«Gibt es Konflikte, sind alle weg»

Psychologe Allan Guggenbühl kritisiert, dass schwierige Schüler zu oft sich selbst überlassen werden.

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Schweiz am Sonntag

Von Thomas Marth

Der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl beklagt die Abkehr vom Klassenlehrerprinzip sowie eine zunehmende Praxisferne in der Bildungswissenschaft und der Schulverwaltung. Er ist Initiator der Interessengemeinschaft «Kindgerechte Schule», die auch eine Internetplattform als Dis-kussionsforum für bildungspolitische Verantwortungsträger anbietet.

Herr Guggenbühl, Sie haben die Inte-ressengemeinschaft (IG) «Kindgrechte Schule» initiiert. Worum geht es?

Allan Guggenbühl: Wir sind vier. Ich, der Pädagoge Fritz Osterwalder von der Universität Bern, der Zürcher Kinderarzt Remo Largo und der Bündner Sprachdidaktiker Urs Kalberer - wir haben uns Gedanken gemacht zum Zustand der Schule. Um die Diskussion anzuregen, haben wir Thesen zur Verbesserung der Situation formuliert und stiessen damit auf grosses Interesse vor allem seitens der Lehrkräfte. Damit die Diskussion weitergeführt werden kann, wurde dann im März die Internetplattform www.kindgerechte-schule.ch gestartet.

Was läuft Ihrer Ansicht nach falsch an der Schule?

Zum Teil wurden Reformen von oben herab umgesetzt, die nicht abgestimmt sind auf die Psychologie der Kinder oder die Situation der Schulen.

Merken Sie das in Ihrer Arbeit?

Ja, natürlich. Ich merke das an Kindern und Jugendlichen, denen die Schule verleidet ist oder die finden, die Schule gehe sie nichts mehr an, ohne dass sich jemand dafür zuständig fühlt. Das hat sich verschärft. Die Frage der Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülern ist in der Pädagogik fast kein Thema mehr.

Von den angehenden Lehrkräften wird heute eine Spezialisierung auf gewisse Fächer verlangt. Das heisst, pro Klasse braucht es mehr Lehrpersonen.

Der Trend zur Teilzeitarbeit verstärkt diesen Effekt. Darunter leidet das Sys-tem mit einem Klassenlehrer als hauptsächlich zuständiger Bezugsperson für eine Gruppe Schüler. In einigen Schulhäusern ist diese Entwicklung weit fortgeschritten. Ich höre von Sekundarlehrern, die sagen: Ich habe jetzt 80 bis 100 Kinder pro Woche zu unterrichten, da kann ich unmöglich zu allen eine Beziehung aufbauen. Die Gefahr: Gerade die schwierigeren Jugendlichen bleiben sich selbst überlassen.

Allan Guggenbühl

Prof. Dr. Allan Guggenbühl, geboren 1952, ist als Kinder- und Jugendpsychologe in Zürich tätig. Es gibt von ihm zahlreiche Publikationen zum Thema Gewalt unter Kindern und Jugendlichen, zur Schule und zu entwicklungspsychologischen Themen. Er leitet das Institut für Konfliktmanagement (IKM) mit Büros in Zürich und Stock-holm, ausserdem die Abteilung für Gruppenpsychotherapie mit Kindern und Jugendlichen der kantonalen Erziehungsberatung in Bern. Im Weiteren ist er Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZ) und an der Hochschule für Angewandte Psychologie (HAP). Guggenbühl ist verheiratet und Vater

Sie werden oft für Interventionen in Schulklassen gerufen, die Konflikte haben. Wer ist da Ihre Ansprechperson?

Das ist genau das Problem, das nun auftaucht. Ich mache das seit 20 Jahren, und bisher war es meistens so, dass da ein oder zwei Lehrer waren, mit denen wir arbeiten konnten. Jetzt wird es vor allem in der Oberstufe immer schwieriger. Man findet oft niemanden, der verantwortlich ist - der Schulsozialarbeiter vielleicht oder die Schulleitung, je nach dem, aber niemand ist emotional präsent und sagt: Das ist meine Klasse. Das zeigt sich vor allem, wenn es Konflikte gibt. Dann sind alle weg.

Was sind die Folgen?

Das ist vor allem für Kinder, die sich über Widerstand oder Provokation in die Klasse einbringen, fatal. Sie laufen damit ins Leere, oder sie werden von der Schule ausgeschlossen.

Wo Provokation auch positiv sein kann.

Ja, Kinder und Jugendliche, vor allem die Buben, können «blöd tun». Das kann ein Weg der Annäherung sein. Es braucht dann aber eine Lehrkraft, die das aufnimmt, und nicht nur Verordnungen, die Strafen für unangepasstes Verhalten festlegen.

Der Lehrer muss sagen: Hör auf!

Ja. Aber Disziplinierung funktioniert nur über Beziehung. Dasselbe gilt für die Lernmotivation. Das Fachliche steht nicht im Vordergrund.

Der fachliche Aspekt werde überbewertet, sagen Sie. Inwiefern?

In der Pädagogik richtet man sich heute nach der Vorstellung, dass das Fach - Deutsch, Mathematik, Sozialkunde etc. - zentral ist. Die Person, die es vermittelt, ist sekundär. Sie wird als Lerncoach oder Lernmanager definiert. Und da sitzt man einem Irrtum auf. Die meisten Kinder lernen nicht wegen des Fachs, sondern wegen der Lehrperson oder der Position in der Klasse. Die Beziehung, so wird heute argumentiert, sei problematisch, da die Lehrperson das Kind zu sehr prägen könne.

Wo waren die Experten, als das alles auf den Weg gebracht wurde?

Da kommen wir zur These von Herrn Osterwalder, die auch meine ist: Das Problem heute ist, dass Schulreformen vor allem über so genannte Bildungsexperten laufen, die nicht in der Praxis der Schule stehen - Leute, die an Instituten arbeiten, die sich selber organisieren und an Kongressen vernetzen. Das ist wie ein abgehobener eigener Stand. Es gibt eine akademische Elite im Land, und die hat oft auch grossen Einfluss auf die Erziehungsdirektoren. Sie gibt den Takt vor bei den Reformen.

Nur weil sie theoretisch hergeleitet wurde, muss eine Idee nicht schlecht sein.

Die Quintessenz des Lehrerberufes ist das, was in der Praxis passiert, und die verändert sich mit neuen Herausforderungen laufend. Reformen sollten daher stets im Dialog mit der Praxis entwickelt werden. In der Medizin zum Beispiel konzipiert niemand neue Operationsmethoden, der nicht selbst operiert. Den Geistes- und Sozialwissenschaften hingegen - vor allem der Päd-agogik und der Psychologie - fehlt oft die Bodenhaftung.

Ist das ein Schweizer Phänomen?

Nein, ich habe mit schwedischen Schulen gearbeitet, dort hat man ähnliche Probleme, auch in Deutschland. Die Schweiz ist seltsam: Sie hinkt immer etwas hinterher. In Schottland zum Beispiel versucht man bereits wieder, von der Akademisierung wegzukommen - hier bei uns wird sie nun eingeführt.

Zurück ins Klassenzimmer: Die Schule wird auf das integrative Modell umgestellt. Das heisst: Auch schwache Schüler kommen in die Regelklassen. Ist dies eine verfehlte Reform?

Integration ist eine Notwendigkeit. Aber wie gesagt: Was bestimmend ist an der Schule, läuft innerhalb der Klasse ab. Hier hat Lernen viel mit Gruppendynamik zu tun. Wenn im integrativen Modell nun ein einzelnes Kind Schwierigkeiten hat, erhält es spezielle Erklärungen von einer zusätzlichen Lehrkraft. Der Lernprozess soll bei diesem Kind auf individueller Basis gefördert werden. Das ist eine abstrakte Idee und passt oft nicht in die Dynamik einer Schulklasse. Das betroffene Kind fühlt sich von der Klasse entfremdet und ausgestellt. Ein weiteres Problem ist: Sobald sich mehr als eine Lehrperson im Schulzimmer aufhält, beginnen die Lehrkräfte, sich aneinander zu richten und die Aufmerksamkeit von der Klasse abzuziehen.

Eine weitere Ihrer Thesen lautet, dass die Knaben und jungen Männer in der Schule zunehmend auf der Strecke bleiben. Damit haben Sie aber nur wenig Echo ausgelöst.

Das ist eine These von Remo Largo, der darauf hinweist, dass der Lehrerberuf zunehmend nur noch von Frauen ausgeübt wird. Ich unterstütze diese These, gewichte aber anders: Ich bin der Auffassung, die Pädagogik als solche hat sich feminisiert. Die Sozialkompetenzen werden zunehmend so definiert, wie es den Mädchen entspricht. Sie bringen sich eher über den Konsens ein. Buben hingegen provozieren gern, reden drein, hinterfragen. Wie gesagt, das ist normal, wird nun aber zunehmend als störendes Verhalten abgestempelt. Das ist effektiv ein Problem und wird einfach übergangen.

Sie kommen eher aus der progressiven Ecke. Nun sind Sie zur Galionsfigur der konservativen Kräfte in der Lehrerschaft geworden. Wie ist das für Sie?

Wir haben gefunden, dass man es nicht der SVP überlassen darf, über die Schule zu debattieren. Unsere Absicht ist es, eine mittlere Position anzubieten, wobei wir natürlich das Risiko eingehen, mit gewissen Etikettierungen versehen zu werden.

War früher vieles besser?

Die Schule hat in vielem eine gute Entwicklung gemacht, das ist unbestritten. Es laufen nun aber auch Dinge in eine falsche Richtung, was umso unerfreulicher ist, als die Schule vor grössten Herausforderungen steht.

Zum Beispiel?

Es brauchte vor allem ein Konzept, wie die ausländischen Schulkinder besser zu integrieren sind, damit sie nicht automatisch in den untersten Klassenschichten bleiben. Da gäbe es durchaus Möglichkeiten. Aus meiner beruflichen Erfahrung weiss ich, dass gerade diese Schüler auf Bezugspersonen angewiesen sind. Die Verkomplizierung des Systems, wie sie nun in Gang gesetzt wurde, überfordert viele und schadet ihnen somit.