Brugg
Gerichtsfall: Ohrfeigen reicht nicht für eine Verurteilung

Ohrfeigen liegen im Rahmen des elterlichen Züchtigungsrechts: Das geht aus dem Urteil des Bezirksgerichtes Brugg gegen ein Elternpaar hervor. Sie wurden vom Vorwurf der Tätlichkeit gegenüber ihrem Sohn freigesprochen.

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Louis probst

«Wir wissen, dass der Bub blaue Flecken hatte», erklärte der Vater des Kindes vor Gericht. «Wir haben uns auch Gedanken darüber gemacht, ob das vom Kindergarten oder vom Spielplatz herrührt.» Die Mutter sagte: «Wir haben die Flecken auch bemerkt und unseren Sohn deswegen gefragt. Er hat gesagt, dass er sich gestossen hätte.»

Lehrer schlugen Alarm

Vorgeworfen wurden dem Ehepaar Tätlichkeiten gegenüber einem seiner Kinder. Ausgelöst worden war die Untersuchung durch eine Meldung von Lehrpersonen. Diese hatten festgestellt, dass der Bub ungewöhnlich viele Hämatome aufwies. In der Folge waren die Eltern für vier Tage in Untersuchungshaft genommen und vom Bezirksamt Brugg wegen Tätlichkeiten zu Bussen von je 500 Franken verurteilt worden. Das Ehepaar erhob Einsprache. Damit hatte sich das Bezirksgericht Brugg mit der Sache zu befassen.

«Keine Misshandlungen»

Vor Gericht erklärte der Vater: «Ich habe meine Kinder zurechtgewiesen. Aber ich habe sie nicht malträtiert. Ich erkläre meinen Kindern, was sie falsch machen. Aber ich misshandle sie nicht.» Er machte zudem geltend, dass er nie gesagt habe, dass er seinen Kindern Ohrfeigen verabreichen würde. «Das hat die Polizei geschrieben», betonte er. Auf die Frage von Bezirksgerichtspräsidentin Franziska Roth, wie er seinen Sohn denn jeweils bestrafe, sagte der Angeklagte: «Das kommt auf die Si-
tuation an. Mit Fernsehentzug oder Zimmerarrest.»

Der Vater erklärte zudem, dass er seine Stelle verloren habe, weil ihn die Polizei am Arbeitsort festgenommen und in Handschellen abgeführt habe.
Auch die Frau versicherte - im Widerspruch zu ihren Aussagen in der Untersuchung -, dass sie dem Buben keine Ohrfeigen gegeben habe. Sie sagte, dass sie bei den Einvernahmen durch die Polizei Angst gehabt und dass man sie unter Druck gesetzt habe.

«Mein Mandant hat nichts Strafbares getan», betonte der Verteidiger. «Und das gilt auch für seine Frau. Daher muss ein Freispruch erfolgen.» Vorbehalten bleibe zudem eine Schadenersatzforderung. «Es ist klar, dass Lehrpersonen einschreiten müssen», sagte der Verteidiger. «Das Vorgehen ist hier aber unglücklich gewesen. Die Behörden sind viel zu weit gegangen. Der Strafbefehl ist ein Zeichen der Ratlosigkeit. Das muss jetzt korrigiert werden.»

Beweise fehlen

Das Gericht folgte - nach Anhörung auch der Lehrpersonen - dem Antrag des Verteidigers. Es sprach die beiden Angeklagten von Schuld und Strafe frei. Es billigte dem Vater zudem eine Entschädigung von 800 Franken für die vier Tage Untersuchungshaft zu.

Das Gericht ging zwar davon aus, dass die Eltern den Buben geohrfeigt, an den Haaren gezogen und mit der flachen Hand geschlagen hatten. Was sich aber nach Ansicht des Gerichtes noch im Rahmen des elterlichen Züchtigungsrechts bewegt. Wiederholte Tätlichkeiten könnten aber den Eltern nicht rechtsgenüglich nachgewiesen werden. Daher müsse ein Freispruch erfolgen.