Von Werner Schneiter
Vor wenigen Tagen hat Irene Enderli Haus- und Büroschlüssel des Verwaltungszentrums an ihren Nachfolger Robert Marty weitergereicht. «Mit ein bisschen Wehmut», gesteht sie, ohne dass sie aber den Rücktritt bereut. In Anspielung auf andere Beispiele sagt sie: «Man muss dann gehen, wenn die Leute einen noch loben». Sie spricht von einer schönen und bereichernden Zeit, in der sie viel gelernt und als Gemeindepräsidentin die Möglichkeit genutzt hat, aktiv zu gestalten und mitzuzimmern an der Zukunft des Bezirkshauptorts, der inzwischen zum anerkannten Regionalzentrum geworden ist. In diesem Zusammenhang hebt sie auch die Solidarität unter den 14 Gemeinden hervor, das Zusammenspannen in wichtigen Fragen. «Das pflegt der Bezirk Affoltern wie keine andere Region im Kanton Zürich», fügt Irene Enderli bei.


Unzählige Projekte verwirklicht
Volle zwei A4-Seiten umfasst die Liste mit Daten von Urnenabstimmungen und Gemeindeversammlungen, bei denen in den letzten zwölf Jahren über wichtige Projekte und Initiativen abgestimmt wurde. Überwiegend mit Erfolg. Sie reicht von der leidigen Geschichte einer Sanierung der Heizgenossenschaft Affoltern, über die Einführung der Kinderkrippe Kreisel bis zur Begegnungszone, von der Sanierung der 300-Meter-Schiessanlagen über den Umbau des Bahnhofs bis zur Realisierung des Verwaltungszentrums. Letzteres bezeichnet sie als ihr schönstes und prägendstes Erlebnis - endlich, nach über 40 Jahren evaluieren, unzähligen Variantendiskussionen nach gescheiterter erster Abstimmung über den Standort am Kronenplatz, sagte der Souverän Ja zu einem 21-Mio.-Franken-Kredit. Das war der grösste Brocken in der Geschichte von Affoltern, die Einweihung im Januar 2006 für Irene Enderli eine besondere Genugtuung und eine Erleichterung, dass nun die Verwaltung endlich zentralisiert werden konnte.


Ein bisschen «starrköpfig»
In ihren Anfängen als Gemeindepräsidentin im Jahr 1998 habe sie in der Bevölkerung grosses Misstrauen gegenüber der Behörde gespürt. Die leidige Sanierung der Heizgenossenschaft und Kalamitäten im Steueramt haben nach ihrer Auffassung auch dazu beigetragen. Mit der Sanierung des Bahnhofs Affoltern im Jahr 2000, für die Gemeinde mit Kosten von 5 Mio. Franken verbunden, erfolgte dann sozusagen der Startschuss eines Entwicklungsschubes. Als weitere Grossprojekte nennt Irene Enderli neben Verwaltungsgebäude auch die Einführung der Gemeindepolizei (2002) den Bau des Werkhofs im Jahr 2004, das Ja im zweiten Anlauf zur Begegnungszone an der Oberen Bahnhofstrasse und die Totalrevision der Gemeindeordnung im Jahr 2007.
Irene Enderli wird allüberall als Chrampferin, Kämpferin und als seriöse Schafferin wahrgenommen, aber manchmal auch als wenig humorvoll und gar verkrampft. Was sagt sie dazu? «Es stimmt, ich bin nicht die lockere Sprücheklopferin oder Witzeerzählerin und nicht die grosse Rhetorikerin. Aber ich kann beim Verfolgen von Zielen auch etwas starrköpfig sein, und vielleicht wirke ich dabei auch dominant - so, wie die im Sternzeichen des Löwen Geborenen halt oft sind». Jetzt huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, sie sagt aber sogleich auch: «Ich habe auch viel schlucken und mich dabei immer diplomatisch verhalten müssen. Gott sei Dank bin ich von robuster Natur».
Das war gewiss hin und wieder auch im Gemeinderat von Nutzen. «Wir haben aber im Gremium selten abstimmen müssen. Wir haben um Lösungen gerungen und den Konsens gesucht. Stand der Entscheid jeweils fest, so haben sich ausnahmslos alle daran gehalten».
Ohne Zweifel steht fest, dass Affoltern in den 12 Jahren, in denen Irene Enderli als Gemeindepräsidentin wirkte, durch die öffentliche und private Bautätigkeit zu einem echten Regionalzentrum mutiert ist. Der Entwicklungsschub war in dieser Phase der grösste in der Geschichte des Bezirkshauptortes. Und daran partizipiert Irene Enderli zu einem grossen Teil. Ein Vorhaben hätte sie indessen gerne noch in ihrer Amtszeit realisiert: die Festsetzung einer Zone für verkehrsintensive Einrichtungen. Zweieinhalb Jahre hat man im Gemeinderat bisher dafür investiert, einen Ortsentwickler angestellt, die Unterstützung der ZPK und sogar den kantonalen Richtplaneintrag. Und Investoren wie Hornbach, Migros (Albispark) und Hess (OVA-Gelände) sind da, die endlich bauen wollen. Nun droht die Verlängerung der Planungszone und ein Scherbenhaufen. «Es braucht wieder Zeit, diesen zu kitten», fügt Irene Enderli bei. Baubewilligungen können erst erteilt werden, wenn die Zonen für verkehrsintensive Einrichtungen innerhalb der Bau- und Zonenordnung festgesetzt ist. Im übrigen Industriegebiet seien neben der Ansiedlung von qualifizierten Arbeitsplätzen auch niederschwellige nötig, die der Bevölkerungsstruktur von Affoltern Rechnung tragen. - Der neu zusammengesetzte Gemeinderat müsse nun schauen, dass nicht alles abgeblockt werde. Als Trümpfe nennt Irene Enderli die Wohnzone in der Schwanden und die restliche Nutzung des Sonnenbergs, beides sehr gute Wohnlagen. Die besseren Steuereinnahmen von 2009 und die gestiegene Steuerkraft sind für sie Signale, dass sich Affoltern in positiver Richtung entwickelt und die Möglichkeit besteht, sich steuerlich hin zum kantonalen Mittel zu bewegen.


Enkel hüten und...
Nach Tausenden Stunden Aktenstudium, unzähligen Gemeinderats- und Kommissionssitzungen, Gemeindeversammlungen, Urnenabstimmungen, Spatenstichen, Einweihungen und anderen Festen nun von 100 auf 0 Prozent zurück? Natürlich nicht. Irene Enderli kann sich nun mehr Zeit nehmen für Wanderungen mit Ehemann Bruno, mehr Zeit für ihre Enkel und vermehrt kulturelle Veranstaltungen besuchen. Ganz abgenabelt vom politischen Geschehen ist sie auch nicht: Bis Mitte 2011 sitzt sie im Verkehrsrat des Kantons. Das Präsidium des Gemeindepräsidentenverbandes gibt sie am 5. Mai ab, wenn alle Gemeinden gewählt haben. Zudem ist sie bis im Juni Vizepräsidentin des leitenden Ausschusses im Gemeindepräsidentenverband des Kantons Zürich. Sie kann sich auch ein Engagement in der Arbeitsgruppe für Seniorendienste vorstellen. Und in der Spitalstiftung kann sie als Präsidentin nun auch mehr Zeit investieren, nach ihren Worten ein besonders grosses Bedürfnis.
Kein Bedürfnis verspürt sie hingegen, einem Verein als Aktivmitglied oder gar wieder einer Partei beizutreten - sie, die ja im Jahr 2007 nach einigen Anwürfen aus den eigenen Reihen («Totengräberin der Demokratie») im Zusammenhang mit dem Abschnitt «Einbürgerungen» in der neuen Gemeindeordnung aus der SVP ausgetreten ist. Da ist Gras darüber gewachsen. In Erinnerung bleibt ja nicht in erster Linie die SVP-Frau, die auch im Kantons- und Erziehungs- bzw. Bildungsrat gewirkt hat, sondern die Gemeindepräsidentin von Affoltern. Sie hat massgebliche Verdienste an der Entwicklung vom Dorf zur «kleinen Stadt».