Carolin Frei

Mittwoch, kurz vor 14 Uhr. Nach und nach treffen die fünf Frauen, die bei Elisabeth Jucker die Biografie-Werkstatt besuchen, ein. Auf dem grossen Arbeitstisch liegen bunte Blätter, Stifte, Spitzer. Alles ist bereit, um den kreativen Wortfluss zu stimulieren. «Heute erstellen wir eine Requisitenliste», sagt Kursleiterin Elisabeth Jucker zu Beginn der Schreibrunde. «Stellt euch ein Zimmer vor, das zu einem bestimmten Lebensabschnitt von euch gehört und listet alle Gegenstände auf, die sich in diesem Zimmer befinden. Dies wird euch dabei helfen, Erinnerungen an die damalige Zeit wachzurufen.»

Dann wird es mucksmäuschenstill im Raum, man hört nur noch das Kratzen der Bleistifte und das Klacken der Laptop-Tasten. Nach kurzer Zeit haben die fünf Frauen ihr Blatt mit vielen Notizen vollgekritzelt, tauschen sich mit der Kursleiterin und untereinander aus. Ziel dieses Kurses ist es, einen individuellen Einstieg ins Projekt «Lebensgeschichte» zu finden und Episoden, Fragmente und Geschichten für sich und andere lesenswert aufzuschreiben. «Denn das eigene Leben ins Blickfeld zu rücken, ist interessant und faszinierend zugleich», sagt Elisabeth Jucker, Erwachsenenbildnerin und Autorin.

Was aber reizt die fünf Frauen, ihr Leben auf Papier festzuhalten? «Für mich ist das ein Aufarbeiten der eigenen Lebensgeschichte. Ich habe keine Verwandten in der näheren Umgebung und möchte deshalb auf diesem Weg für meinen Sohn und die Grosskinder festhalten, was ich erlebt habe. Meine Jugendzeit war von einem ganz anderen Milieu geprägt. Für mich hat das Niederschreiben meiner Biografie stark mit einem Vermächtnis zu tun», sagt Annelies Hubler aus Ennetbaden.

Auch Claudine Meier aus Niederrohrdorf sieht im Niederschreiben der Biografie zwei wesentliche Aspekte. «Mich reizt es nicht nur, die eigene Geschichte festzuhalten, sondern beispielsweise auch diejenige meiner Mutter, die damals in Österreich die Besatzung miterleben musste. Das liegt nur eine Generation zurück und trotzdem habe ich nur wenig Ahnung davon. Und zudem möchte ich mich mit der Biografie unserer Adoptiv-Kinder auseinandersetzen.»
Etwas anders klingt es bei Verena Fazzi aus Wettingen. «Mich reizt an diesem Schreibkurs, mich geistig zu betätigen und dabei mein Leben zu reflektieren. Grosse Erfahrung im Schreiben habe ich nicht. Ich habe jeweils auch etwas Mühe, bei den einzelnen Themen den Einstieg zu finden. Ich geniesse in dieser Runde vor allem auch das Zuhören, wenn die anderen ihre Geschichten vorlesen.»
Brigitte Haller aus Oberkulm will ihre Geschichten nicht für die Nachwelt festhalten. «Ich schreibe seit über zehn Jahren, habe bereits unzählige Hefte gefüllt. Ich mache dies jedoch nur für mich und habe deshalb mein Umfeld gebeten, all die Briefe und Hefte zu vernichten, wenn ich gestorben bin.»

«Ich habe bestimmt schon an die 100 Tagebücher mit meinen Eindrücken und Reisen vollgeschrieben», sagt Heidi Widmer aus Wohlen. Und dies sei auch nicht der erste Biografiekurs, den sie besuche. Der Reiz, wieder einen solchen Kurs zu belegen, liege auch darin, zu schauen, wie man 15 Jahre später an dieses Thema herangehe. Eine Gemeinsamkeit haben die fünf Frauen: Sie alle finden es spannend, das eigene Leben ins Blickfeld zu rücken.

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