Huttwil gedenkt an Stadtbrand

Gotthelfs «Brunst von Aufbegehrigen»

Huttwil gedenkt am nächsten Samstag an den Stadtbrand vor 175 Jahren

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Huttwil gedenkt am nächsten Samstag an den Stadtbrand vor 175 Jahren

Nächsten Samstag gedenkt Huttwil des Stadtbrandes vor 175 Jahren. Aus der Katastrophe ist das heutige Ortsbild mit dem Brunnenplatz und dem typischen Zwiebelhelm der Kirche entstanden.

Von Jürg Rettenmund

Vertraut man Jeremias Gotthelf, donnerte in den frühen Morgenstunden des 9. Juni 1834 sogar der «wohlbekannte Solothurner Eimerwagen» ins lichterloh brennende Städtchen Huttwil, um die Feuerwehrleute bei der Bekämpfung des tosenden Elementes zu unterstützen. Der Dichterpfarrer aus Lützelflüh weilte in jener Nacht bei seinem Huttwiler Amtskollegen und wurde zusammen mit den Einwohnern von einem heftigen Gewitter überrascht.

Als ein Blitz in die Zehnscheune hinter den beiden Häuserzeilen einschlug, stand innert kürzester Zeit das ganze Städtchen in Flammen. 30 Häuser, 15 Scheunen und auch die Kirche wurden ein Raub der Flammen, 74 Haushalte wurden zerstört, insgesamt 377 Personen wurden obdachlos.

Was Gotthelf in jener Nacht erlebte, gestaltete er später in seinem Roman «Geld und Geist» zur «Brunst von Aufbegehrigen». Ob er dabei den Solothurner Eimerwagen in dichterischer Freiheit einfügte, oder ob dieser tatsächlich auf dem Platz war, muss an dieser Stelle offen bleiben. Tatsache ist, dass die Feuerwehrleute von weit her dem Schein des Feuers am dunklen Nachthimmel folgten und auf die Brandstätte eilten.
Wie beschränkt die Möglichkeiten der Brandbekämpfung mit den damaligen Handdruckspritzen und Feuereimern waren, schildert Gotthelf eindrücklich. Die Gemeinde musste später die Eimer an ihre Ursprungsorte zurückbringen. Daran lässt sich ersehen, wie gross der Kreis der Helfenden in Huttwil war: Er reichte von Ettiswil im Luzerner Hinterland bis nach Lützelflüh, Burgdorf, Inkwil und Aarwangen.

Das abgebrannte Städtchen bestand aus zwei einfachen Häuserzeilen, die die Marktgasse säumten. Die meisten waren bloss aus Holz gebaut und mit Schindeln gedeckt. Entsprechend reichlich fand das Feuer Nahrung. Eine grosse Brandmauer aus Stein konnte nicht verhindern, dass sich dieses ausbreitete. Sie ragte am andern Morgen zusammen mit den Mauern der Kirche und den wenigen Steinbauten aus den rauchenden Trümmern.

Gross war die Hilfsbereitschaft auch nach der Katastrophe. Da in der Schweiz Versicherungen erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden, war nur die Hälfte der Schäden versichert. Deshalb war man sich gewohnt, in einem Umkreis um eine Brandstätte für die Betroffenen zu sammeln. Immerhin 13 Prozent des Schadens konnten so zusätzlich entschädigt werden. Da jedoch nicht alle Bevölkerungsschichten gleich gut versichert waren, entbrannten um die gerechte Verteilung langwierige Auseinandersetzungen.

Das gleiche lässt sich zu den Plänen für den Wiederaufbau sagen. Der Berner Regierungsrat wollte den Mängeln in der Brandsicherheit Rechnung tragen und sandte seinen Stadtarchitekten Johann Daniel Osterrieth nach Huttwil. Dieser entwarf Huttwil völlig neu, wollte die Häuser weiter auseinanderrücken oder solider in Stein bauen und mit Ziegeln decken.

Bei der mehrheitlich armen Bevölkerung stiess er damit jedoch auf Widerstand. Sie nutzten die Möglichkeiten der erst 1831 eingeführten demokratischen Verfassung und setzten sich zur Wehr. Erst ein Kompromissvorschlag, der möglichst viel beim Alten - vor allem auf den alten Fundamenten - beliess, fand schliesslich Zustimmung: Gegenüber der Kirche wurde eine Lücke in der Häuserzeile offen gelassen. Diejenigen, die dort weichen mussten, erhielten dahinter neue Hausplätze zugewiesen. So entstand das heutige Zentrum des Städtchens, der Brunnenplatz.

Auch die Kirche wollte Osterrieth neu bauen. Doch er musste dort ebenfalls nachgeben. Sie wurde bloss auf den Mauern der Brandruine wieder aufgebaut. Sie erhielt aber - ebenfalls eine Auflage wegen der Brandsicherheit - den Zwiebelhelm aus Kupfer, der seither zum Wahrzeichen von Huttwil wurde. Das nach dem Brand wieder aufgebaute Städtchen ist damit eine Mischung zwischen dem Ideal des klassizistischen Architekten Johann Daniel Osterrieth und den Kompromissen, die die Bewohner einforderten. Es ist damit ein Spiegelbild einer Zeit geworden, in der die Schweiz die ersten Gehversuche in der modernen Demokratie unternahm.

Die Kirchgemeinde Huttwil organisiert am kommenden Samstag ab 17 Uhr einen Gedenkanlass (Details unter www.refkirche-huttwil.ch, Rubrik Agenda). Sie sucht Wasserträger, die mithelfen, eine historische Wasserkette nachzustellen (Anmeldung unter medien.kirchgem.huttwil @bluewin.ch oder Tel. 079 356 45 77 (Kirchgemeinderat Heinz Graf). - Literatur: Jürg Rettenmund: Huttwil 1834. Erinnerungsschrift zum Wiederaufbau des Städtchens Huttwil nach dem Brand vor 150 Jahren. Huttwil 1984.

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