Mägenwil
Gerichtsfall Mägenwil: «Ich habe meinen Vater vergöttert»

Heute befasst sich das Bezirksgericht Baden mit einem tragischen Vorfall vom September 2006 in Mägenwil. Ein damals 20-jähriger Mann soll seinen 51-jährigen Vater erschossen haben. Der Angeklagte bestreitet die Tat. Von der Staatsanwaltschaft werden acht Jahre Freiheitsstrafe gefordert. Der Mann hatte bereits als Kind Kontakt mit Waffen.

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Michael Spillmann

In Handschellen wurde der 24-jährige Mann gestern Morgen vom Bezirksgefängnis ans Bezirksgericht Baden geführt: Angeklagt, im September 2006 in Mägenwil seinen damals 51-jährigen Vater getötet zu haben. In einem weissen Kragenpullover nahm er vor den Richtern Platz. Immer wieder nahm er seine Brille ab und musste sich die Tränen abwischen.

«Ich habe meinen Vater vergöttert», versicherte der 24-jährige Informatiker, der mit 14 Jahren bereits Cannabis konsumiert hatte und später auf Kokain umgestiegen war. Sohn und Vater hätten tatsächlich in einer Symbiose gelebt, sie seien voneinander abhängig gewesen, schilderte ein Psychologe, der den Angeklagten während seiner Haftzeit betreut.

Doch es gab auch eine andere Seite: Die Alkoholsucht des Vaters zerstörte die Familie. Oder wie es Urs Oswald, der Verteidiger des Angeklagten, sagte: «Er war die Familienhypothek.» Der Geschäftsmann leerte täglich teilweise bis zu zwei Whiskeyflaschen, attackierte Frau und Kinder tätlich - und zeigte sich selber wegen häuslicher Gewalt an. Die Ehe zerbrach, schliesslich zog der Vater nach Mägenwil, sein Sohn folgte ihm. Doch nur zwei Tage später war die Tragödie perfekt.

Schon als Kind mit Waffen hantiert

Als Waffenfanatiker beschrieb sich der Angeklagte vor Gericht. Er habe, so der 24-Jährige, in schwierigen Zeiten Zuflucht bei den Waffen gesucht, das Hantieren und Manipulieren sei für ihn «zur Beruhigung» gewesen. Diese Vorliebe kam nicht von ungefähr: Sein Vater, ein leidenschaftlicher Waffenfan, hatte sich immer wieder schöne Sammlerstücke angeschafft. Zum väterlichen Waffenarsenal zählte auch eine silberne Walther PPK, die spätere Tatwaffe. So war der Sohn schon im Kindsalter mit Pistolen in Kontakt gekommen, später führte er im Wald heimlich Schiessübungen durch. «Ich habe das auch nicht verstanden, wie unbedacht und spielerisch mein Mann mit den Waffen in seiner Gegenwart umging», sagte die Mutter. Als der Vater dann plötzlich mit Selbstmord drohte, holte der Sohn die Waffe aus dem Tresor und nahm sie zu sich - und später mit nach Mägenwil in die neue Wohnung.

«Plötztlich hat es geknallt»

Kaum waren Vater und Sohn dort vereint, habe der 51-Jährige einen «Ausraster wie noch nie zuvor gehabt». Der Sohn zog sich in sein Zimmer zurück - und manipulierte zur Beruhigung mit der geladenen Walther PPK. «Mein Vater kam wie eine Furie ins Zimmer», erinnerte sich der damals 20-Jährige an den Abend des 6. Septembers 2006. Dann geschah es: Im Gerangel löste sich der für den Vater tödliche Schuss. «Er hat mich aufs Bett gestossen und plötzlich hat es geknallt», so der junge Informatiker. Wie das passieren konnte, sei ihm schleierhaft. Ganz anderer Meinung war Staatsanwältin Christina Zumsteg, die dem Angeklagten eine «unübersehbare kriminelle Energie» attestierte: «Ein Schuss löst sich nicht einfach so.» Sie verwies unter anderem auf ein Gutachten, in dem die Tat dreidimensional rekonstruiert wurde. Dieses kam zum Schluss, dass die Version des Angeklagten nicht stimmen kann. «Es gibt schlicht kein Motiv für einen Vorsatz», sagte hingegen der Verteidiger.

Zusammen mit anderen verhandelten Delikten fordert die Staatsanwältin für den 24-Jährigen eine achtjährige Freiheitsstrafe - abzüglich der Untersuchungshaft. Der Verteidiger plädiert in Bezug auf die Tötung auf Fahrlässigkeit. Das Bezirksgericht Baden will das Urteil heute eröffnen.

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