Geniesst die traditionelle Berufslehre zu wenig Prestige?

Die Lehre ist die ideale Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, sagt der Murianer Bäcker-Konditor und Ausbildner Burkard Kreyenbühl. Und Monika Meyer aus Mühlau beweist an ihrer Lehrabschlussprüfung, wie junge Berufsleute hohe Anforderungen meistern.

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Geniesst die traditionelle Berufslehre zu wenig Prestige?

Geniesst die traditionelle Berufslehre zu wenig Prestige?

Eddy Schambron

Die Hand von Monika Meyer zittert leicht. Aber aus der Tüte fliesst die flüssige Schokolade als saubere Schrift auf die Torte. «Zoo» schreibt die Auszubildende, und es ist eine der letzten Arbeiten ihrer Lehrabschlussprüfung. Thomas Steiner aus Küttigen, der neben Jolanda Rohrer aus Rheinfelden als Prüfungsexperte die Arbeit der 20-Jährigen mitverfolgt, sagt: «Nur nicht jufeln.» Und dann ist Monika Meyer am Ende ihrer praktischen Prüfung angelangt. Auf dem Arbeitsplan, der vor ihr liegt, steht ganz am Schluss von Hand hingeschrieben: «Mami anrufen» und «Schatz schreiben».

Konzentrierte Arbeit

Zwei Tage dauert der praktische Teil der Lehrabschlussprüfung. Der erste Tag ist der Bäckerei gewidmet. Weil Monika Meyer das Thema Zoo und Tiere für ihren Abschluss gewählt hat, fertigt sie unter anderem einen Elefanten als Partybrot. Selbstverständlich hat sie Teig für verschiedene Spezialbrote vorbereitet, arbeitet ihn nun auf und schiebt die Teiglinge in den Ofen. Die Expertin und der Experte, beides erfahrene Berufsleute, prüfen, ob die Brote knusprig sind, und begutachten das Flechtwerk der Zöpfe. Monika Meyer arbeitet konzentriert.

Berufsleute sind gesucht

«Die Berufsaussichten für Bäcker-Konditoren sind, wie für andere handwerklichen Berufe auch, gut», stellt Buki Kreyenbühl, Monika Meyers Chef, fest. Wer die Lehre mit Berufsmatur macht, kann sich später beispielsweise als Lebensmitteltechnologe weiterbilden oder sich mit der Höheren Fachprüfung auch als Unternehmer schulen lassen. Gute Leute sind auf dem Arbeitsmarkt gesucht, ausserdem winken spannende Jobs auch in der Gastronomie oder an Saisonstellen. Umso mehr ärgert sich Kreyenbühl, dass die Berufslehre weniger Prestige geniesst als der gymnasiale Weg (vergl. separaten Text). Eigentlich sei Bäcker-Konditor gar nicht mehr die richtige Berufsbezeichnung. «Heute sind wir Verpflegungsfachleute, weil das Angebot schon längst über Brot, Weggli und Guetzli hinausgewachsen ist.» Entsprechend breit sind die Anforderungen an Monika Meyer an der Lehrabschlussprüfung. «Der Druck ist gross», stellt sie fest, «und wenn Fehler passieren, ist es aus Flüchtigkeit und nicht aus Unvermögen.»

Süsser zweiter Tag

Der zweite Tag der Prüfung ist süss, am zweiten Tag kann und soll der Stift seine Kreativität ausleben. Auf den Arbeitsplan steht «Süssteig laufen lassen» oder «Mohrenköpfe backen», «Himbeer-Joghurt-Dessert machen» oder «Spitzbuben ausstechen». Die Apfel-Jalousien sind fast fertig und mit Puderzucker bestäubt, ebenfalls fertig ist die Apfeltorte, mit hübschen Marzipan-Äpfeln verziert. Monika Meyer blickt zur Uhr. Noch eine Stunde, und dann muss alles fertig sein. Obwohl die Zeit knapp ist, legt sie jeden Schwingbesen und jedes Werkzeug nach Gebrauch sauber gereinigt an seinen Platz zurück. «Ordnung und Hygiene lernen die Auszubildenden vom ersten Tag an», erläutert Experte Thomas Steiner. Er und seine Kollegin Jolanda Rohrer achten darauf, dass sie zwar präsent sind, aber durch ihr Beobachten nicht zu grossen Druck aufbauen.

18.30 Uhr. Monika Meyer legt den Spritzsack, mit dem sie die Himbeer-Desserts mit einem Rahmtupfer verziert hat, beiseite. «Mein Rücken schmerzt», stellt sie nach acht Stunden Arbeit fest, «das kenne ich sonst nicht.» Sie ist fertig mit ihrer praktischen Lehrabschlussprüfung. «Keine Ahnung, wie die Experten das Ergebnis beurteilen. Ich habe aber das Gefühl, gut gearbeitet zu haben.» Nicht ganz gelungen seien ihr die Vogelnestli. «Und die Pâte à choux», wie sie selbstkritisch anmerkt. «Normalerweise kann ich das gut.» Während sie die Arbeitsflächen reinigt und das verwendete Werkzeug in die Spülmaschine legt, bauen Regula und Buki Kreyenbühl alle Backwaren und Desserts zu einer Gesamtschau in der Backstube auf. Eingeladen sind Eltern und Freunde, um zu bestaunen, was Monika Meyer in harter Arbeit hergestellt hat. Und um es zu degustieren. Ob sie ihre Prüfung als Bäcker-Konditorin bestanden hat, wird sie allerdings erst im Juni erfahren – nach Abschluss der theoretischen Prüfung.