger aus dem Seetal fest. «Dieser Drittel aller Kinder darf und kann jetzt nicht geimpft werden, weil die Kinderärzte jetzt bereits überlastet sind.» Und: «Anstatt so lange alle Impfwilligen zu impfen, bis der Impfstoff alle ist, wird jetzt eine ganze Bevölkerungsgruppe per Dekret ausgeschlossen, weil sie den ‹falschen› Arzt hat.»

Rationierter Impfstoff

Sowohl Kantonsarzt Martin Roth, als auch Hans-Ulrich Iselin können den Ärger und die Frustration der Hausärzte zu einem guten Teil nachvollziehen. «Der Kanton Aargau erhält vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) genau 18 000 Focetria-Dosen», erklärt Martin Roth. «Und es gibt nur diese eine Lieferung, Nachschub wird es nicht geben. Der Impfstoff ist rationiert, das ist das Grundproblem. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren wir noch nie mit einer solchen Situation konfrontiert.» Eine spezielle Herausforderung war zudem, dass bis zum 23. Oktober niemand definitiv wusste, welcher Impfstoff in welcher Menge dem Aargau zugeteilt wird. Der Kantonsärztliche Dienst musste sich also innert kürzester Zeit etwas einfallen lassen, um die vermutlich ohnehin zu knappe Focetria-Menge opti-mal einzusetzen. «Es hat nicht genügend Impfstoff, um alle Kinder im Kanton zu impfen», hält Martin Roth fest. «Nur mithilfe einer restriktiven Zuteilung können wir garantieren, dass wir die Bedürfnisse der Risikogruppen abdecken können.»

Wie viele Eltern ihre Kinder überhaupt impfen lassen wollen - ob beim Spezialisten oder beim Grundversorger -, ist heute schwer voraussehbar. Der Präsident des Ärzteverbands, Hans-Ulrich Iselin, möchte auf jeden Fall vermeiden, dass sich die Arztkollegen untereinander in die Haare geraten. Er empfiehlt den Allgemeinmedizinern, sich mit den Kinder- und Frauenärzten in ihrer Region abzusprechen. «Es hat keinen Sinn, dass im Kühlschrank des Spezialisten Impfstoff liegen bleibt und der Hausarzt könnte sie gebrauchen», meint Iselin. «Eine gute Kommunikation ist äusserst wichtig, zumal wir keine Ahnung haben, wie sich die Nachfrage entwickelt.» So oder so: Die Risikokinder werden bei der H1N1-Impfung auf jeden Fall zuerst berücksichtigt.

Weniger Probleme gibt es beim Impfstoff Pandemrix für Erwachsene ab 18 Jahren. Davon erhält der Aargau in einer ersten Tranche 45 500 Dosen und auch die Hausärzte werden berücksichtigt. Die erste Lieferung, die zwischen dem 9. und dem 16. November eintreffen sollte, ist in erster Linie für Angehörige von Risikogruppen (Gesundheitspersonal, Personen bis 64 Jahren mit chronischen Krankheiten) gedacht. Eine weitere Lieferung ist bereits zwei Wochen später vorgesehen.

Widersprüchliche Weisungen aus Bern

Unzufrieden sind viele Hausärzte auch über der Informationspolitik des Kantons. Ärzteverbandspräsident Hans-Ulrich Iselin indessen weiss: «Vonseiten des BAG kamen wöchentlich andere, teilweise widersprüchliche Informationen und Weisungen. Die kantonsärztlichen Dienste hatten die undankbare Aufgabe, diese korrekt und kohärent zu interpretieren.» Kantonsarzt Martin Roth ergänzt: «Angesichts der verwirrlichen Informationsflut versuchten wir, nur möglichst gesicherte und nützliche Informationen weiterzugeben.»