Rosmarie Mehlin

Drei Tage nach seinem 20. Geburtstag wurde Fitim (Name geändert) in Fussfesseln in den Zurzacher Gerichtssaal geführt. Allzu oft war er schon abgehauen – aus Jugendheimen und geschlossenen Anstalten, in die er wegen seiner kriminellen Aktivitäten eingewiesen worden war. Denn gleich nach Abbruch der Schule hatte er sich einer deliktischen Karriere zu widmen begonnen, die am Winzerfest 2007 ihren traurigen Höhepunkt erreicht hat. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Ismet hatte Fitim damals drei Burschen mit einem Messer und einem Drehmomentschlüssel erheblich verletzt.

Im Juni 2008 hat das Bezirksgericht Zurzach die beiden hier aufgewachsenen Brüder der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen. Ismet wurde zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, Fitim, zur Tatzeit noch minderjährig, für drei Jahre in eine geschlossene Anstalt eingewiesen.

Verängstigte Zeugen

In einer solchen hatte er seit seiner Festnahme bereits gesessen – oder auch nicht: Im Mai 2008 war er einmal mehr ausgebüxt. Und sogleich hatte Fitim – notabene mit der Anklage wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Gepäck und einen Monat vor der Verhandlung – seinem Ruf als gefürchteter Gewalttäter daheim im unteren Aaretal alle Ehre gemacht: Am Klingnauer Stausee war er drei Gleichaltrigen –darunter einem ehemaligen Schulkollegen – begegnet. Mit verbalen Drohungen und teilweise massiven Schlägen hatte er die drei um zwei Natels und eine Musikbox erleichtert.

Vor Gericht berichteten zwei Geschädigte, Fitims Vater habe ihnen für die geraubten Natels 50 respektive 499 Franken bezahlt. Sie hätten ihm daraufhin schriftlich bestätigt, die Anzeige zurückzuziehen. Alle drei Geschädigten wirkten vor Gericht eingeschüchtert und verängstigt.

Auto «gekidnappt»

Zwei Tage nach dem Vorfall am Stausee waren Beteiligte und Geschädigte vom Vorfall am Winzerfest 2007 Fitim begegnet und hatten die Verfolgung aufgenommen. Auf seiner Flucht vor den sechs Verfolgern hatte Fitim, der keinen Führerschein besitzt, einen Automobilisten gezwungen, ihm sein Fahrzeug zu überlassen, und war davongeprescht. Nach seiner Festnahme hatte Fitim fälschlicherweise behauptet, die Verfolger hätten ihn mit Eisenstangen und Werkzeugen bedroht. So war er nicht «nur» wegen Raubes, sondern unter anderem auch wegen Nötigung und falscher Aussage angeklagt.

Auf eigenen Wunsch weilt Fitim seit letztem November nicht mehr in einem Heim für jugendliche Straftäter, sondern in einer Strafanstalt. Er weiss, dass er nach Strafverbüssung ausgewiesen wird. «Ich akzeptiere das», sagte er vor Gericht. Seine Antwort auf die Frage von Präsident Cyrill Kramer, wie er seine Zukunft sehe, fiel noch knapper aus: «Scheisse!»

Stumpf, verschlossen, grimmig sass er da, versuchte nur lasch, seine Taten zu verharmlosen. Laut und engagiert wurde er bloss, als Kramer fragte, warum sein Vater der Verhandlung nicht beiwohne: «Ich habe ihn höflich gebeten, nicht zu kommen, denn es reicht, wenn hier einer zum Affen gemacht wird.»

Noch zwei Jahre hier

Der Staatsanwalt forderte 18 Monate unbedingt und der Verteidiger tat sein Menschenmöglichstes, bei den Richterinnen und Richtern wenigstens ein Quäntchen Verständnis für seinen Mandanten zu wecken und ihm diesmal nur 9 Monate aufzubrummen. Nicht in diesem, aber in einem Punkt folgte ihm das Gericht: Bei der Aneignung des Autos und den falschen Anschuldigungen habe Fitim in einem so genannten Notstand gehandelt, da er offensichtlich in Panik gewesen war. Deswegen wurde er in diesen Punkten freigesprochen und die Strafe um 4 auf 14 Monate reduziert. Nachdem noch ein halbes Jahr Reststrafe wegen der versuchten Tötung offen ist, wird er noch rund zwei Jahre hinter Schweizer Gittern sitzen, bevor nach Kosovo abgeschoben wird. Dorthin dürfte ihm Bruder Ismet etwas später folgen müssen.