Sabine Kuster

Nennen wir ihn Sven. Er ist Graffiti-Maler aus der Region Aarau. Mehr will er über sich nicht öffentlich bekannt geben. Denn die Graffiti-Szene, ist, was sie ist, gerade wegen der Arbeit im Versteckten. Da macht sich keiner Freunde, wenn er mit Journalisten redet. Sven bleibt während des Gesprächs skeptisch und zurückhaltend. Dennoch ist er schliesslich bereit, einen Einblick in die lokale Szene zu geben.

Erste Versuche waren illegal

Vor über zehn Jahren begann er sein Hobby mit Kritzeleien in Skizzenbüchern, so genannten Blackbooks. Er kaufte sich Zeitschriften und Filme über Graffiti. Und besorgte sich seine ersten Spraydosen im Heimwerkergeschäft Brühlmann. Später gab es diese auch in der EPA zu kaufen. Heute kauft er seine Farbe in speziellen Geschäften in Zürich, Basel oder Bern, wo die Dosen billiger sind und deren Farbe besser hält.

Über ältere Graffiti-Maler, die an legalen Wänden am Sprayen waren, kam er in Kontakt mit der Szene. Doch seine ersten Schriftproben waren illegal, meist in Unterführungen.

Das Illegale wurde zu riskant

Der Grund, warum Sven heute ausschliesslich legal sprayt, ist einfach: Er ist älter. «Viele werden mit den Jahren vernünftiger», sagt er, «mit einem regulären Job kann man es sich nicht leisten, in U-Haft zu sitzen.» Untersuchungshaft, Bussen, Wände putzen - Sven kennt die Bestrafungen für illegales Malen. Mit Folgen: «Es verleidet einem», sagt er. Ausserdem, fügt er grinsend an, seien ihm die riskanten Graffiti-Aktionen langsam zu anstrengend.

Das Illegale sei weniger der Kick als der Ort, sagt Sven. Geachtet wird unter den Graffiti-Malern, welche auf illegale Aktionen aus sind, wer Züge besprayt und «roof top», also den obersten Teil einer Hausfassade.

«Graffiti sind nicht politisch»

Die Gruppe der legalen lokalen Graffiti-Maler umfasse mehrere Dutzend Personen. Dazu gehören jene wie er, die sich auf kunstvolle Graffiti, also Schriftzüge, beschränken, und solche, die figürliche Bilder sprayen.


Daneben betrieben andere bloss sinnlosen Vandalismus oder sprayten politische Botschaften. «99 Prozent der politischen Sprayereien sind keine Graffiti», sagt er und versteht, wer sich über diese Schmierereien aufregt.

Von den Tags - den Autogrammen - auf den besprayten Wänden der Suhrer Badi ist er nicht beeindruckt. «Da ist kein Schwung drin, die sehen aus wie ausprobiert», sagt er beim Betrachten der Fotos. «Wer eine Spraydose in der Hand hält, macht noch lange kein Graffiti.» Dazu müsse man sich erst mit dieser Kunst auseinandersetzen.

Nur zwei legale Orte in Aarau

Er versteht, dass die Behörden sauer sind wegen der Schriftzüge an der Suhrer Badi. Dennoch gibt er zu bedenken: «Es gibt zu wenig Plätze, um legal zu sprayen.» In Suhr gibt es dafür gar keine Wände, in Aarau lediglich zwei Orte: die lange Wand beim Fussballstadion im Brügglifeld entlang dem Stadtbach und die Wände ums Jugendhaus Flösserplatz herum. «Junge haben es dort schwierig, denn es gilt der Kodex, dass Graffiti nur übersprayt werden dürfen, wenn der neue Künstler ebenso gut oder besser sprayen kann.» Doch nicht nur dies gilt: Wer etwas übersprayen will, fragt den Urheber in der Regel um Erlaubnis. «Die Graffiti-Szene ist eine zu eingeschworene Gemeinschaft, als dass man es sich leisten könnte, miteinander Streit zu haben», sagt Sven.

Während des Sprayens im Brügglifeld habe er nie negative Kommentare von Passanten gehört. «Die Leute finden es an den meisten Orten schön, weil es farbig ist», sagt er und findet auch bei besprayten Unterführungen oder Betonbrücken: «Das nackte Grau wäre nicht schöner.»

Tabu sind für ihn allerdings Kirchen, Friedhöfe, Altstadtbauten und Privateigentum. Ein gutes Tag an seiner eigenen Fassade würde ihn aber nicht stören, schliesslich sei es geschichtlich relevante Kunst, die ihren Ursprung in den Scrafitto des Alten Rom habe. - Kunst, die nicht zuletzt der Stadt einen urbaneren Touch gäbe.