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Geschichten à la carte

Die Normalität ist nicht unbedingt das originäre Tummelfeld der Literatur. Aber was heisst schon normal. Wenn Alltag und Altstadt verschmelzen, entstehen aus der beiläufigen Alliteration intime Porträts kunsttrunkener Gegenwärtigkeit.

Markus Christen

Ein Serviertablett beladen mit teuersten Kristallgläsern fällt zu Boden und mit den Gläsern bersten auch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander. Für eine kurze Zeit wird jeglicher Zeitbegriff überflüssig. Was bleibt, ist eine momentane und vielfältige Perspektivität, die sich schillernd in den Scherben spiegelt.

Im Text «Die Schuld» von Sarah Colvin werden Schicksale aneinandergeknüpft. Das kleine Mädchen, dessen Murmel der Kellnerin vor die Füsse rollt, versteckt sich unter dem Tisch – und fühlt sich schuldig. Der potente Jüngling, der selbstbewusst nach der Aufmerksamkeit der Kellnerin giert, flüchtet schnell – und fühlt sich schuldig.

Die Chefin, hin- und hergerissen zwischen Anschuldigung und Mitleid, auch sie fühlt sich verantwortlich für die vielen Scherben. Und dies alles nur, weil sie zufälligerweise Anwesende sind, die nicht anders können, als sich zu beteiligen.

«No man is an island, entire of itself», schrieb schon der englische Poet John Donne in seinem wohl berühmtesten Gedicht. «Niemand ist eine Insel ganz für sich», denn wir alle sind durch unser Menschsein miteinander verbunden.

Natürlich, das ist ein politischer Gedanke, vor allem aber ist es eine poetische Provokation und selbst wiederum ein Schöpfbecken der Poesie.

Kein Text ist unschuldig

Bereits zum fünften Mal wird in diesen Tagen die Altstadt von Aarau zum Ausgangs- und Kulminationspunkt literarischer Texte. Die Frage nach der Schuld ist lange nicht die einzige, die aufgeworfen wird. Ohne zu viel zu verraten, kann getrost gesagt werden: Unschuldig ist keiner der Texte. Spätromantische Traumbilder huschen in «das Haus hinter den Häusern» von Claudia Leuch durch eine Altstadtgasse.

Stühle erwachen in «Möbelleben» von Oskar Jönsson vor der Crêperie in der Pelzgasse zum Leben, vor dem Restaurant Zum Frosch in der Adelbändli-Gasse wird die Geschichte auf einem silbernen Tablett serviert, à la carte sozusagen, auch wenn die Protagonisten der Geschichten dann nicht das bekommen, was sie eigentlich wollen.

Gäste werden zu Publikum

Rund 90 Zuhörer liessen sich die Premiere der Geschichten aus der Altstadt am Donnerstagabend nicht entgehen. Durch das Motto «Aufgetischt und abserviert» und die Inszenierung in Aarauer Gaststuben und Restaurants werden auch die dort anwesenden Gäste unweigerlich zum Publikum. Allein deren Reaktionen auf die unerwartete «Störung» sind äusserst spannend.

Auch wenn die Sprache bei den Geschichten aus der Altstadt im Vordergrund steht, wie Projektleiter Hannes Leo Meier von Szenart, der Gruppierung von Theaterschaffenden, erläutert, erhalten die Texte insbesondere durch die hervorragenden Sprecher und Darsteller und die grandios reduzierte Inszenierung von Anouk Gyssler ihr berührendes Leben eingehaucht.

Nach fünf Jahren beendet Gyssler nun ihre Mitwirkung bei den Geschichten aus der Altstadt. Für ihr kulturelles Engagement gilt es sich zu bedanken.

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