Susanne Brem

Die Güter für den nächsten Transport stehen bereit. Es sind Ultraschallgeräte, Säuglingsbetten, EKG-Apparate, Blutdruckmessgeräte, alles gebrauchte Apparate, in gutem funktionstüchtigem Zustand, die von hiesigen Spitälern ausrangiert oder durch modernere Geräte ersetzt worden sind. Noch stehen die Güter sorgfältig gelagert im

Dachgeschoss der Kinderklinik im Kantonsspital Aarau. Bald aber sollen sie via Deutschland und Holland verschifft werden. Bestimmungsort ist das Sacred Heart Hospital, ein Missionsspital in Abeokuta, im Südwesten von Nigeria, Westafrika.

Initiant des Ganzen ist Vincent da Silva. Bis zu seiner Pensionierung vor fünf Jahren war er leitender Arzt am Kantonsspital Aarau, mit Spezialgebiet Kinder-Neurologie. Für die Hilfe nach Afrika hat er vor zwei Jahren den Verein Support gegründet, dem er heute als Präsident vorsteht. «Kleine Anstösse haben grosse Auswirkungen dort», sagt er. «Was hier in Europa als ‹Abfall› gilt, rettet Leben in Afrika», das bewegt ihn, gibt ihm Motivation.

Dann zeigt er Bilder davon, wie der Verein Support bereits helfen konnte: «Früher legte man die Neugeborenen, die zu früh zur Welt kamen, in einfache Holzkistchen. Das musste genügen», erklärt er. «Dank Spenden stehen dem Spital heute für die Frühchen Isoletten zur Verfügung.» Daneben konnte man dem Spital auch eine Reihe Computer, zur Verbesserung des Verwaltungsapparates, Mikroskope für die dem Spital angegliederte Hebammenschule und andere nützliche Gerätschaften zustellen.

Der Verein Support sucht sich die Institutionen genau aus, bevor eine Zusammenarbeit stattfinden kann. Die Messlatte ist hoch. «Leider ist man es vielerorts gewohnt, auf Almosen zu warten», sagt da Silva, «wir aber streben Entwicklungszusammenarbeit an.»
Lange Jahre ein Einzelkämpfer

Das Spital in Abeokuta ist ein Missionsspital, das vor über 100 Jahren als Leprastation gegründet wurde. Die Grundstrukturen sind solide, und die Hierarchien beziehungsweise die Ansprechpartner bleiben gleich. Das sei in westafrikanischen Institutionen bei weitem nicht selbstverständlich, sagt er. «Wir suchen Institutionen aus, die schon früher bestrebt waren, Probleme aus eigenem Antrieb zu lösen.» Da Silva ist überzeugt, dass erst so Hilfe zur Selbsthilfe langfristig und nachhaltig wirken kann.

Sein Engagement für Westafrika begann schon vor Jahren. Lange kämpfte er allein für die Sache. Nach und nach konnte er die Ärzte des Kantonsspitals Aarau für sich gewinnen. «Diesem Team bin ich zu grossem Dank verpflichtet», sagt er. Vor zwei Jahren war Vereinsgründung und heute zählt der Verein Support nebst zahlreichen Gönnern und Sympathisanten stolze 54 Mitglieder aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; ein Team aus engagierten Professoren, Ärzten und Fachleuten.

Es sind Leute, die bereit sind, den Verein mit ihrem persönlichen Engagement zu unterstützen. Da sind zum Beispiel Frau Prof. Dr. Christa Einspieler und Dr. Peter Marschik aus Graz in Österreich, die mit grossem Engagement eine Kontaktgruppe in Österreich aufgebaut haben und demnächst selber nach Abeokuta reisen werden. Oder Prof. Dr. Hanspeter Gnehm, der seit seiner Pensionierung als Chefarzt für Pädiatrie am Kantonsspital Aarau ebenfalls zum Kernteam des Vereins Support gehört. Er wird bald zusammen mit Vincent da Silva nach Westafrika reisen. Mittlerweile strebt der Verein Support auch eine Mitarbeit bei Medicus Mundi an. Das ist der Dachverband, dem weltweit namhafte Hilfsorganisationen wie zum Beispiel Médecins Sans Frontières angehören.

Keine Chance auf Studium

Da Silva kam 1939 als zweitältestes von insgesamt 10 Kindern in Lagos, im Südwesten Nigerias, zur Welt. Dass er Medizin studieren konnte, war tatsächlich nicht selbstverständlich. Die Matura konnte er zwar machen, aber die Aussicht auf einen Studienplatz an der Universität von Ibadan, im Heimatland, war bei 70 Studienplätzen und 5000 Anwärtern jährlich praktisch bei null. Für ihn war klar, dass er ins Ausland musste. Ausdauer, viel persönliches Engagement und eine Portion Glück gehörten dazu. Ein Zufall führte ihn 1959 in die Schweiz, an die Uni Zürich. Die erste Zeit als Werkstudent war hart. Tagsüber studierte er und abends arbeitete er als Hilfspfleger in einem Spital. Später arbeitete er bei der Post, um über die Runden zu kommen.

Etwas vom Glück zurückgeben

Als er später durch eine Reihe glücklicher Zufälle zu Stipendiengeldern kam, fühlte er sich wie im siebten Himmel. 1967 erhielt er das Arztdiplom. Er bildete sich danach weiter in den Fächern Chirurgie und innere Medizin. Später spezialisierte er sich auf Neuropädiatrie.

1977 bot ihm das Kantonsspital Aarau eine Stelle als Oberarzt an. Doch er lehnte ab: Er wollte zurückkehren nach Nigeria, um in der Heimat nützlich zu sein. «Arbeit hätte es dort gegeben bis zum Umfallen», sagt er. Das Leiden der Bevölkerung war gross. Doch die politischen Scharmützel und die ständigen Militärputschs verunmöglichten jede

Arbeit.

Mit Ernüchterung kam er nach drei Jahren zurück in die Schweiz. 1981, kaum hier angekommen, holte ihn der damalige Chefarzt, Prof. Dr. Edward Gugler, ans KSA, wo er nun die Stelle als Oberarzt in der Pädiatrie übernehmen durfte. Schliesslich blieb er 22 Jahre am KSA, bis zu seiner Pensionierung. Die letzten 13 Jahre als leitender Arzt.

«Ich hatte so viel Glück in meinem Leben», sagt er heute, «jetzt ist es an der Zeit, dass ich meinem Heimatland etwas zurückgeben kann.» Genau deshalb hat er den Verein Support gegründet.