Jürg Gohl

«Eine Schule für zwei Basel»: Diesen Slogan haben Urs Wüthrich und Christoph Eymann, die Bildungschefs der beiden Basler Halbkantone, kürzlich für das geplante gleiche Schulsystem für Baselland und Basel-Stadt geprägt. «Eine Schule für zwei Basel»: An den Gymnasien werden die beiden Regierungsräte gleich beim Wort genommen.

Auch wenn sich noch niemand auf einen Zeitpunkt festlegen will, so hegen nicht nur die Rektoren, sondern auch die Amtsstellen die feste Absicht, dass Gymnasiasten und Gymnasiastinnen von Roggenburg bis Ammel, vom Belchen bis zum Rheinknie, wählen können, an welcher der insgesamt neun entsprechenden Schulen der Region sie ihre Reife für ein Hochschulstudium erlangen wollen.

Zwar besteht diese «Personenfreizügigkeit» bereits unter den städtischen Gymnasien, die so auch ihre Spezialitäten und Stärken entwickeln konnten. Im Landkanton gilt aber noch das Wohnortsprinzip: Wer östlich der Hülftenschanz wohnt, kommt nach Liestal, die Agglomerationsgemeinden verteilen sich auf die vier anderen Gymi. Verschiedene Gemeinden sind dabei aufgeteilt, um so Über- und Unterkapazitäten auszugleichen. Im Aargau haben die Schüler freie Wahl, in Solothurn offiziell ebenfalls.

Erschwerend kommt im Baselbiet hinzu, dass diese Regelung aus verschiedenen, unter anderem auch rein historisch bedingten Grünen, aufgeweicht wird: Schüler aus Allschwil und Schönenbuch können zwischen Oberwil und Basel wählen, 48 Prozent des Bestands des Gym Muttenz reisen sogar aus 30 Fricktaler Gemeinden, also aus dem Kanton Aargau, an. Bikantonal ist auch das Gymnasium in Laufen.

Nun aber sollte es schon bald kein Problem mehr sein, einen Sissacher Schüler an einem Basler Gymnasium zuzulassen oder eine junge Baslerin, der im eigenen Kanton die Klassen zu gross werden, am Gymnasium Münchenstein an der Grenze zur Stadt willkommen zu heissen.

Wenig Angst vor Wettbewerb

Die Befürchtung, dass der freie Markt unter den Gymnasien Gewinner und Verlierer schaffen oder es unter den rund 3000 aktuellen Gymnasiasten zu grossen Umzügen kommen wird, ist allerdings bei keinem Schulleiter auszumachen. Kein Gymnasium wird nun allmählich austrocknen oder umgekehrt bald aus allen Nähten platzen. Denn in der Praxis können Schülerinnen und Schüler künftig ihr Wunschgymnasium und eine zweite Priorität wählen und werden dann je nach Platzangebot aufgenommen.

«Es geht nicht um eine freie Schulwahl», präzisiert Roland Plattner, der Generalsekretär der Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion, «sondern um eine gelenkte freie Schulwahl.» Er bestätigt, dass sich die Kantone kürzlich zu einer Auslegeordnung zum Thema «Freizügigkeit, Autonomie und Wettbewerb an den Mittelschulen» getroffen haben. Auf seinem Amt wird vorsichtig von «der Schulwahlfreiheit möglicherweise in überschaubarem Rahmen» gesprochen.

«Der Schulweg wird das erste Kriterium bleiben», beruhigt Werner Baumann, Rektor am Gymnasium Oberwil und Vertreter seiner Schulstufe in der kantonalen Kommission für den Bildungsraum Nordwestschweiz, «Schweizer sind extrem sesshaft», sagt er und belegt seine Sicht mit Zahlen: 70 Prozent der Gymnasiasten der Region wählen nach der Matur die Uni Basel, an die Uni Genf fahren von hier derzeit gerade mal rund 30 Studenten.

Die Baselbieter Gymnasien gelten im Vergleich zu Basel-Stadt wohl als die strengeren und deshalb besseren. «Nach Basel locken dafür eher die Vorzüge der Stadt», hält Pierre Felder, der Leiter der Basler Volksschulen, diesem Argument selbstbewusst entgegen. Baumann erinnert daran, dass es im grossen Kanton Zürich keine einzige hatte schliessen müssen, nachdem die Freizügigkeit am Gymnasium eingeführt worden war. «Ebenso stark wie die Qualität der Schule zählen doch andere Faktoren wie Busverbindungen,die Mensa und die Wahl der Freunde», ergänzt der Oberwiler Rektor.

Kein Boom in Liestal erwartet

Selbst Thomas Rätz, der Rektor des Gymnasiums Liestal, übt sich in Zurückhaltung. Obwohl die Abgänger seines Hauses bei den Aufnahmetests für die ETH landesweit für Furore gesorgt haben, glaubt er nicht, dass sich nun bei ihm Warteschlangen bilden und Liestal bei den Gymnasien zum Primus inter pares wird. Zumindest bei den Schülern. Bei den Lehrern hat das Interesse an einer Stelle in Liestal spürbar angezogen. Auch schliesst Rätz aus, dass sich nun ein Spezialitäten-Gymnasium entwickelt, Liestal also fast nur noch angehende ETH-Studenten zur Hochschulreife bringen wird.